Obamas neue Afghanistan-Strategie Reinraus
In anderthalb Jahren schon möchte Barack Obama seine Soldaten aus Afghanistan abziehen. Kann er das schaffen?
© Jim Watson/ AFP/ Getty Images

Kadetten lauschen in der Militärakademie Westpoint der Rede von Präsident Barack Obama, in der er seine neue Strategie für Afghanistan erläutert
Tagelang jagte eine Nachricht die andere. Fast stündlich meldeten die Agenturen neue Zahlen für die amerikanische Truppenverstärkung in Afghanistan. 20.000 zusätzliche Soldaten, 30.000, gar 35.000? Doch erst wenige Stunden vor Barack Obamas sehnlich erwarteter Rede an die Nation, brach die eigentliche Sensation durch: Schon in anderthalb Jahren, im Mai 2011, will der Präsident Amerikas Truppen schrittweise wieder abziehen. Seine Botschaft an sein Land und die Welt: Ich rüste auf, um schnell und dauerhaft abzurüsten! Mit dieser Losung hofft er, auch die Skeptiker für seine Strategie zu gewinnen. Ein geschickter Schachzug. Doch kann Obama sein Versprechen halten?
Seine Rede am Dienstagabend war wohl eine der schwierigsten, die er je gehalten hat. Just in einem Moment, da die Amerikaner mehr und mehr am Afghanistankrieg zweifeln, verkündet er eine gewaltige Truppenaufstockung. Spätestens jetzt ist dieser Krieg sein Krieg, sind die Toten seine Toten und ist jeder Fehler sein Fehler. Nicht die Gesundheitsreform, nicht das Klimaschutzgesetz – Afghanistan wird über Wohl und Wehe seiner Präsidentschaft entscheiden.
Obama will das Chaos beenden und Ordnung schaffen, und sei sie auch noch so unvollständig. Daher hat er sich für die Aufstandsbekämpfung entschieden und nicht nur für die Terroristenjagd. Dabei hat ihn folgende Erkenntnis geleitet: Ein unsicheres Afghanistan ist lebensgefährlich, denn es bedroht nicht nur Amerika, sondern auch das benachbarte Atomland Pakistan und damit die gesamte Welt. Deswegen will Obama am Hindukusch von Sommer 2011 an ein halbwegs regierbares und berechenbares Land hinterlassen. Um das zu erreichen, braucht er nicht nur mehr Sicherheit für die Menschen, sondern auch mehr Zeit für den zivilen Aufbau. Sicherheit und Zeit aber, so der Präsident, gewinne man nur mit dem Einsatz zusätzlicher Soldaten.
Wer hätte noch vor etwas mehr als einem Jahr gedacht, dass Obama ausgerechnet die Irakstrategie seines Vorgängers George W. Bush adaptieren würde, nämlich die des surge , der vorübergehenden Truppenverstärkung? Seit seinem Amtsantritt vor elf Monaten hat Obama die Zahl amerikanischer Soldaten in Afghanistan verdoppelt, auf etwa 70.000 Männer und Frauen. Jetzt will er weitere 30.000 in den Krieg schicken, fast so viele, wie sein militärischer Statthalter in Afghanistan, General Stanley McChrystal, im August gefordert hatte. Truppen, die noch fehlen, sollen die Europäer bereitstellen. Außenministerin Hillary Clinton wird deshalb schon Anfang kommender Woche in Brüssel ihre Nato-Kollegen bearbeiten.
Bereits Mitte 2010 werden am Hindukusch 110.000 US-Soldaten zum Einsatz kommen, weit schneller, als die kühnsten Strategen erwartet haben. Obama drängt zur Eile. Bereits in wenigen Wochen erhalten 9000 Marinesoldaten den Marschbefehl. Sie sollen vor allem in die Taliban-Hochburg Helmand einmarschieren, in den umkämpften Süden Afghanistans, und dort nicht nur die Aufständischen vertreiben, sondern auch die Einheimischen schützen und den Boden für zivile Aufbautruppen bereiten. Alsbald werden weitere Soldaten folgen, um afghanische Polizisten und Militärs zu trainieren. Schon im nächsten Jahr soll die einheimische Armee von 90.000 auf 134.000 Mitglieder anwachsen, auch die Polizei wird aufgestockt.
In der Provinz Helmand möchte Obama das erste leuchtende Beispiel setzen. Seht her, will er den Afghanen demonstrieren, euer Leben wird ohne die Taliban besser! Seht her, will er den Kriegsskeptikern zeigen, meine Militärstrategie hilft den Menschen! Allmählich soll in allen 400 Provinzen und Bezirken Ordnung einkehren, sollen einigermaßen verlässliche Gouverneure und Clanchefs über die Sicherheit wachen.
