Stadt im Test Wie grün ist Kopenhagen?Seite 3/3
Der Hunger aber soll noch bis zurück in die Innenstadt halten, bis zum Nyhavn. Auf der kurzen Wasserzunge schaukeln am Abend die Ausflugsboote, gesäumt von bunten Giebelhäuschen, die im Laternenlicht in sattem Blau, Lila, Orange, Gelb und Brombeersaftrot leuchten. Das Restaurant Cap Horn wird im Netz als Ökopionier angepriesen. Junge Damen in dicken Mänteln pflücken Gäste von der Straße und begleiten sie in den Innenraum, der mit seiner Steuerrad-und-Tau-Optik ein wenig zu laut Hafenromantik schreit. Schwer zu sagen, ob vom früheren Anspruch tatsächlich nur das Brot und der Käse geblieben sind, die die Speisekarte als organisch ausweist. Womöglich macht das Lokal um andere ausgewählte Zutaten einfach weniger Bohei. Daran aber, dass sie lauwarm serviert werden und fade schmecken, kann kein Zweifel bestehen.
Persönliche Ökobilanz: Das darf nicht alles gewesen sein.
Draußen ist es dunkel geworden. Im Südosten der Stadt, am Hafen, liegt ein Dorf, das auf dem Gelände einer alten Kaserne seit mehr als 30 Jahren seine Unabhängigkeit behauptet. In Christiania, der alternativen Wohnsiedlung in Christianshavn, haben die Bewohner schon Kastenfahrräder gebaut und Solarzellen auf ihre Dächer geschraubt, als die Vorsilben Bio- und Öko- draußen noch als bräsig galten.
Das Restaurant im zweiten Stock des lang gestreckten Hauptgebäudes ist am späten Abend schon geschlossen. Ein Stockwerk tiefer soll später noch eine bekannte dänische Band spielen, was den Zutritt zur Bar 50 Euro kosten lassen würde. Dann lieber ein letztes Mal raus in den Regen, über die matschige Pusherstreet, vorbei an den Ständen, an denen Händler im Stromsparlampenschein Souvenirs und Kifferzubehör verkaufen. Aus einer graffitidichten Hütte links der unbefestigten Straße dröhnen Bässe in die Nacht.
Die Woodstock-Bar ist ein Ort, an dem man das Erscheinungsbild und den Promillepegel als Privatsache der Gäste betrachtet. Die ersten haben ihre Köpfe zum Schlafen auf der Tischplatte abgelegt. Ein Mann mit Schnauzer begleitet die Doors auf seiner Mundharmonika, was besser klingt als die Worte, die er in den Pausen zu sprechen versucht. Eine Frau mit welkem Haar lächelt glücklich ins Leere.
Christiania, sagt Einar, sei nicht überall so wie hier. Der Student versucht sich aus der Umarmung seines Nebenmanns zu befreien, während er erzählt, dass sich das einst widerständige Dorf in weiten Teilen längst dem Rest der Stadt angeglichen habe. Oder umgekehrt. Das Woodstock aber sei etwas Besonderes, weil die Atmosphäre hier freier, entspannter sei als anderswo. »Schau dich um – so was gibt’s sonst bestenfalls im Irrenhaus. Wunderbar!« Er habe auch Gras zu verkaufen, sagt Einar, und ein paar Aufkleber von amnesty international. Sein Gesicht leuchtet im Raum wie der helle Flicken auf einer alten Arbeitshose.
Zwischen Tresen, Tür und Einar, in der Mitte des Saals, drehen zwei Männer ihre Körper mit rauschweichen Schultern im Kreis, auf durchgetretenen Dielen. Sie halten Bierflaschen in der Hand, die Hausmarke Christiania. Ökobilanz: 4,5 Prozent Alkohol, 100 Prozent økologisk .
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 07.12.2009 - 16:09 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Wie reist Frau Merkel eigentlich nach Kopenhagen an? Mit dem Fahrrad?
Oder muss doch der Regierungsairbus herhalten?
Hat sie da noch den kleineren A 310, oder ist ihr neuer A 340 schon geliefert?
Zu einer ehrlichen Ökobilanz gehört auch die Anreise. Und die Frage, ob die Reise überhaupt nötig ist!
1. Teil: Ich glaube, dem Urteil des geneigten Artikelverfassers liegt unkritisch doch sehr viel retrospektive Dänemark-Nordseestrand-Romantik noch aus Schülerzeiten in tiefer Verwurzelung zugrunde. Offenbar scheint der Artikelverfasser nicht so häufig in Kopenhagen zu sein, ansonsten wäre er nicht so beeindruckt. Als Schleswig-Holsteiner bin ich überwiegend dienstlich seit mehr als 30 Jahren jedes Jahr mehrfach für 1 bis 2 Wochen in Kopenhagen und mußte im Laufe der Zeit leider feststellen, dass man dort heutzutage im Normalfall (also wenn nicht gerade Obama auftaucht) weder sehr ausländerfreundlich, noch sehr grün ist. Ersteres war früher einmal der Fall, hat sich aber im Laufe der Jahre leider stark zum negativen hin verändert. Mehr noch, vielleicht ist dem Schreiber einmal aufgefallen, dass es nur wenige Parks in der Kopenhagener Innenstadt gibt und fast gar keine Bäume oder Büsche an den Strassenrändern der Innenstadt stehen, speziell wenn man das z.B. einmal mit Berlin oder Hamburg vergleicht, also erheblich größeren Städten in D. Das meiste grün prankt in Kopenhagen in der Tat an den Häuserwänden, und zwar in Form von Wandfarbe. Das hängt z.B. damit zusammen, dass in Dänemark im Winter, anders als in D, immer noch tonnenweise Salz gestreut werden darf.
... Zusammen mit den neuerdings aus dem Boden schiessenden Glas-/Betonbauten erzeugt dies vielfach eine ausgesprochen steril-gläserne, irgendwie nicht besonders gesunde Atmosphäre. Zudem fahren noch viele alte Busse durch die Gegend mit viel Ausstoß an weniger gesunden Stoffen. Und das Essen, selbst in guten Mittelklassehotels, kommt oft aus der Retorte. Einfach mal Frühstück mit Rührei ausprobieren, schmeckt genauso wie es aussieht, nämlich überhaupt nicht, weil es eben aus dem Tetrapack kommt (mit viel künstlichen und Konservierungsstoffen). Vergleichsweise teuere Hotels in D machen das erheblich besser. Oder der beliebte Pölser, der in wunderbaren Kunstfarben auftrumpft, wie ansonsten auch viele andere Wurstsorten. Die sind nicht eben besonders gesundheitsfördernd und man sieht es Ihnen ob ihrer Warnfarben sogar an. Das läßt vermuten, dass da noch viel mehr drin sein könnte, als draufsteht. Wohl also dem, der Überraschungen liebt. Also vielleicht mal ein wenig öfter hinfahren und genauer bzw. mit kritischerem Abstand hinter die Kulissen schauen.
[Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren