Wie werden wir grün? Ich bin das Problem
Je kaputter die Umwelt, umso größer meine Wagen: Bekenntnisse des Autoholikers Harald Welzer
Das Auto lebt in uns. Selbst wenn heute überdeutlich ist, dass in einer klein und flach gewordenen Welt mit hervorragenden Kommunikationsmitteln und fantastischen Technologien für öffentlichen Nah- und Fernverkehr, die an zu vielen Emissionen zugrunde zu gehen droht, das Auto nichts anderes als ein Anachronismus ist, ist seine Zeit noch lange nicht vorbei – es ist in unserer kulturellen Identität verankert wie kaum etwas anderes. Der Kapitalismus befriedigt Sinnbedürfnisse über Konsumchancen, und das Auto liefert Spaß, Macht, Distinktion, Freiheit, Komfort, Technologie und Sound – also das Maximum an konsumierbarem Sinn. Das Auto bildet eine mentale Infrastruktur, und alle Infrastrukturen strukturieren nicht nur Gegenwarten, sondern auch die Denkbarkeit von Zukünften; sie bilden Gravitationszentren des Gegebenen.
Hier muss ich autobiografisch werden. Seit ich mich mit Fragen des Klimawandels beschäftige, steht mir die Notwendigkeit eines radikalen Wandels unseres Lebensstils, und das heißt notwendigerweise auch und vor allem unserer Mobilitätskultur, glasklar vor Augen. In jeder Diskussion komme ich auf die Themen Energie, Emissionen und Mobilität zu sprechen und verleihe regelmäßig meiner tiefen Überzeugung Ausdruck, dass es pathologisch ist, mit großvolumigen Geländewagen durch Großstädte zu fahren. Die klimatische Großgefahr, die Oiloholiker-Gesellschaften wie die unsere eingehen, um an ihren Stoff zu kommen, steht für mich völlig außer Frage, aber nichts davon hat mich bis jetzt dazu bringen können, meine Autos abzuschaffen.
Sie haben richtig gelesen: Autos. Ich besitze dieses unzeitgemäße Verkehrsmittel sogar im Plural. Immerhin habe ich es vorletztes Jahr geschafft, meinen Bestand von drei auf zwei Fahrzeuge zu verringern, und ich darf zu meiner Entschuldigung vorbringen, dass ich die Autos zwar besitze und dafür Steuern, Versicherungen, Garagenmieten, Reparaturen, TÜV-Abnahmen sowie hin und wieder Ersatzteile und Pflegemittel bezahle, sie aber kaum fahre. Warum? Weil sie mir zu unpraktisch sind. Auf Distanzen bis zu 10 Kilometern ist das Fahrrad in jeder Hinsicht überlegen, auf Distanzen über 50 Kilometern ist die Bahn weitaus besser, und dazwischen liegt bei mir nichts an, und wenn es das täte, gäbe es noch den öffentlichen Nahverkehr. Ich habe die Autos nur deswegen, um sie zu haben, sie haben keinerlei Gebrauchswert, sind, mit Marx gesprochen, reiner Fetisch.
Warm eingepackt: Harald Welzer mit einem seiner Lieblinge
Das ist zugegebenermaßen merkwürdig, denn ich sollte Autos meiner eigenen Überzeugung nach ja nicht lieben, sondern mindestens so verabscheuungswürdig finden wie zum Beispiel Kohlekraftwerke, und ich sollte mich von diesem Verkehrsmittel des 20. Jahrhunderts so einfach, schlicht und umstandslos verabschieden wie von meinem Stromanbieter. Mach ich aber nicht. Um dieses merkwürdige, mir selber seltsam fremde Verhalten aufzuklären, hilft vielleicht ein Blick in meine Vergangenheit.
Ich bin 1958 geboren, also nicht ganz so alt wie die Bundesrepublik, aber doch alt genug, um den Hauptteil ihrer Entwicklung live miterlebt zu haben. Da ich aus sogenannten kleinen Verhältnissen komme, gab es zunächst bei uns kein Auto, vom Opel Rekord Caravan meines Opas abgesehen, aber der hatte ein Geschäft und gehörte in meiner kindlichen Theorie über die Welt ohnehin einer anderen Seinssphäre an. Mein Vater hatte allerdings ein Motorrad, und zwar zunächst eine DKW, später dann eine Adler, die er skrupellos der Witwe eines Mannes abgekauft hatte, der sich damit zu Tode gefahren hatte.
Ich erinnere mich bis heute geradezu körperlich daran, auf dem Tank jener Adler gesessen zu haben und mich am metallisch glatten Lenker festgehalten zu haben, unter mir der vibrierende und lärmende Motor, der Geruch von Zweitaktgemisch, mein älterer Bruder auf dem Schwingsattel hinter meinem Vater. Meine Erinnerung an das Objekt ist weit intensiver als jene an den Vorgang des Fahrens, und wahrscheinlich ist hier die erste Spur jener fetischhaften Objektfixierung zu finden, die bis in meine Garage führt. Das muss 1962 gewesen sein; da wurden drei Millionen motorisierte Fahrzeuge in Westdeutschland produziert, und zum ersten Mal war ein Umweltthema in einem Wahlkampf aufgetaucht: Der Himmel über der Ruhr müsse wieder blau werden, hatte Willy Brandt gefordert.
- Datum 07.12.2009 - 12:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
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...die nehmen (in der Regel) weniger Platz weg, machen kaum Dreck und laufen notfalls auch mit Solarenergie... und bei elektromagnetischen Tonrad-Hammonds aus den 30er bis 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist die Wertsteigerung enorm!