Mit eiserner Miene verkündete der Präsident: »Ich will den Job zu Ende bringen.« Zugleich verspricht er, dies werde kein endloser Krieg und auch kein zweites Vietnam. Der Präsident setzt sich Etappenziele. Seine Truppen sollen von Region zu Region Sicherheit schaffen, auch indem sie Pakte mit lokalen Clanchefs und kompromissbereiten Taliban schmieden. Die Korruption soll bekämpft werden, die Nachbarstaaten sollen in das Sicherheitskonzept eingebunden werden. Bis man allmählich die Verantwortung an die Gouverneure und eine halbwegs zuverlässige und stabile Zentralregierung in Kabul abgeben kann. »Government for the people, not by the people«, lautet Obamas Motto. Von einer blühenden Demokratie einer aus freien und geheimen Wahlen hervorgegangenen Führung redet der Pragmatiker schon lange nicht mehr. Man wäre bereits hochzufrieden, verrät eine Beraterin, wenn Präsident Karsai künftig mehr für seine Untertanen sorgte und weniger für sich und die Seinen.
Doch die Skepsis in Amerika bleibt groß. Das Land steht mit 14 Billionen Dollar in der Kreide, der Marschbefehl für 30.000 Soldaten wird weitere Milliarden schlucken. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der jeder Cent für die Gesundheitsreform und das Klimagesetz gebraucht wird. Manche Demokraten fordern deshalb ein schnelleres Ende des Krieges. Auch Nancy Pelosi, Obamas Parteifreundin und einflussreiche Sprecherin des Repräsentantenhauses, traut der neuen Strategie nicht. Afghanistans Regierung sei ein »unwürdiger Partner«, erklärte sie soeben. »Wie können wir die Amerikaner bitten, für sie Leib und Leben zu riskieren?«
Obama weiß um diese Zweifel, er teilt sie sogar. Als junger Senator, im Januar 2007, bedrängte er die Bush-Regierung mit ähnlichen Fragen. Haargenau wollte er wissen, ob mehr Truppen im Irak wirklich mehr Sicherheit schaffen könnten und wie um alles in der Welt man sich mit einer korrupten Regierung in Bagdad einlassen könne. Und wenn der surge, die Truppenverstärkung, nicht funktioniere – »gibt es dann einen Ausweg, eine Exit-Strategie?« Am Dienstagabend, nach dreimonatigem Grübeln, gab der Präsident Obama dem Senator Obama Antworten.
Der Beifall der Republikaner und Militärs für die Truppenaufstockung ist ihm gewiss. Niemand wird in nächster Zeit behaupten, der Präsident wage nicht, Amerikas Feinden die Stirn zu bieten. Doch unter Demokraten und Linken rumort es. Einige mag Obamas Rückzugsofferte versöhnlich stimmen, viele jedoch trauen seiner Strategie nicht. Seit in Kandahar statt in Bagdad gestorben wird, halten sie nichts mehr von der Unterscheidung zwischen dem bösen Krieg im Irak und dem guten in Afghanistan. Sie wollen raus aus dem Schlachtfeld – und zwar sofort und nicht erst übermorgen.
Obama, der Kriegspräsident, steckt in einer Zwickmühle: Er muss für sein Vorhaben um die Zustimmung der Rechten buhlen, die ihm ansonsten die Pest an den Hals wünschen. Derweil droht er die Unterstützung der Linken zu verlieren, auf deren Solidarität er für seine innenpolitische Agenda auf Gedeih und Verderb angewiesen ist. Obama muss höllisch aufpassen, dass er am Ende nicht als ein Präsident ohne Gefolgschaft dasteht.
- Datum 02.12.2009 - 16:26 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
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Wer weiß schon, ob Obama das schaffen kann, was alle anderen nicht geschafft haben. Afghanistan zu befrieden!
Doch Obama wird - hoffe ich - etwas anderes schaffen, dieses unendlich erscheinende Drama Afghanistan, an dem sich der halbe Westen verschluckt hat, endlich,endlich - wenn denn alle jetzt kurzfristig eingesetzen Mittel nicht helfen- kalkuliert zu beenden!
Das ist zumindest eine Strategie mit Anfang und Ende...ein großartiger Einstieg in den Ausstieg.
Das Ende des Afghanistan - Abenteuer jedenfalls scheint in Sicht...
Wer jetzt in Afghanistan nicht mitzieht, muss wissen, was dann kommt. Das ist der Sinn dieses Ausstiegs-Plans.
