DIE ZEIT

Ilija Trojanow: Nein. Hätten Sie gefragt: Ist es gut, dass immer mehr Menschen auf Reisen gehen?, wäre meine Antwort anders ausgefallen. Aber eine Milliarde Touristen sind eine schlechte Nachricht.

Sabine Minninger: Vor dem Hintergrund des Klimawandels ist das sogar eine sehr schlechte Nachricht. Es ist nun einmal so, dass mehr Tourismus zu mehr klimaschädlichen Emissionen führt.

Harald Zeiss: Das ist mir zu einseitig. Tourismus schafft Arbeitsplätze und Wohlstand. Das sagt nicht nur die TUI. Für die Tourismusorganisation der Vereinten Nationen ist der Tourismus der Motor des Fortschritts in den Entwicklungsländern. Außerdem trägt er zur Völkerverständigung bei.

Trojanow: Der Tourist macht sich doch nicht auf den Weg, um die Fremde zu erleben! Er begibt sich in eine schützende Hülle hinein, in ein Ghetto, in dem der gleiche Komfort herrscht wie daheim.

Minninger: Warum sich einer auf den Weg macht, ist dem Klima egal. Wir reden von 900 Millionen Flugreisen im Jahr. Insgesamt macht der Tourismus bis zu 12 Prozent der globalen Emissionen aus. Da brauchen wir einen harten Schnitt.

ZEIT: Es gehört zu unserem Selbstverständnis, dass wir jederzeit überallhin können. Die UN hat die Reisefreiheit 1948 zum Menschenrecht erklärt. Wollen Sie dahinter zurück?

Minninger: Ich will den Menschen nicht das Reisen verbieten, ich will nur klarmachen, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Wenn wir vom Klimaschutz sprechen, müssen wir die Bedürfnisse der Länder, die wir bereisen, stärker in den Fokus rücken. Die leiden unter unserem Verhalten. Im Süden verdorren die Felder, und der Meeresspiegel steigt.

Trojanow: Und da sagen Sie, es mache keinen Unterschied, warum einer unterwegs ist? Niemand auf der Welt wird sagen, ich möchte nicht, dass die Frau Minninger uns besuchen kommt, weil das schlecht fürs Klima ist. Die Menschen sind begierig, andere zu empfangen und kennenzulernen. Aber wenn Sie fragen: Wollt ihr, dass unten am Meer der schönste Teil für ein paar weiße Zombies eingezäunt wird?, werden sie sagen: Auf keinen Fall! Nehmen wir drei ganz typische Reiseziele: Goa, Kenia und Ägypten. Da verbringt man seine Ferien hinter einer hohen Mauer. Das ist die kommerzialisierte Verhinderung des Reisens, ganz abgesehen davon, dass ein Tourist in Goa am Tag etwa hundertmal so viel Wasser verbraucht wie ein Einheimischer.

Zeiss: Herr Trojanow, wir bieten keine Gefängnisreisen an! Die Mauern um Hotels gibt es in Deutschland auch, sie dienen ausschließlich dem Schutz der Gäste. Natürlich dürfen alle raus, wir organisieren Ausflüge in die Umgebung, erklären das Land, seine Kultur, die soziale Lage. Aber die Leute reisen nun mal in erster Linie in die Ferne, um Sonne, Meer und Strand zu erleben. Ich finde das legitim.