Vielleicht ist dies ja das letzte Buch seiner Art: ein Weltrettungsvorschlag, 400 großformatige, mit Bildern und Wörtern dicht bedruckte Seiten. Der Autor: ein Superlativ. Der Adressat: jeder Erdbewohner. Der Zeitpunkt des Erscheinens: auf maximale Aufmerksamkeit hin kalkuliert, bald ist Weihnachten, vielleicht sogar beim Klimagipfel im dänischen Kopenhagen. Optimale Synergien also, würde der Jargon dazu sagen. Noch einmal, last call, will das Buch alle wissenschaftlichen Kenntnisse der redensartlich führenden Experten aus aller Welt aus sämtlichen beteiligten Ressorts versammeln, noch einmal beschwört ein Buch das nahende Ende der Frist, zeigt den Globus vor schwarzem Grund und stellt sternenhell in den düsteren Horizont eine Vision, die durch den Verkünder beglaubigt sein soll. Das ist der amerikanische Beinahe-Präsident und tiefchristliche Friedensnobelpreisträger Al Gore, der nun mit ökoprophetischer Geste den Weg der demokratischen Freiheit zu zeigen verspricht: Wir haben die Wahl. Ein Plan zur Lösung der Klimakrise.

Das ist etwas riskant. Einen letzten Aufruf kann man nicht unbegrenzt durch den noch letzteren und allerletztesten überbieten. Irgendwann steht der Visionär durch die Wirklichkeit blamiert da, Charisma und Aura treiben andere Spiele, und das gelangweilte Publikum möchte neue Stars. Nicht wieder grüne. Das könnte bald nach Kopenhagen der Fall sein, wenn jetzt alle so tun, als nahe das letzte Gefecht. Dabei ginge ja auch bei schlimmster Erhitzung die Welt nicht ein für alle Mal unter, in spektakulärer Apokalypse nach biblischem Muster, sie ließe sich ganz weltlich Zeit und ginge, unangenehmer, noch weiter.

Darum schlägt man Al Gores Buch mit der Sorge auf, es könnte nun der aufwendige Auftritt vermasselt sein; es könnte peinlich wirken, wenn Supermann Gore wieder, wie im letzten weltweit gefeierten Buch, von Frau Tipper und seinen vier Kindern erzählt, wenn er mit seinen perfekten Simulationen der Wirklichkeit allerorts Angst und Schrecken verbreitet, in der Konsequenz aber vor allem das Ausschalten der Stand-by-Taste empfiehlt, das Minimieren von Hausmüll und dass man einer Bürgerinitiative beitreten möge. Das letzte Buch, An Inconvenient Truth, hat die Welt emotional aufgerüttelt, wie es in der Sprache der Erregung hieß. Aber es war kein politisches Buch.

Also blättert man vielleicht in diesem neuen Werk zuerst skeptisch mal quer. Und stellt fest: Gar nicht vermasselt, im Gegenteil. Der personalisierende Duktus ist fort, jetzt ist der Ton enzyklopädisch, politisch und nur ein bisschen prophetisch: Hier erhebt ein amerikanisches Kommunikationsgenie einen realistischen Anspruch an die Demokratie. Ein Europäer wie der neue Umweltminister Norbert Röttgen sagt da lieber zurückhaltend, er begrüße es, wenn Amerika ökologisch die Führung übernehme.

Wer würde sich das in Europa auch zutrauen: Da möchte der Medienstar Gore unter Aufbietung aller Mittel, zu denen zweifellos eine denkfabrikhafte Umgebung aus sehr teuer bezahlten Kennern gehört, die Demokratien für eine kulturelle Erneuerung gewinnen, die vielen neue Arbeit geben würde und das Gefühl eines sinnvollen, weil in die Zukunft weisenden Lebens.

Es ist, als wolle Al Gore den Gründervater Benjamin Franklin beerben, dessen Herrenclub die erste öffentliche Bibliothek Amerikas erfand. Auch Gore möchte Wissen verbreiten: um die Spielräume eines möglichst kohlenstoffarmen Wirtschaftens aufzuklären. Und so berichtet sein Buch, wie viel Gas aus Hausmülldeponien entweicht, wie die großen Stromversorger den Wandel blockieren, wie schwierig es bisher ist, Strom länger zu speichern, wie ineffizient die meisten Elektromotoren arbeiten, wie der Staat Kalifornien erfolgreich das Geldsparen durch Investitionen in Energieeffizienz betreibt, wie man vergeudete Wärmeenergie zurückgewinnen und dafür belohnt werden kann, wie energieaufwendig das agrarindustrielle Produzieren von Stickstoffdünger ist und auch das noch utopische Abscheiden von CO₂. Gore lenkt den Blick auf das Problem der ausgezehrten Böden, er erwägt die Abhilfe durch Bioholzkohle, er nennt die Gründe, aus denen die Atomenergie ihre Zeit hinter sich hat, und er wendet sich einem Tabuthema zu, das bei Klimafragen oft diskret übergangen wird: dem Bevölkerungswachstum. Das steht da als ein Teilproblem neben den Überlegungen zu einer CO₂-Steuer und zu der Malaise, dass in den USA die üppige Mehrheit der Republikaner noch meint, der Klimawandel sei nicht menschengemacht. Aufklärung, immer noch, als der Weg aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit: 3000 Lehrer hat Gore als lokale Aufklärer ausgebildet, und ins Netz hat er ein Forum zur fortgesetzten Verbesserung von Umbauten zum kohlenstoffarmen Wirtschaften gestellt.

Die Abkehr von den herkömmlichen Energieträgern wäre zwar leicht möglich, das weist Gore nach, um den gierigen Globus zu versorgen, aber das erfordert Entscheidungen, Gesetze, Investitionen. Von Staats wegen. In der Reagan-Ära haben die USA die Entwicklung der erneuerbaren Energien verschlafen, weil der Staat weder förderte noch steuerte, noch angemessene Preise für alte Energien erhob. Das sind für Gore die schwärzesten, die verlorenen Jahre gewesen. In denen hat man arabische Erdölstaaten finanziert, anstatt die eigene Kultur zu erneuern. Man könnte auch sagen: Es sollte ein Ende haben, dass die Mietnebenkosten für eine erdölbeheizte Hamburger Wohnung nach Saudi-Arabien überwiesen werden. Damit künftig auch sonst keiner mehr an der Verschwendung von Energie Geld verdienen kann, werden politische Rahmen gebraucht. Und eine Umdeutung der sogenannten volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wäre notwendig, die es mit Robert F. Kennedy hielte, der meinte, das Bruttosozialprodukt messe alles, »mit Ausnahme dessen, was das Leben lebenswert macht«.