Stadt im Test Wie grün ist Kopenhagen?

Klimafreundliche Hotels und Röcke aus Biowolle – Dänemarks Hauptstadt präsentiert sich mit Fahrradverkehr und Bio-Food ökologischer denn je.

  Natürlich ließe sich auch an einem besonders grauen Ort über die Zukunft der Erde diskutieren, gewissermaßen als Warnung. Leichter fällt es allerdings in einer Stadt, die sich bemüht, zu zeigen, wie eine bessere Welt aussehen könnte. Kopenhagen setzt nicht nur Maßstäbe in Sachen Fahrradverkehr und Bio-Food-Konsum. Beim diesjährigen Green Capital Award der EU landete die dänische Hauptstadt unter den acht Finalisten. Im August verabschiedete das Stadtparlament ein Projekt, das vorsieht, den CO₂-Ausstoß bis 2025 vollständig zu neutralisieren. Vor der Klimakonferenz präsentiert sich Kopenhagen grüner denn je. Ein wenig soll das auch auf die Besucher abfärben. Die Tourismus-Homepage www.visitcopenhagen.com gibt einige Tipps unter dem Titel »How to be a green tourist in Copenhagen«. Das wollen wir doch mal sehen.

1. Bike City

Wer sich während eines Besuchs in Kopenhagen möglichst untouristisch unter das Volk mischen will, kann versuchen, den Stadtplan auswendig zu lernen und seine Sätze mit »Hejs« zu spicken, die sich als Begrüßung wie auch als Abschiedsformel eignen. Durch nichts aber wird man kopenhagenesker wirken als mit zwei Rädern zwischen sich und dem Asphalt. Mehr als ein Drittel der rund 500000 Hauptstadtbewohner fährt Rad. Bis 2015, so der Plan, soll es sogar jeder zweite tun.

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Die kostenlosen Leihräder allerdings, die die Stadt zur Verfügung stellt, sind nicht nur zu bunt für einen unauffälligen Auftritt – sie sind auch schwer zu bekommen. Praktischer ist es, ein Fahrrad zu mieten und dabei die Welt gleich doppelt zu retten: Baisikeli Bikes, fünf Fußminuten vom Rathaus entfernt, verleiht stunden- und tageweise gebrauchte Fahrräder. Der Erlös kommt dem Aufbau einer nachhaltigen Fahrradindustrie in Afrika zugute, und auch die Räder selbst werden irgendwann nach Süden verschifft. Wann genau? »Wenn sie nicht mehr so gut in Schuss sind, aber auch noch kein Schrott«, sagt der junge Mann vom Verleih, ehe er die Schlüssel übergibt.

Das Damenrad der Kategorie Classic mit schwarzem Rahmen und freigekratzter Rahmennummer dürfte demnach schon sehr bald über afrikanische Straßen holpern. Aber es fährt. Der Himmel über Kopenhagen ist grau an diesem Morgen. Regenschauer lackieren die Kopfsteinpflaster der Altstadt, wo in Cafés warme, gelbe Lichter wie Kerzen am Straßenrand leuchten. Das Fahrrad übersetzt das Idyll der krummen, unebenen Gassen in Erschütterungen, die den Hintern schon nach wenigen Metern schmerzen lassen. Macht aber nichts. Darf nichts machen.

Persönliche Ökobilanz: CO₂-Ausstoß null, gutes Gewissen 100. Ein hervorragender Start.

2. Climate-friendly Hotels

Schwer zu sagen, warum man Nikolas Hall auf Anhieb abnimmt, dass er wirklich wissen will, wie es einem geht. Womöglich deshalb, weil er es schafft, auch noch die Vornamen seiner Gäste in die Frage einzubringen. Seit zwei Monaten gehört ihm das Bertrams Hotel Guldsmeden, dem er zuvor als Manager vorstand, ein 16-Betten-Haus im früheren Rotlichtviertel Vesterbro. Zum Frühstück gibt es Jazz, fair gehandelte Getränke und in Honig getoastete Biobrotreste vom Vortag als krosse Müslibeigabe. Sein Hotel sei nicht grün, sagt Hall. »Das Bertrams ist dunkelgrün.«