So ist da eben mit der Sucht. Entweder alles oder nichts. Nur sie sollte sich nicht immer als repräsentativ gerieren und Maßnahmen fordern, die nur sie allein betreffen .
In meinem Seelenleben sieht es ähnlich aus. Etwa so alt wie diese Republik korreliert meine Affinität zum Auto stark mit der Mobilitätsentwicklung dieses Landes. Dabei war mein konkreter Autokonsum letztlich mehr bestimmt durch Rationalität und begrenztes Budget als durch emotionale Träumereien: Fiat 500, R4, Passat Kombi, Volvo V70 (entsprechend der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes). Als ausgemachter Grüner musste ich es mir verkneifen, meine libidöse Sehnsucht nach Alfa oder Jaguar auszuleben. Zwar wächst die Toleranz mit dem Alter (auch gegenüber sich selbst), aber die Chance auf eine mobile Emotion scheint vertan. - Ein Elektro-Auto jedenfalls ist nur ein Placebo.
naja, von "müssen" kann man bei dem Verfasser wohl kaum sprechen. Es ist das "wollen", mangels Alternativen. Wenn es etwas Wichtigeres gäbe, stünden die Autos wohl nicht in der Garage.
Der eine leistet sich eben diesen Luxus, der andere jenen, das ist nicht schlimm und das muß jeder selbst wissen. Wir als Familie finden es eher schlimm, daß es für unsere Bedürfnisse keine passende Fahrzeuge gibt: Kurzstrecken müssen wir mit einem völlig ungeeigneten Vehikel bewältigen, wenn wir das ein paar Wochen hintereinander machen, läuft das technische Wunderwerk nicht mehr rund, da der Motor völlig verkohlte Brennräume und Einspritzdüsen hat.
Wenn es also ein kleines elektrisch angetriebenes Fahrzeug gäbe, mit dem man unbeschadetKurzstrecken fahren kann, und das jeden Tag, würden wir es kaufen. Diese Fahrzeuge könnte es schon lange geben, wenn die Fabriken das Problem erkennen würden und die Politik das fördern würde. Womit sollen wir also die 95jährige Oma zur Krankengymnastik bringen?
Hätten wir eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen, gäbe es längst leichtere, sparsamere Fahrzeuge, und es würde auch weniger gefahren, da es nicht mehr soviel Spaß macht.
Ich denke, diese Identifikation mit dem Fahrzeug (man bedenke, Auto = Selbst) ist genau so von der Industrie und der Politik gewollt, damit das Volk ein Ventil hat, seinen Frust auszuleben und sich wenigstens mit irgend etwas zu identifizieren. Sonst fängt man noch an, selbst zu denken, das wäre fatal!
Ich sammle nämlich Wasserkraftwerke. Antworten per PN
Diese herablassende, vordergründig ironisch eingepackte Selbstverständlichkeit, mit der jeder Autofahrer zum quasi Vollidioten und natürlich moralisch verwerflich handelnden Umweltsünder erklärt wird, ist indiskutabel.
Lohnt sich natürlich kaum, Argumente en detail zu diskutieren, denn wer so schreibt, hat an echten Diskussionen ohnehin kein Interesse.
Halten wir also einfach fest: Die Mehrzahl der erwachsenen Deutschen gehört erst einmal tüchtig umerzogen.
xxx
Ach, eine Frage noch: Der ÖPNV in Deutschland kostet heute schon zweistellige Milliardenbeträge an Subventionen pro Jahr, obwohl er nur Bruchteile der Verkehrsleistungen erbringt. Wie finanzieren wir das, wenn endlich das Auto weg ist und alle nur noch Bus und Bahn fahren? Und zwar zu kostendeckenden Preisen von etwa 20 bis 30 Cent je km? Und wieviel Spaß hätte der Autor an solchen Ticketpreisen? Die SPNV-Kunden allgemein jedenfalls vermutlich wenig, denn ausweislich seriöser Marktforschungen halten die das heutige beinahe-gratis-fahren im Preis-Leistungs-Verhältnis schon explizit für schlecht.
Welche Laus ist Ihnen denn über die Leber gelaufen? Wer fremdes als "Frechheit" deklariert, macht zuallererst einmal sich selbst "indiskutabel". Wer soll & kann da noch mit IHNEN diskutieren?
lernte ich einen liebenswürdigen Studenten kennen. Grün bis auf die Knochen und voll der Überzeugung, das unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem noch eine Lebenserwartung von höchstens 2-3 Jahren hätte. (Prognosen dieses Typs haben den unschätzbaren Vorteil falsifizierbar zu sein. Und tatsächlich sind sie dann falsifiziert worden.)
Soweit ist das alles unspektakulär. Was es berichtenswert macht ist die Tatsache, dass dieser junge Mann um sein Leben gern Motorrad fuhr. Als ich ihn augenzwinkernd darauf hinwies, dass dies ja nicht der reinen Lehre entspräche, antwortete er entwaffnend, dass er sich diesen Luxus einfach gönnen würde.
Und jetzt braucht Herr Welzer ein vielfaches, um zu sagen, dass er Autos mag, einfach so, unreflektiert, gewissermaßen "atomar", also ohne Kosten- Nutzenanalyse. (Er muss sich geistig schon weit von seiner Kindheit entfernt haben.) Porca miseria! würde der Italiener jetzt sagen.
Herzlichst Crest
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