ZEIT-MuseumsführerVergleichbar nur mit Getty

Das Neue Museum Weserburg in Bremen von Rainer B. Schossig

Die Weserburg ist ein  Schlaraffenland der Sammler

Die Weserburg ist ein Schlaraffenland der Sammler   |  © Weserburg

Die Bremer Teerhof-Insel ist ein schmales Eiland gegenüber der Bremer Altstadt. Nur ein Rest alter Architektur hat den Bomben widerstanden, die Weserburg. Bis Mitte der siebziger Jahre beherbergte sie eine Kaffeerösterei; dann wurde sie zum Schauplatz eines Kunstmärchens: Es war einmal eine arme, alte Hansestadt, die hatte nicht genug Geld, um aktuelle Kunst zu kaufen. Es gab nun aber just ein Dutzend reicher Sammler, die ihre Kunstschätze den Pfeffersäcken anboten, in der guten alten Kunsthalle war jedoch kein Platz mehr. So wäre es Sammlern und Künstlern um ein Haar ergangen wie den Bremer Stadtmusikanten; sie wären nie in der Stadt angekommen. Da hatte jemand eine Idee: Lasst doch die Sammler ihre Kunstwerke in der Weserburg ausstellen. 1991 wurde das Haus eröffnet, das erste Sammlermuseum Europas – mit Zero und Arte Povera, mit Pop, Minimal und Concept Art, bereitgestellt von insgesamt elf Sammlern.

Eine Sammlung, die dem Museum wirklich gehört, zeigt dem Publikum sozusagen den Rücken: Es sind die Bücher im Studienzentrum für Künstlerpublikationen, hervorgegangen aus der Sammlung des Belgiers Guy Schraenen: Mit 100.000 Bänden das bedeutendste Konvolut an Künstlerpublikationen in Europa, vergleichbar wohl nur mit den Beständen des Getty Research Center in Los Angeles. Kleines, Verrücktes und Ephemeres wie Fluxus, Mailart und Buchobjekte, Briefmarken- und Stempelarbeiten, aber auch Klang- und Vinylkunst – eine unerschöpfliche Fundgrube für Kunstfreunde wie Wissenschaftler.

Anzeige

Vielleicht veranschaulicht Dieter Roths über und über mit Schokolade bekleckerter Küchenherd (ein Glanzstück aus der Sammlung seines Freundes Karl Gerstner) am besten den (über)fließenden Charakter der Weserburg: Alle nur denkbaren Köstlichkeiten und Absonderlichkeiten der Kunst seit den sechziger Jahren fließen durch die fünf Stockwerke. Man kann sich nach Bedarf bedienen wie im Schlaraffenland. Und niemand muss sich durch einen didaktischen Reisberg futtern.

Serie Museumsführer
Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild  |  © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Außen leuchtet dem Besucher in großen, weißen Lettern eine Textarbeit von Lawrence Weiner entgegen, angebracht auf den angeschrägten Ufermauern knapp über der Tidenlinie der Weser: »Having been built on sand – with another base (basis) in fact«. Damit traf der nachdenkliche amerikanische Wortkonzeptualist den Nagel auf den Kunstkopf: War das Museum Weserburg auf mehr als nur Sand gebaut? Würde das Sammlermuseum mehr als ein Sammelsurium sein, würde es Profil entwickeln und halten können? Thomas Deecke, der bis 2005 auf der Kommandobrücke des Kunsttankers stand, machte sich mit großer Kennerschaft und viel Fingerspitzengefühl ans Werk und schaffte es, aus einem Konglomerat individueller Sammelleidenschaften das Markenzeichen Weserburg zu machen. Freilich musste er auch Turbulenzen und Einbußen in den Sammlungsbeständen hinnehmen.

Dennoch blieb mehr als genug Substanz übrig, und Neues kam hinzu, sodass die Weserburg mittlerweile attraktiver und lebendiger ist denn je. Seit vier Jahren ist Carsten Ahrens Chef, er begreift die Weserburg im doppelten Wortsinn als Museum im Fluss. Er spielt mit wechselnden Präsentationen, mit den eigenen, aber auch mit Gastsammlungen. Und alle Wechselausstellungen haben einen roten Faden: Sie müssen die »eigenen« Sammlungen illuminieren wie zurzeit eine schöne Penck-Retrospektive aus der Sammlung Böckmann.

Und auch »Haussammler« wie Ingvild Götz oder Thomas Olbricht, deren Kollektionen zu den international beachteten zählen, werden nicht etwa enzyklopädisch, sondern in immer neuen, überraschenden Facetten vorgestellt. Gerade zeigt ein schräger Blick auf die Olbricht Collection die geheimen Obsessionen des Supersammlers (2000 Werke aus dem 16. bis 21. Jahrhundert). Dafür wurde ein Raum des sachlichen Hauses zu einer schwülen Kunst- und Wunderkammer uminszeniert: Ein Bilder- und Objektparcours aus dämmrigem Totenkult und gnostischer Emblematik, Psychoanalyse und blitzender Forensik. Carsten Ahrens weiß, dass das Kleingedruckte der Leihverträge mit den Sammlern nur so lange funktioniert, wie die Chemie zwischen ihnen und dem Hause stimmt. So zieht er in schnellem Takt aus dem Hut, was Haus und Magazine zu bieten haben. Damit bekennt er sich letztlich zur Inszenierung von Ausstellungs-Events. Interessanterweise sind aber genau diese pulsierenden Schau-Ereignisse oft Sternstunden der Sammler, ihrer Kollektionen und nicht zuletzt der beteiligten Künstler.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Serie ZEIT-Museumsführer
    • Schlagworte Sammlung | MIT | Bremen | Europa | Los Angeles
    Service