"Ohne sich der Unterstützung anderer zu vergewissern, ist das Individuum schwach"
ZEIT: Welche Strategie müsste hinzukommen?
Ernst: Es müsste schlicht weniger konsumiert werden, weniger Mobilität, weniger Bequemlichkeit. Viele Autos sind heute im Energieverbrauch luxuriöser als Flugzeuge, es gibt überall Aufzüge, wo man auch Treppen laufen könnte, und man könnte Mobilitätsformen neu kombinieren, in denen das Auto weniger wichtig ist – zum Beispiel ein Mix von Auto, Elektromobil, Fahrrad und S-Bahnen. Das nimmt einem etwas und gibt einem aber etwas Passenderes dafür zurück.
ZEIT: Das klingt nach Mogelei. Es geht doch darum, den Menschen real etwas wegzunehmen, nämlich Verschmutzungsrechte.
Ernst: Darum geht es – zugleich aber auch nicht. Denn eine Umgewöhnung, ein Umsteigen lässt sich durch ein quantitatives Mehr oder Weniger nicht beschreiben. Wenn der japanische Ministerpräsident in der sommerlichen Hitze unerhörterweise den obersten Hemdknopf öffnet und den Schlips ablegt, signalisiert er: Man muss nicht die Kühlanlagen noch weiter hochtreiben, es geht auch anders. Inzwischen übersteigt der Energieverbrauch fürs Kühlen ja den fürs winterliche Heizen. Eine Gesellschaft ist nicht monolithisch, es gibt Teile, denen es wichtig ist und die es schick finden, den Wollpullover anzuziehen oder Sonnenkollektoren aufs Dach zu setzen. Je mehr Faktoren man in einer Gesellschaft gleichsinnig polen kann, je mehr Gruppen oder Milieus man erreicht – die einen mit dem Argument des Geldes, andere mit dem Anreiz des Prestiges, dritte mit der Motivation der Umweltverantwortung –, desto weitreichender sind die Veränderungen, die entstehen.
ZEIT: Offenbar können Menschen in kleinen Gruppen besser lernen, sich umzugewöhnen. Dörfer, die sich energieautark machen, beweisen das ebenso wie Städte, die beschließen, das Autofahren zu verbieten oder einzuschränken, wie es etwa in Zürich geschehen ist. Was ist der Vorteil der relativ kleinen Gruppe?
Ernst: Je kleiner eine Gruppe, desto sichtbarer das Individuum, desto besser die Kommunikation. Auch das Aushandeln und Einhalten von gemeinsamen Regeln kann besser überwacht werden. Es entsteht leichter ein bestärkendes Zusammengehörigkeitsgefühl. Weil die Kommunen in Teilbereichen die Hoheit über Mobilität haben, über Energieversorgung und Wasser, sind sie eine besonders heilsame politische Größe. Die Energienetzkäufe haben sich nicht zufällig auf kommunaler Ebene abgespielt. In der Schwarzwaldgemeinde Schönau etwa, die sich nun beispielgebend selbst mit Energie versorgt, gibt es seit Jahrhunderten einen ausgeprägten Sinn für Autarkie. Die Schönauer nennen sich nicht umsonst Stromrebellen. Solcher Eigensinn ist eine politische Eigenschaft von Kommunen.
ZEIT: Was kann eine soziale Gruppe wie das Dorf oder die Stadt besser als das Individuum? Sie schreiben, es gehöre zu den wichtigsten Merkmalen psychisch gesunder Individuen, übermäßig optimistisch zu sein und sich von der Illusion leiten zu lassen, man habe die Lage im Griff. Beide Eigenschaften seien aber in Umweltfragen keine klugen Berater.
Ernst: Zum Glück ist die Gruppe vielfach klüger als das Individuum. Sie kann unter Gleichen Regeln festlegen, die alle respektieren, sie kann Anreize verabreden, deren Wirkung allen zugute kommen kann, sie kann Vernunft belohnen und vorausschauend Risiken minimieren. Deshalb gibt es Gremien, Parlamente, Gesetze. Die Kehrseite ist allerdings, wenn eine relativ homogene Gruppe sich allzu großartig findet und abweichende Meinungen unterdrückt. Die Voraussetzung für die soziale Klugheit einer Gruppe ist also soziale Heterogenität.
