Backpacker Abenteuer ohne RisikoSeite 3/3

Gegen Ende der Reise steige ich in ein Raumschiff. »Einen Screw Driver, bitte!«, sage ich zu einem indischen Bordoffizier, der an der Kommandobrücke der Apollo 96 lehnt. Dann setze ich mich zu meinen Mitreisenden aus aller Welt, die schon ihre bunten Cocktails mit Namen wie Moon Wrecker und Star Flash schlürfen. Die Themenbar in der Millionenstadt Madurai ist eine Attraktion für Touristen, landesuntypischer geht es nicht. In dem fensterlosen Raum trinken die Gäste Wodka, Gin und Rum. Im Hintergrund dudelt Musik von Britney Spears. Ich atme aus. Auf einer Abenteuerreise durch Südindien sehnt man sich manchmal nach einem Ort, wo niemand einen anstarrt, weil alle außerirdisch sind. Auch meine Mitreisenden genießen die Auszeit. Einzeln hätten wir uns mit dieser Doppelmoral wohl nicht so wohlgefühlt. Die Gruppe hat mich aber auch unternehmungslustiger gemacht. Nie wäre ich auf einen unruhigen Elefanten gestiegen, hätte nicht Sian entspannt vor mir gesessen. Niemals hätte ich mich mit ranzig riechendem Öl massieren lassen, hätte nicht nebenan Nelly genauso unentspannt auf der Liege gelegen. Die Chili wäre mir ebenfalls entgangen!

Am Ende der Reise habe ich so viel gesehen wie nie zuvor in so kurzer Zeit. Und mich dabei sicherer gefühlt als auf einer Polizeiwache. Aber weil ich immer nur gefolgt bin, weiß ich bei vielen meiner unzähligen Tempelfotos nicht mehr, von welchen Orten sie eigentlich stammen. Eine Sache bereitet mir noch mehr Gewissensbisse: Meinen Rucksack habe ich nicht einmal selbst getragen. Als ich ihn beim Check-in für den Rückflug auf die Waage wuchte, merke ich, dass er mit fast 25 Kilo Gewicht für eine echte Backpacker-Tour zu schwer gewesen wäre. Währenddessen schleppen Nelly und Sian ihre Rucksäcke zum Bahnhof in Kochi, die Tickets hat noch Isaac besorgt. Ziel? Hauptsache, Strand und kein Programm. Hotel? Irgendetwas findet sich schon. Budget? Für ein Bier reicht es immer. Dauer? Mal sehen. Ich würde gerne mitkommen.

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  Information Indien

Veranstalter: Die 14-tägige Reise »Best of Southern India« startet zweimal im Monat in Kochi. Unter der Marke goXplore (Tel. 0431/ 5446180, www.goxplore.de) bietet der Kieler Veranstalter Gebeco Abenteuerreisen auf der ganzen Welt an. Das Konzept: englischsprachige Reisen, kleine Gruppen (maximal 15), Teilnehmer aus aller Welt, erlebnisreiches Programm und kein hoher Komfort

Kosten: 699 Euro bei Unterbringung im DZ plus Kosten für Flug nach Kochi, Visum, Verpflegung, Trinkgelder und einzelne Aktivitäten. Nächste Termine: 13. bis 26. Dezember, 27. Dezember bis 9. Januar 2010

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Mutig.

    Also nach Malle ne Pauschalreise verstehe ich. Aber nach Indien? Mutig, mutig. Ein wirklich schön geschriebener Verriss. OK, Isaak ist symphatisch. Aber sich nicht von der Gruppe entfernen dürfen und Gin, Wodka und Rum in fensterlosen Räumen mit Britney Spears-Beschallung trinken, garantiert ohne Inderbeteiligung, hört sich übel an. Nebenbei im Schnelldurchgang einen Blick aufs Land werfen und mit angeschwollenen Füssen Kakalakenmassenmord begehen hört sich auch übel an. Gibt es von dem Trip keine Zusammenfassung auf DVD? Scheint, als ob das genügen würde.

    • Yadgar
    • 10.12.2009 um 21:02 Uhr

    ...spielt sich größtenteils im Kopf ab, nämlich als per Biochip-Implantat ins Gehirn eingespeiste Erlebnisillusion! Kein in die Stratosphäre gepumptes CO2, kein ruinöser Wasserverbrauch in ariden Drittweltländern, keine tourismusbedingte Straßenkriminalität (es sei denn, man bucht diese als Extra-Thrill gegen Aufpreis dazu), dafür wird es aber erstmals einem Massenpublikum möglich, die Erdumlaufbahn, den Mond und diverse Planeten des Sonnensystems zu bereisen, in Kubikmikrometer-Voxelauflösung und 100 frames per second! Und ich kann auf meine alten Tage doch noch nach Afghanistan...

  2. Viel gesehen haben die Teilnehmer also, zehn Tempel in vierzehn Tagen ist in der Tat sehr beachtlich! Quantitativ betrachtet, aber ich bin mir nicht ganz sicher ob auch qualitativ (obwohl ja Isaac dabei war und so nett die Hintergründe erklärt hat).
    Backbacking in seiner Ursprungsform ist was anderes. Sobald man ein paar tage unterwegs ist, ändert sich das Zeitgefühl. Man läuft nach "indischerer Taktung", Zeit ist relativ und hektik völlig überflüssig, denn man wird ja (wahrscheinlich?) eh wiedergeboren.
    Auch beginnt man, sehr gegenwartsfokussiert zu leben. Die Sinneseindrücke (nicht nur Sehen & Schmecken, sondern auch Riechen, Fühlen, Schemcken) machen das Jetzt so aufregend, dass man selbst die jüngere Vergangenheit meist sehr schnell nicht mehr im Bewußtsein hat. Und Spekulationen über die Zukunft (Wie sieht's im nächsten Dorf wohl aus?) entlarven sich eigentlich konsequent als völlig unzutreffend, wenn man in jener Zukunft tatsächlich ankommt. Desalb gewöhnt man sich die Spekulationen langsam aber sicher ab.
    last but not least, kommt man bei sich selber an, bei dem was man wirklich ist. Denn alles um einen herum (außer Sonne, Mond und Sterne) ändert sich beständig. Das macht zunächst Angst, aber im Überwinden dieses Umbehagens findet man seine eigene Stärke, seinen Kern, das was einen wirklich ausmacht. Das funktioniert wahrscheinlich aber nicht oder sehr viel schlechter, wenn man nicht den Mut hat, sich auf das Alleinsein in der unvertrauten anderen Welt eizulassen...

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