Maxim Biller Was mache ich hier?
"Der gebrauchte Jude": Maxim Biller hat ein bemerkenswertes Buch über seine Jahre in Deutschland und seine Monate bei der ZEIT geschrieben. Von Florian Illies
Saul Bellow, so schreibt Maxim Biller an einer sehr frühen Stelle seines sehr schmalen Buches, sei »für einen Schriftsteller viel zu intellektuell«. Als der große Autor Bellow einmal gefragt wurde, ob er Lust habe, für ein Jahr als Stipendiat nach Deutschland zu kommen, hat er mit Nein geantwortet, weil er wusste, was das bedeutet hätte: »Dann müsste ich ein ganzes Jahr lang nur Jude sein.« Der zehnjährige Maxim Biller wurde nicht gefragt, ob er nach Deutschland wollte, als seine Eltern 1969 von Prag nach Hamburg emigrierten. So muss er nun seit vierzig Jahren nur Jude sein. »Muss« er wirklich? Oder will er es auch? Auf diese Frage konzentriert sich seit zwanzig Jahren die Debatte über Biller, seit er als Journalist für Tempo und dann als Schriftsteller zu einem der markantesten jungen Autoren in deutscher Sprache wurde – und in jedem seiner narzisstischen Texte sein Judentum und den lauernden Antisemitismus der anderen zum, je nach Standpunkt, Sub- beziehungsweise Metathema machte.
Jetzt hat Biller ein Buch geschrieben, das er Selbstporträt nennt, ein Genre der bildenden Kunst, in dem es darum geht, sich bis zur Kenntlichkeit zu entstellen. Es ist ein bemerkenswertes Buch geworden. Gerade in seiner besessenen, subjektiven Zuspitzung auf die Frage, wie man am Ende des 20. Jahrhunderts in Deutschland als Jude leben kann, darf, soll, muss, könnte, müsste, gewinnt es seine objektive Gültigkeit: »Im Zug nach München dachte ich nach. Draußen war Deutschland, und drinnen war ich.« Er erzählt von nichts anderem in diesem Buch als von dem psychologisch Unauflösbaren seiner Rolle als deutsch-jüdischer Autor.
Biller erzählt, und das macht sein Buch so interessant, endlich einmal nicht nur von den tausend Fallen, in die alle treten, die über Biller reden, schreiben, denken – sondern auch davon, wie er selbst beharrlich diese Fallen aufstellte und wie er sich darüber freute, wenn die Deutschen dann hineintappten und wütend wurden, und wie er sich inzwischen darüber ärgert, dass ihn das insgeheim freut. Henryk M. Broder verkennt diese Dimension in Billers Buch, wenn er ihm in seiner Rezension im Spiegel vorwirft, sich in seinem »Universum aus Weltschmerz, Wehmut und Wehleidigkeit eingerichtet« zu haben. Denn Billers neues Buch ist nichts anderes als ein Versuch, aus diesem Universum auszubrechen.
Der junge Maxim Biller wird von den alten Professoren an der Universität, die ihn belehren wollen, von den schönen Frauen, in die er sich verliebt, und von den deutschen Redakteuren, für die er schreiben will, als irritierender Außenseiter wahrgenommen. Es gibt aber Stellen im Gebrauchten Juden, in denen sich Biller selbst fragt, inwieweit die Reaktionen von außen nur sein Bild von sich selbst spiegeln. Sicherlich hat Biller auch in diesem neuen Buch wieder einige Rezeptionsfallen aufgestellt, und er ahnt sicher, dass er sein genervtes Publikum über die Jahre zu einer Vorsicht erzogen hat, die von Unfreundlichkeit manchmal kaum zu unterscheiden ist. Dennoch: Billers Nachdenken über seine Rolle als bestellter Scharfrichter in den 100 Zeilen Haß bei Tempo oder die Selbstanklage gegen seinen Tutzinger Wutausbruch über die Schlappschwänze in der deutschen Literatur sind verstörende Erkenntnismomente nicht nur für ihn, sondern auch für »Deutschland draußen«. Selbst wenn man Biller nicht folgt in seiner These, dass es für die nachgeborenen Generationen in Deutschland fünfzig Jahre nach dem Holocaust der sehnlichste Wunsch ist, die »Unschuld zurückzuhaben«.
Die anstrengendsten Passagen des Buches sind darum jene, in denen er seine Paranoia als Märtyrertum zelebriert, als Schicksal ohne Chance. Doch man verzeiht sie angesichts der berührend geschilderten Gespräche, in denen Biller über fünfundzwanzig Jahre hinweg versucht, sich dem Menschen Marcel Reich-Ranicki anzunähern. Er trifft ihn zum Interview, ruft ihn an, besucht ihn in Frankfurt. Immer wieder will er Reich zwingen, sich als »gebrauchten Juden« zu begreifen. Will ihn auch leiden sehen an dem, was ihn leiden macht. Wie hier erbittert und liebevoll, mit Leidenschaft und tränenloser Stille um Deutung, um Worte, um mögliche und unmögliche »Assimilation« gerungen wird zwischen dem Holocaust-Überlebenden und dem Nachgeborenen, gehört zu den wichtigsten Auseinandersetzungen, die Reich-Ranickis Autobiografie Mein Leben überhaupt hervorgerufen hat.