In allen vier Hotels der kleinen Guldsmeden-Kette legt man Wert auf Nachhaltigkeit. In den Badezimmern werden die Shampoo- und Duschgelflaschen mit biologisch abbaubarem Inhalt nachgefüllt, in allen Fassungen brennen Energiesparlampen, der Strom ist grün, und die Gäste werden höflich aufgefordert, ihren Müll zu trennen. Die wunderbaren Himmelbetten in den Zimmern allerdings stammen aus Indonesien, wie das übrige Mobiliar auch. »Nicht ganz unbedenklich, ich weiß«, sagt Hall, »die Verschiffung von Gütern zählt zu den größten Umweltsünden – aber dafür halten die Möbel länger. Und das Holz stammt aus nachhaltigem Anbau, was bei dänischem Design nicht immer der Fall ist.«

Man müsse, sagt Hall, eben immer abwägen, bis auf welche Spitzen man sein Umweltbewusstsein treibe. Zum Beispiel diskutiert er seit Wochen mit seiner Frau über die Sache mit dem Wasser. Das Kopenhagener Leitungswasser sei so sauber, dass man es bedenkenlos trinken könne. Deshalb stellen die Halls den Gästen Karaffen aufs Zimmer. »Aber ich habe schon oft gesehen, wie jemand abends auf der anderen Straßenseite Mineralwasser kauft. Und da frage ich mich schon: Soll ich meinen Gästen meine Vorstellungen wirklich aufzwingen und dem Ladenbesitzer von gegenüber dieses Geschäft überlassen?«

Die meisten, meint Hall, kämen ohnehin nicht so sehr wegen der Nachhaltigkeit, sondern weil sie die informelle Atmosphäre im Haus schätzen, das untypische, weil undänische Interieur. »Die Umweltverträglichkeit ist da nur ein weiteres Plus.« Er entschuldigt sich. An der Rezeption steht wieder ein Gast, der gefragt werden will, wie es ihm geht.

Persönliche Ökobilanz: grün geschlafen, grün gefrühstückt und aus der Papierserviette noch ein Schiff gefaltet. Es wird immer besser.

3. Considerate Shopping

Draußen ist der Regen stärker geworden. Auf den Fahrradwegen Richtung Norden treten Kopenhagener mit aufreizender Unbeirrtheit in die Pedale. In Østerbro sind die Fassaden der Wohnhäuser gepflegter, die Auslagen der Geschäfte teurer und die Menschen unter den Regenschirmen stylisher als im proletarischen Südwesten der Stadt. Die Homepage des Tourismusbüros hat hier als Shoppingtipp auf einen Laden für fair gehandelte Accessoires aus Afrika hingewiesen. Aber an der fraglichen Hausnummer sind die Schaufenster verklebt. Von den Buchstaben über der Ladentür sind nur die Löcher in der Altbaufassade geblieben.

Die nächste Adresse von der Tippliste liegt quasi nebenan, im Arbeiterviertel Nørrebro, das man als die schlampige Schwester Østerbros bezeichnen kann. Bioläden grenzen an Waschsalons, vor denen Jugendliche mit tief ins Gesicht gezogenen Sweatshirtkapuzen bei laut wummerndem Hip-Hop das Ende des Schonwaschgangs abwarten. »Closed«, bedeutet ein Schild an der Tür zur kleinen Boutique MakeZenz – » 100 % Organic Avant-Garde «. Die Tür lässt sich trotzdem öffnen. Auf vier Kleiderstangen hängen Röcke aus Biobaumwolle, Cardigans aus Seide und Kaschmir, reduziert um bis zu 80 Prozent. Der Laden schließt erst am 15. Dezember.

Es sei in letzter Zeit immer häufiger zu Schießereien zwischen den Hell’s Angels und Jugendbanden aus dem Viertel gekommen, sagt eine der beiden Designerinnen, die im Nebenraum am Internetauftritt ihres neuen Labels basteln. Die Schlagzeilen hätten ihr Geschäft ruiniert. Als hinderlich dürfte sich allerdings auch erwiesen haben, dass die Boutique außer Bargeld nur dänische Kreditkarten akzeptiert. Traurig lässt die Designerin ihre Beinahe-Kundin ziehen.

Persönliche Ökobilanz: CO₂-Ausstoß immer noch neutral, gutes Gewissen – geht so.