ZEIT: Und was kann das Individuum besser als die Gruppe?
Ernst: Der Einzelne ist zumeist nicht sehr motiviert, sich vernünftig zu verhalten, weil er sich sagt, dass er nur einer unter Milliarden ist und also sein Handeln nicht wirksam sein kann. Wenn man die Lage nur vom Individuum her sieht, liegt es nah, zu sagen: Das Klima ändert sich, der Mensch jedoch nicht. Aber sobald das Individuum merkt, es ist nicht allein, sondern zu mehreren, ist es in der Lage, anders zu handeln und neue Verhaltensweisen zu erproben. Ohne sich der Unterstützung anderer zu vergewissern, und sei sie ideeller Natur, ist das Individuum heute schwach. Die Zeiten der Heros sind vorbei. Die Institutionen und Sachverhalte sind zu komplex geworden. Allerdings zeigt sich auch, etwa in der Widerstandsforschung, dass einzelne Menschen mit ihrem Handeln geradezu ansteckend wirken können, also für andere ermutigend und musterbildend. Es macht nur Spaß, aus dominierenden Gruppen auszuscheren, wenn man nicht allein ist, und Einzelne können dafür die Richtung weisen.
Das Gespräch führte Elisabeth von Thadden
- Datum 07.12.2009 - 11:45 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
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drückt sich da bei Herrn Ernst aus. Machen wir eine bescheidene Probe seiner Worte aufs Exempel, statuiert an der Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln am Beispiel "Rauchen" (auf Umweltprobleme übertragbar):
"Fangen wir mit dem Staat an. Der Staat kann die Standards benennen, die er für wünschenswert hält; er kann Regeln setzen, denen sich alle gleichermaßen unterwerfen..."
Z. B. Erhöhung der Tabaksteuer = mehr Internet-basierte Billigimporte aus EU-Nachbarländern und zunehmende Schwarzmärkte (Nichtunterwerfung).
"Gewohnheiten bedingen unser Leben mehr, als wir wahrhaben.“
Stimmt, daher klaffen Wissen und Handeln oft auseinander.
"Zum Glück ist die Gruppe vielfach klüger als das Individuum. Sie kann unter Gleichen Regeln festlegen, die alle respektieren, sie kann Anreize verabreden, deren Wirkung allen zugute kommen kann, sie kann Vernunft belohnen und vorausschauend Risiken minimieren."
Wie soll die Gruppe das tun und warum sollte ich die Gruppenentscheidung als klüger erachten als meine eigene Entscheidung? Oder plastisch: Die Gruppe regelt das Rauchen = sie fördert damit auch das Entstehen von Raucherclubs.
"Der Einzelne ist zumeist nicht sehr motiviert, sich vernünftig zu verhalten.."
Wer entscheidet für den Einzelnen, was vernünftig ist? Und so mag die Gruppe oder der Staat z. B. das Rauchen für unvernünftig, ja schädlich einschätzen. Das Individuum entscheidet und nur das Individuum und dies für sich! vernünftig (sonst würde es sich ja anders entscheiden).