Biller erinnert sich in seinem Buch auch über viele Seiten an seine Zeit als junger Hospitant in der Redaktion der ZEIT Ende der achtziger Jahre. Er fühlt sich, wie überall sonst in Deutschland auch, zu wenig ernst genommen (als Journalist und als Autor) – oder zu ernst (als Erinnerung und als Gefahr). Aus diesem Gefühl heraus hat er Fantasien über Begegnungen mit Redakteuren entwickelt, bei denen er sich vor allem an ihre Frisuren erinnert. Das ist natürlich seltsam, weil Maxim Biller regelmäßiger Autor der ZEIT ist in der Feuilleton-Kolumne Was mache ich hier?. Doch wir werden Biller jetzt nicht den Gefallen tun, dass wir ihm seine kleinen Bosheiten übel nehmen. Denn das hieße, ihn nicht als Romancier zu begreifen, und das wäre, ganz eigennützig, ein Verlust für die deutsche Literatur.
Das ist vielleicht die überraschendste Erfahrung bei der Lektüre von Der gebrauchte Jude: Trotz der besessenen Beschäftigung mit der Frage, ob sich das »Jüdische immer auch aus dem Gegensatz zum Nichtjüdischen, zum Antisemitismus, zu Nazis definiert«, ist es kein Thesenbuch, kein Essay, keine Klage. Sondern ein Bildungsroman. Von einem, der geliebt werden will – und glaubt, gehasst zu werden. Und kaum will man anfügen, wie klar, rein, schön Billers Stil in diesen verzweifelten Bemühungen ist, sieht man schon die historisch-kritischen Alarmsignale leuchten: Ist die Konzentration auf die Würdigung seiner Sprache, wie es etwa Joachim Kaiser gerade getan hat, wieder die bequeme Rollenzuweisung in die Börne-Tucholsky-Tradition, mit der man sich vor der inhaltlichen Problematik herumdrücken will? Das Gegenteil ist der Fall: Wie es Biller gelingt, dass sein Selbstporträt vor allem auch als Kunstwerk seine Wirkung erzielt, obwohl es die Grautöne und Schattierungen des »Selbstporträts« des heutigen Deutschlands in grelles Licht taucht, unterstreicht seine noch immer nicht angemessen gewürdigten Qualitäten als Schriftsteller. Auch der Rechtsstreit um sein Buch Esra vernebelt den Blick dafür, dass es sich dabei vor allem um Literatur handelt.
Die Aggressivität Billers war immer eine Verteidigung seiner Sensibilität, seine Rasanz ein Weckruf für seine Wehmut. Es gibt Schilderungen des regennassen »Hamburg-Gefühls« in Der gebrauchte Jude, von Flohmarktbesuchen in Berlin, von Autofahrten durch das jüdische Milieu Frankfurts und Münchner Stimmungsbilder über das »Licht im Schumann’s nachmittags um halb sechs«, die in ihrer sprachlichen Schönheit und Melancholie den Jugenderinnerungen aus Billers Bernsteintage nahekommen. Und es gibt Konversationen und Handlungsstränge voll hektischer Tragik und rücksichtslosen Humors wie in den besten Short Storys in seinem Erzählungsband Wenn ich einmal reich und tot bin. So. Genug gelobt jetzt. Man könnte es auch so sagen: Wir brauchen Biller.
- Datum 04.12.2009 - 16:53 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
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Illies hebt erst an mit "Biller erzählt, [...] endlich einmal nicht nur.."
Da war ich erst interessiert - hey, der Satz geht doch bestimmt so weiter: "[Biller erzählt] endlich einmal nicht nur über die Komplexe, die er und die Aussenwelt sich gegenseitig permanent unterstellen und somit Tatsache und Basis der nächsten Komplexe werden lassen."
So endete Illies' Satz dann leider doch nicht. Statt dessen weist Illies auf eine weitere Drehung der Metaebenenbetrachtung hin, bei grundsätzlich doch gleich lautender Versuchsanordnung und Zielsetzung.
»Im Zug nach München dachte ich nach. Draußen war Deutschland, und drinnen war ich.« Ja, genau so stelle ich mir Billers Empfinden und Selbstwahrnehmung vor.
Klar, wer Biller vorher schon mochte, wird das auch dieses Mal toll finden. Wer Biller aber vorher schon mehr oder minder monothematisch-wehleidig fand, wird wohl auch dieses Mal keine Freude an ihm haben. Das schliesst mich, spätestens seit der Lektüre von "Esra", definitiv ein.
Viel hat sich also nicht geändert, seitdem Harald Marstenstein schrieb
"[Ich habe überlegt], welcher zeitgenössische Autor der deutscheste ist, erzdeutsch wie Hoffmann von Fallersleben oder Otto Waalkes. Da fiel mir Maxim Biller ein. Dieser Autor lässt in jedem seiner Zeitungstexte durchblicken, wie schrecklich Deutschland ist, wie furchtbar die Deutschen sind, wie sehr er unter seinem Leben in Deutschland leidet. Er hat die typisch deutsche Identitätskrise."
http://www.zeit.de/2009/2...
Sämtliche Bücher sind mehr oder weniger bedeutsame Ich-AGs. Auf Maxim Billers Bücher trifft das ebenfalls zu. Das muss auch keine Leserin oder keinen Leser stören. Würde sich nicht zu oft (?) das "Jude-Sein" einschalten - gleichsam wie ein Nebelscheinwerfer. "So bin ich nun mal!" Und doch ist Biller auch ganz anders. Das hat er durch seine Bücher, seine Kolumnen und seine Artikel längst unter Beweis gestellt. Aber er will nicht mehr beweisen müssen - und er braucht das auch nicht! - was er für ein Mensch, ein Schriftsteller ist.
Maxim Biller beherrscht die Sprache, findet den richtigen Ton. Und zweifelt. Manchmal scheint es, diese Zweifel sind es, die ihm Heimat und zugleich Verdruss sind. Er braucht sie zum Schreiben. Vielleicht auch zum Leben.
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