4. Eat Organic

Beim Essen fällt das mühsam erstrampelte Fazit noch etwas unbefriedigender aus. Das versprochene Bio-Eis unweit der gescheiterten Boutique wird offenbar schon lange nicht mehr verkauft. Das im Internet beworbene Café Chill Out im schicken Quartier Frederiksberg hat vor vier Monaten aufgegeben. Jedenfalls sagt das der Kellner im Halifax Burger-Restaurant, das die Räumlichkeiten über dem Fitnessstudio übernommen hat. Er weist darauf hin, dass sie hier immerhin nur dänisches Fleisch verkaufen. »Alles organisch – das ist in der Krise einfach nicht zu machen.« Ihr Kaffee sei trotzdem fair gehandelt, sagt er. Es klingt ein bisschen trotzig.

Nächster Versuch in Kødbyen, dem schwer angesagten Meatpacking District Kopenhagens. Bei BioMio ist es gemütlich geworden, seit sich der Mittagsansturm gelegt hat. Die Gäste sind von den langen, hohen Tischen in die gepolsterten Sitzecken im Kerzenschein umgezogen. »Wir involvieren Sie mehr in Ihr Essen«, steht auf der Karte. »Wir haben den Mittelsmann gestrichen und bringen Sie direkt an die Quelle.« Man könnte auch einfach sagen: das Prinzip Kantine eben. An einer nahezu raumbreiten Theke unter Schiefertafeln wird das Essen beim Koch bestellt und der Verzehr auf einer Chipkarte vermerkt.

Der Hunger aber soll noch bis zurück in die Innenstadt halten, bis zum Nyhavn. Auf der kurzen Wasserzunge schaukeln am Abend die Ausflugsboote, gesäumt von bunten Giebelhäuschen, die im Laternenlicht in sattem Blau, Lila, Orange, Gelb und Brombeersaftrot leuchten. Das Restaurant Cap Horn wird im Netz als Ökopionier angepriesen. Junge Damen in dicken Mänteln pflücken Gäste von der Straße und begleiten sie in den Innenraum, der mit seiner Steuerrad-und-Tau-Optik ein wenig zu laut Hafenromantik schreit. Schwer zu sagen, ob vom früheren Anspruch tatsächlich nur das Brot und der Käse geblieben sind, die die Speisekarte als organisch ausweist. Womöglich macht das Lokal um andere ausgewählte Zutaten einfach weniger Bohei. Daran aber, dass sie lauwarm serviert werden und fade schmecken, kann kein Zweifel bestehen.

Persönliche Ökobilanz: Das darf nicht alles gewesen sein.

Draußen ist es dunkel geworden. Im Südosten der Stadt, am Hafen, liegt ein Dorf, das auf dem Gelände einer alten Kaserne seit mehr als 30 Jahren seine Unabhängigkeit behauptet. In Christiania, der alternativen Wohnsiedlung in Christianshavn, haben die Bewohner schon Kastenfahrräder gebaut und Solarzellen auf ihre Dächer geschraubt, als die Vorsilben Bio- und Öko- draußen noch als bräsig galten.

Das Restaurant im zweiten Stock des lang gestreckten Hauptgebäudes ist am späten Abend schon geschlossen. Ein Stockwerk tiefer soll später noch eine bekannte dänische Band spielen, was den Zutritt zur Bar 50 Euro kosten lassen würde. Dann lieber ein letztes Mal raus in den Regen, über die matschige Pusherstreet, vorbei an den Ständen, an denen Händler im Stromsparlampenschein Souvenirs und Kifferzubehör verkaufen. Aus einer graffitidichten Hütte links der unbefestigten Straße dröhnen Bässe in die Nacht.

Die Woodstock-Bar ist ein Ort, an dem man das Erscheinungsbild und den Promillepegel als Privatsache der Gäste betrachtet. Die ersten haben ihre Köpfe zum Schlafen auf der Tischplatte abgelegt. Ein Mann mit Schnauzer begleitet die Doors auf seiner Mundharmonika, was besser klingt als die Worte, die er in den Pausen zu sprechen versucht. Eine Frau mit welkem Haar lächelt glücklich ins Leere.

