Kunstmarkt An den Ufern der Geschichte
Max Beckmanns »Blick auf Marseille« wird zum teuersten deutschen Gemälde des Auktionsjahres 2009
Anders als gerne behauptet wird, ist der Kunstmarkt der wahrscheinlich berechenbarste Markt der Welt. Denn es ist immer nur die Frage, ob und wann sich die beiden entscheidenden Parameter »Zeitpunkt« und »Qualität« kreuzen. Am Wochenende wurde in der Villa Grisebach Max Beckmanns Gemälde Blick auf Vorstädte am Meer bei Marseille aus dem Jahre 1937 für 2,6 Millionen Euro versteigert – also offensichtlich am idealen Kreuzungspunkt. Der Preis ist ein grandioser Erfolg für das Berliner Auktionshaus, das sich von Beginn an der Pflege des Erbes dieses vielleicht doch größten deutschen Künstlers des 20. Jahrhunderts verschrieben hat. Dass das Bild nun nach einer Verdopplung des Schätzpreises in eine süddeutsche Privatsammlung wandert, ist zudem ein eindrucksvoller Beleg für die Aktivität und Liquidität der einheimischen Kunstsammler. Doch das unschöne Wort von der »Portfoliodiversifikation«, das Ökonomen als Motiv für Kunstkäufe in Zeiten der schwelenden Finanzkrise geprägt haben, passt nicht zu der außergewöhnlichen Eleganz von Beckmanns Mittelmeerszenerie – und auch nicht zur Leidenschaftlichkeit des Bietgefechts. Das Gemälde aus der legendären Sammlung des Beckmann-Freundes Stephan Lackner wurde zum teuersten Landschaftsbild des Expressionisten überhaupt.
Nachdem Max Beckmann Hitlers Eröffnungsrede zur Ausstellung Die entartete Kunst im Radio gehört hatte, packte er seine Koffer und ging ins Exil nach Amsterdam. Sein zweites Bild, das dort 1937 entstand, nach dem Selbstbildnis Der Befreite, ist jene in Türkis- und Grüntönen schimmernde Mittelmeerlandschaft, in der es ihm gelang, das Sehnsuchtsgefühl einer ganzen Emigrantengeneration zum Bild werden zu lassen. Beckmann beschwört in seinem Gemälde die Gestade von Marseille als letzten Zipfel des alten, zivilisierten Europas – während fast zeitgleich Gottfried Benn, sein Halbbruder im Geiste (und in der Physiognomie), in seinem unseligen Brief an die literarischen Emigranten den Geflohenen um Klaus Mann Vaterlandsverrat unter den Palmen des Mittelmeers vorwarf. Genau daher rührt das irritierende unterirdische Beben, das uns noch heute aus Beckmanns Bild entgegendringt.
- Datum 02.12.2009 - 11:24 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
- Kommentare 3
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Einm Gemaelde der Landschaft die politische Bedeutung beizumessen ist weiter hergeholt.
Wenn eine Darstellung eines ins Meer streckenden Zipfels des Landes als was "letzten Zipfel des alten, zivilisierten Europas" interpretiert werden kann, koennte man wohl andersrum aus dessen Interesse sie auch als "Horn oder Anfangen der Hoffnung" gewisser extremischen Ideologie bezeichnen, die der Menschenheit die groesssten Katastrophe brachte.
Kuenstler ist Kuenstler, dessen Werke unbedingt in Politik einzuziehen, weckt den Verdacht der Propaganda.
In der Kulturrevolution musste ein chinesicher Maler in das Gefaengnis gehen, weil er eine Eule gezeichnet hat, ein deren Augen zu war, welche als "Partei gringschaetzend Bilcken" interpretiert wurde.
Dass heutzutag in Bundesrepublik noch jemander solches Spielchen treibt, kann man nur auf den Trick des Auktionhaus zurueckfuehren. Man versucht irgendwie den Millionen Preis zu berechtfertigen.
Es erstaunt mich aber einbisschen, dass 2,6 Millionen Euro schon zum teuersten Preis in 2009 in Deutschland zaehlt. In Volksrepublik kostet die Bilder schon laengst ueber 500 Millionen euro, weil es als Betreibskosten angesetzt werden kann.
kein "grandioser Erfolg für das Berliner Auktionshaus" und auch "kein eindrucksvoller Beleg für die Aktivität und Liquidität der einheimischen Kunstsammler" sondern schlicht die Not eines süddeutschen Reichen, der in der sich anbahnenden Inflation nicht weiß, wo er sein Geld unterbringen soll.
Posthum Gratulation an den großen Maler Beckmann.Hmmm,nur schade mal wieder,das Beckmann nichts davon hatte...verdammt!!!ist ja fast immer so.Wird mir auch so ergehen!Die Guten werden halt totgeschwiegen und sind fast am verhungern,dank der unwissenden Nullen... wie immer.Schön aber,das wenige schon langsam aufgewacht sind...einziger Trost:vom Himmel aus werde ich dann mit Genuß und Humor das Feilchen um meine Werke erleben dürfen.
h.m.j.
Maler,Bildhauer und Schöpfer der neuen Berliner Bärenskulptur von 1989,wo ein zweiter Bronzeabguss in der Gießerei Noack Berlin steht,und die eigentlich in das Auktionshaus Villa Grisebach hinein gehören sollte um anzuknüpfen an...
vbs: 700.000.- €
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