Da das Individuum von Geburt an (vielleicht Kaspar Hauser ausgenommen) in der Gruppe unterwegs ist und sich in seiner Sozialisationsphase eigentlich nur durch Menschen um sich herum identifiziert, ist es sein Leben lang im ständigen Abgleich seiner eigenen Einstellungen mit den Menschen um sich herum gebunden. Das wird für das Individuum zum Ermessensstandard. Natürlich kann sich jeder innerhalb dieses Ermessensspektrums frei entscheiden, nur ist der Aufwand, eine Entscheidung bewusst und in völliger Abwägung aller Alternativen zu treffen, sehr hoch. Daher ist die Orientierung an der Gruppe viel einfacher. Die Routine (Praxis) übernimmt hier die Funktion der immer neu zu treffenden Entscheidung für das Individuum ab. Und diese Praxis kann als Orientierungsfunktion nur durch die Gruppe geändert werden, an der man sich orientiert. Zollt einem die Gruppe Respekt oder Anerkennung für persönliche Leistungen, so ist man gewogen, diese Leistungen weiter zu vollbringen um weiter Anerkennung zu genießen. Würde die (lokale) Gruppe nun Anerkennung dafür gewähren, dass das Individuum seine Praxis für einen besseren Umgang mit dem Klima ändert, brächte dies mittelfristig eine weitgreifende Veränderung der Praxis auch über die eigene Bezugsgruppe hinaus!
Es ist daher also eher die Frage nach der Praxis des Einzelnen UND der Gruppe, nicht nach der Vernunft oder Unvernunft!
Da das Individuum von Geburt an (vielleicht Kaspar Hauser ausgenommen) in der Gruppe unterwegs ist und sich in seiner Sozialisationsphase eigentlich nur durch Menschen um sich herum identifiziert, ist es sein Leben lang im ständigen Abgleich seiner eigenen Einstellungen mit den Menschen um sich herum gebunden. Das wird für das Individuum zum Ermessensstandard. Natürlich kann sich jeder innerhalb dieses Ermessensspektrums frei entscheiden, nur ist der Aufwand, eine Entscheidung bewusst und in völliger Abwägung aller Alternativen zu treffen, sehr hoch. Daher ist die Orientierung an der Gruppe viel einfacher. Die Routine (Praxis) übernimmt hier die Funktion der immer neu zu treffenden Entscheidung für das Individuum ab. Und diese Praxis kann als Orientierungsfunktion nur durch die Gruppe geändert werden, an der man sich orientiert. Zollt einem die Gruppe Respekt oder Anerkennung für persönliche Leistungen, so ist man gewogen, diese Leistungen weiter zu vollbringen um weiter Anerkennung zu genießen. Würde die (lokale) Gruppe nun Anerkennung dafür gewähren, dass das Individuum seine Praxis für einen besseren Umgang mit dem Klima ändert, brächte dies mittelfristig eine weitgreifende Veränderung der Praxis auch über die eigene Bezugsgruppe hinaus!
Es ist daher also eher die Frage nach der Praxis des Einzelnen UND der Gruppe, nicht nach der Vernunft oder Unvernunft!
Da das Individuum von Geburt an (vielleicht Kaspar Hauser ausgenommen) in der Gruppe unterwegs ist und sich in seiner Sozialisationsphase eigentlich nur durch Menschen um sich herum identifiziert, ist es sein Leben lang im ständigen Abgleich seiner eigenen Einstellungen mit den Menschen um sich herum gebunden. Das wird für das Individuum zum Ermessensstandard. Natürlich kann sich jeder innerhalb dieses Ermessensspektrums frei entscheiden, nur ist der Aufwand, eine Entscheidung bewusst und in völliger Abwägung aller Alternativen zu treffen, sehr hoch. Daher ist die Orientierung an der Gruppe viel einfacher. Die Routine (Praxis) übernimmt hier die Funktion der immer neu zu treffenden Entscheidung für das Individuum ab. Und diese Praxis kann als Orientierungsfunktion nur durch die Gruppe geändert werden, an der man sich orientiert. Zollt einem die Gruppe Respekt oder Anerkennung für persönliche Leistungen, so ist man gewogen, diese Leistungen weiter zu vollbringen um weiter Anerkennung zu genießen. Würde die (lokale) Gruppe nun Anerkennung dafür gewähren, dass das Individuum seine Praxis für einen besseren Umgang mit dem Klima ändert, brächte dies mittelfristig eine weitgreifende Veränderung der Praxis auch über die eigene Bezugsgruppe hinaus!
Es ist daher also eher die Frage nach der Praxis des Einzelnen UND der Gruppe, nicht nach der Vernunft oder Unvernunft!
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