Maxim Biller Was mache ich hier?Seite 2/2
Das ist vielleicht die überraschendste Erfahrung bei der Lektüre von Der gebrauchte Jude: Trotz der besessenen Beschäftigung mit der Frage, ob sich das »Jüdische immer auch aus dem Gegensatz zum Nichtjüdischen, zum Antisemitismus, zu Nazis definiert«, ist es kein Thesenbuch, kein Essay, keine Klage. Sondern ein Bildungsroman. Von einem, der geliebt werden will – und glaubt, gehasst zu werden. Und kaum will man anfügen, wie klar, rein, schön Billers Stil in diesen verzweifelten Bemühungen ist, sieht man schon die historisch-kritischen Alarmsignale leuchten: Ist die Konzentration auf die Würdigung seiner Sprache, wie es etwa Joachim Kaiser gerade getan hat, wieder die bequeme Rollenzuweisung in die Börne-Tucholsky-Tradition, mit der man sich vor der inhaltlichen Problematik herumdrücken will? Das Gegenteil ist der Fall: Wie es Biller gelingt, dass sein Selbstporträt vor allem auch als Kunstwerk seine Wirkung erzielt, obwohl es die Grautöne und Schattierungen des »Selbstporträts« des heutigen Deutschlands in grelles Licht taucht, unterstreicht seine noch immer nicht angemessen gewürdigten Qualitäten als Schriftsteller. Auch der Rechtsstreit um sein Buch Esra vernebelt den Blick dafür, dass es sich dabei vor allem um Literatur handelt.
Die Aggressivität Billers war immer eine Verteidigung seiner Sensibilität, seine Rasanz ein Weckruf für seine Wehmut. Es gibt Schilderungen des regennassen »Hamburg-Gefühls« in Der gebrauchte Jude, von Flohmarktbesuchen in Berlin, von Autofahrten durch das jüdische Milieu Frankfurts und Münchner Stimmungsbilder über das »Licht im Schumann’s nachmittags um halb sechs«, die in ihrer sprachlichen Schönheit und Melancholie den Jugenderinnerungen aus Billers Bernsteintage nahekommen. Und es gibt Konversationen und Handlungsstränge voll hektischer Tragik und rücksichtslosen Humors wie in den besten Short Storys in seinem Erzählungsband Wenn ich einmal reich und tot bin. So. Genug gelobt jetzt. Man könnte es auch so sagen: Wir brauchen Biller.
- Datum 04.12.2009 - 16:53 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
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Illies hebt erst an mit "Biller erzählt, [...] endlich einmal nicht nur.."
Da war ich erst interessiert - hey, der Satz geht doch bestimmt so weiter: "[Biller erzählt] endlich einmal nicht nur über die Komplexe, die er und die Aussenwelt sich gegenseitig permanent unterstellen und somit Tatsache und Basis der nächsten Komplexe werden lassen."
So endete Illies' Satz dann leider doch nicht. Statt dessen weist Illies auf eine weitere Drehung der Metaebenenbetrachtung hin, bei grundsätzlich doch gleich lautender Versuchsanordnung und Zielsetzung.
»Im Zug nach München dachte ich nach. Draußen war Deutschland, und drinnen war ich.« Ja, genau so stelle ich mir Billers Empfinden und Selbstwahrnehmung vor.
Klar, wer Biller vorher schon mochte, wird das auch dieses Mal toll finden. Wer Biller aber vorher schon mehr oder minder monothematisch-wehleidig fand, wird wohl auch dieses Mal keine Freude an ihm haben. Das schliesst mich, spätestens seit der Lektüre von "Esra", definitiv ein.
Viel hat sich also nicht geändert, seitdem Harald Marstenstein schrieb
"[Ich habe überlegt], welcher zeitgenössische Autor der deutscheste ist, erzdeutsch wie Hoffmann von Fallersleben oder Otto Waalkes. Da fiel mir Maxim Biller ein. Dieser Autor lässt in jedem seiner Zeitungstexte durchblicken, wie schrecklich Deutschland ist, wie furchtbar die Deutschen sind, wie sehr er unter seinem Leben in Deutschland leidet. Er hat die typisch deutsche Identitätskrise."
http://www.zeit.de/2009/2...
Sämtliche Bücher sind mehr oder weniger bedeutsame Ich-AGs. Auf Maxim Billers Bücher trifft das ebenfalls zu. Das muss auch keine Leserin oder keinen Leser stören. Würde sich nicht zu oft (?) das "Jude-Sein" einschalten - gleichsam wie ein Nebelscheinwerfer. "So bin ich nun mal!" Und doch ist Biller auch ganz anders. Das hat er durch seine Bücher, seine Kolumnen und seine Artikel längst unter Beweis gestellt. Aber er will nicht mehr beweisen müssen - und er braucht das auch nicht! - was er für ein Mensch, ein Schriftsteller ist.
Maxim Biller beherrscht die Sprache, findet den richtigen Ton. Und zweifelt. Manchmal scheint es, diese Zweifel sind es, die ihm Heimat und zugleich Verdruss sind. Er braucht sie zum Schreiben. Vielleicht auch zum Leben.
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