Tulpan eine andere Tonlage setzt: Zwei Männer und ein älteres Ehepaar sitzen in einem Zelt. Offenbar handelt es sich bei der Situation um eine Brautwerbung. Der jüngere der beiden Besucher, ein früherer Matrose der russischen Marine, versucht die Brauteltern und deren hinter einem Vorhang hervorspähende Tochter mit Anekdoten aus der Welt der Meeresungeheuer zu beeindrucken. Vor lauter Aufregung verheddert er sich jedoch in der Beschreibung eines Kraken und damit in einem abstoßenden Knäuel aus riesigen Tentakeln, furchterregenden Muskeln und schleimigen Saugnäpfen. Kein Schnitt erbarmt sich, die Erzählung zu unterbrechen. Auch das Abschiedsgeschenk des Werbers, ein geschmackloser Kronleuchter, kann nichts mehr herausreißen. Es ist ein Desaster.

Liebes- und Lebensgeschichten, die in der Weite der Steppe zwischen Jurten, verdorrtem Gras, Eselsdung und Schafherden spielen, bewegen sich immer recht nah an den Fallstricken des Folklorismus. Umso angenehmer, dass der kasachische Regisseur Sergey Dvortsevoy schon in der ersten Szene seines preisgekrönten Films

Nach seiner Militärzeit lebt Asa (Askhat Kuchinchirekov) mit der Familie seiner Schwester in einer Jurte, kaum akzeptiert vom ruppigen Schwager. Um als Hirte auf eigenen Beinen zu stehen, muss er heiraten. Doch dem Film scheint nicht sonderlich daran gelegen, die Geschichte der Brautwerbung voranzutreiben. Lieber zieht er uns hinein in eine Welt, in der zuerst und vor allem geschuftet wird. Es ist eine Arbeit zwischen Staubstürmen und sengender Sonne. Es geht um den mühsamen Schutz von Herden, denen Wasser und Gras fehlen. Hier werden mit dem Mund halb tote Lämmer beatmet und Benzinreste aus Gummischläuchen angesaugt. Die wüstenhafte Ebene filmt Dvortsevoy nicht pittoresk, sondern nüchtern, als einen Lebensraum, dem mühsam eine Existenz abgetrotzt wird. Hier gibt es auch keine Großaufnahmen von lächelnden pausbäckigen Kindern, allenfalls eine winzige Gestalt, die sich in der Weite ein Brett zum Spielen sucht.

Die angebetete Tulpan, so viel erfahren wir, habe den erzählfreudigen Werber abgelehnt, weil seine Ohren zu abstehend seien. Es nützt auch nichts, dass beim nächsten Besuch ein Illustriertenbild von Prinz Charles ins Feld geführt wird. "Wir haben einen Kerl, ihr habt ein Mädchen", sagt der Schwager im Zelt der potenziellen Brauteltern. Aber die Sache ist eben nicht so einfach, wie es die jahrhundertealten Hirtenregeln wollen. Tulpan möchte in die Stadt und studieren. Weg von einer Welt, in der Frauen viel Arbeit, aber wenig Perspektiven haben. Jedenfalls jenseits von Butterschlagen, Hammelbraten, Wäschewaschen und Kindererziehung. Der Exmatrose Asa wiederum ist noch nicht wieder angekommen in der Welt, aus der er stammt.

Sergey Dvortsevoy lässt seiner aufmerksam, aber nie aufdringlich beobachtenden Kamera Zeit. Auch für liebevoll erzählte Randfiguren, die den Film bevölkern. Etwa einen Tierarzt, der im Beiwagen seines Motorrads ein verletztes Kamelfohlen transportiert und von dessen stur hinterhertrampelnder Mutter verfolgt wird. Oder für den sehnsüchtigen Wasserfahrer, der sein Fahrerhäuschen mit Fotos großbusiger Frauen tapeziert hat. Sein scheppernder Kassettenrekorder sagt uns, dass Boney M. 35 Jahre nach ihrer Gründung nun auch die kasachische Steppe erreicht haben.

Die größte Freiheit, die sich dieser Film lässt, liegt in der Tatsache, dass er für seine Haupt- und Nebengeschichten einen unorthodoxen Ausgang erfindet. Ohnehin steuert Tulpan nirgendwo zielstrebig hin. Eher ermuntert er Figuren wie Betrachter mit seiner erzählerischen Offenheit, angesichts vermeintlich vorgeschriebener Lebenswege und Kinodramaturgien eine eigene Form des Glücks zu finden.