Christiania, sagt Einar, sei nicht überall so wie hier. Der Student versucht sich aus der Umarmung seines Nebenmanns zu befreien, während er erzählt, dass sich das einst widerständige Dorf in weiten Teilen längst dem Rest der Stadt angeglichen habe. Oder umgekehrt. Das Woodstock aber sei etwas Besonderes, weil die Atmosphäre hier freier, entspannter sei als anderswo. »Schau dich um – so was gibt’s sonst bestenfalls im Irrenhaus. Wunderbar!« Er habe auch Gras zu verkaufen, sagt Einar, und ein paar Aufkleber von amnesty international. Sein Gesicht leuchtet im Raum wie der helle Flicken auf einer alten Arbeitshose.

Zwischen Tresen, Tür und Einar, in der Mitte des Saals, drehen zwei Männer ihre Körper mit rauschweichen Schultern im Kreis, auf durchgetretenen Dielen. Sie halten Bierflaschen in der Hand, die Hausmarke Christiania. Ökobilanz: 4,5 Prozent Alkohol, 100 Prozent økologisk .

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Wie reist Frau Merkel eigentlich nach Kopenhagen an? Mit dem Fahrrad?

    Oder muss doch der Regierungsairbus herhalten?

    Hat sie da noch den kleineren A 310, oder ist ihr neuer A 340 schon geliefert?

    Zu einer ehrlichen Ökobilanz gehört auch die Anreise. Und die Frage, ob die Reise überhaupt nötig ist!

  2. 1. Teil: Ich glaube, dem Urteil des geneigten Artikelverfassers liegt unkritisch doch sehr viel retrospektive Dänemark-Nordseestrand-Romantik noch aus Schülerzeiten in tiefer Verwurzelung zugrunde. Offenbar scheint der Artikelverfasser nicht so häufig in Kopenhagen zu sein, ansonsten wäre er nicht so beeindruckt. Als Schleswig-Holsteiner bin ich überwiegend dienstlich seit mehr als 30 Jahren jedes Jahr mehrfach für 1 bis 2 Wochen in Kopenhagen und mußte im Laufe der Zeit leider feststellen, dass man dort heutzutage im Normalfall (also wenn nicht gerade Obama auftaucht) weder sehr ausländerfreundlich, noch sehr grün ist. Ersteres war früher einmal der Fall, hat sich aber im Laufe der Jahre leider stark zum negativen hin verändert. Mehr noch, vielleicht ist dem Schreiber einmal aufgefallen, dass es nur wenige Parks in der Kopenhagener Innenstadt gibt und fast gar keine Bäume oder Büsche an den Strassenrändern der Innenstadt stehen, speziell wenn man das z.B. einmal mit Berlin oder Hamburg vergleicht, also erheblich größeren Städten in D. Das meiste grün prankt in Kopenhagen in der Tat an den Häuserwänden, und zwar in Form von Wandfarbe. Das hängt z.B. damit zusammen, dass in Dänemark im Winter, anders als in D, immer noch tonnenweise Salz gestreut werden darf.

  3. ... Zusammen mit den neuerdings aus dem Boden schiessenden Glas-/Betonbauten erzeugt dies vielfach eine ausgesprochen steril-gläserne, irgendwie nicht besonders gesunde Atmosphäre. Zudem fahren noch viele alte Busse durch die Gegend mit viel Ausstoß an weniger gesunden Stoffen. Und das Essen, selbst in guten Mittelklassehotels, kommt oft aus der Retorte. Einfach mal Frühstück mit Rührei ausprobieren, schmeckt genauso wie es aussieht, nämlich überhaupt nicht, weil es eben aus dem Tetrapack kommt (mit viel künstlichen und Konservierungsstoffen). Vergleichsweise teuere Hotels in D machen das erheblich besser. Oder der beliebte Pölser, der in wunderbaren Kunstfarben auftrumpft, wie ansonsten auch viele andere Wurstsorten. Die sind nicht eben besonders gesundheitsfördernd und man sieht es Ihnen ob ihrer Warnfarben sogar an. Das läßt vermuten, dass da noch viel mehr drin sein könnte, als draufsteht. Wohl also dem, der Überraschungen liebt. Also vielleicht mal ein wenig öfter hinfahren und genauer bzw. mit kritischerem Abstand hinter die Kulissen schauen.

  4. [Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

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