Ein Friedensnobelpreisträger, der tausende Soldaten in den Kriegt schickt... und dann wird das auch noch als ein "geschickter Schachzug" verkauft... dazu noch die Botschaft "Ich rüste auf, um schnell und dauerhaft abzurüsten" .. das ginge auch einfacher und noch schneller, ca. 70.000 x Soldaten haben nichts als eher noch mehr Leid unter die Bevölkerung gebracht und jetzt sollen weitere 30.000 x innerhalb Monaten das Land stabilisieren? Was für ein Schwätzer...
...Inland so wie im weiteren die Sicherheit für Verkehr und Handel im internationalen Bereich beruht auf Zuverläßigkeit der Gewalt, die die Menschen erwarten, wenn Regeln gebrochen werden. Wenn die Warlords weltweit keine Gewalt gegen sich erwarten, wenn sie Hochhäuser sprengen, Atomwaffen entwickeln, Schiffe entführen oder Massen morden tun sie das und viele anderen Dinge. Das wissen wir. Es ist nur die Frage, ob wir es zulassen wollen.
...Inland so wie im weiteren die Sicherheit für Verkehr und Handel im internationalen Bereich beruht auf Zuverläßigkeit der Gewalt, die die Menschen erwarten, wenn Regeln gebrochen werden. Wenn die Warlords weltweit keine Gewalt gegen sich erwarten, wenn sie Hochhäuser sprengen, Atomwaffen entwickeln, Schiffe entführen oder Massen morden tun sie das und viele anderen Dinge. Das wissen wir. Es ist nur die Frage, ob wir es zulassen wollen.
dem Kabarettisten Georg Schramm zitieren,nachdem das Schicksal der grossen Imperien der Welt nicht auf dem Schlachtfeld entschieden worden ist,sondern dass sie einfach pleite gegangen sind.Die USA stehen mit 14 Billionen in der Kreide,eine irrwitzige Menge .Jedes andere Land der Welt haette schon längst Konkurs anmelden muessen,doch Amerika druckt einfach noch mehr Dollars...mal sehen wie lange das noch gutgeht.
... mit dem "jedes andere Land" nocheinmal überlegen. Japan ist und Italien sind seit Jahren höher verschuldet, wie das England nun ist. Deutschland hat in etwa die gleiche Verschuldung, wenn man die unterschiedliche Rücklagenbildung der Sozialversicherungen einrechnet.
... mit dem "jedes andere Land" nocheinmal überlegen. Japan ist und Italien sind seit Jahren höher verschuldet, wie das England nun ist. Deutschland hat in etwa die gleiche Verschuldung, wenn man die unterschiedliche Rücklagenbildung der Sozialversicherungen einrechnet.
Die Strategie von Obama gib zumindest etwas Hoffnung. Warum?
Weil nur es nur zusammen mit einem konsequenten Pakistan, das auch gegen die Islamisten vorgeht, eine Lösung geben kann.
Weil nur die Afghanen selbst einen Staat aufbauen und gegen Extremisten schützen können.
Durch den Einsatz in Pakistan gibt es wohl eine letztes kleine Chance die Taliban, die nun ihrer Rückzugesgebiete beraubt werden, unter Kontrolle zu bringen. Die pakistanischen und afghanischen Machthaber haben von Obama die unmissverständliche Botschaft, dass es nun eine allerletzte Chance gibt zusammen gegen die Taliban vorzugehen, oder in naher Zukunft das Problem alleine zu haben.
denn die "Change"-Obama-Strategie nun vor der seines Vorgängers? Auch dieser wollte den Bekundungen nach nur aufrüsten, damit ein schnelles Ende folgt. Und wenn wir die Jahre mal so Revue passieren lassen ...
Auch frage ich mich, was die 30.000 Soldaten unter Obama von denen unter Bush abhebt. Sie haben weder eine andere Zielsetzung ("bereitet den Taliban ein schnelles Ende" galt auch unter Bush) noch eine andere Motivation.
Aus Talibansicht würde ich zwar nun mit 30.000 neuen Gegnern rechnen müssen, hätte aber gleichzeitig die Wertschätzung meiner Arbeit erfahren ... die Supermacht muss militärische Supermächte aufbieten, um mir Einhalt zu gebieten. Im Zuge der Nachwuchswerbung vor Ort sicherlich kein schwaches Argument.
Ab welcher Zahl X an Soldaten, Herr obama, ist denn der Sieg in Afghanistan gesichert? Die Taliban kämpfen eben nicht mit reiner Zahlenorientierung, genau das macht es den USA und ihren Verbündeten so schwer.
...in die USA?
Und wie viele in Richtung Deutchland?
Deutschland möge sich in Sachen Kriegsverweigerung auf die Tradition Schröders besinnen.
Immerhin das einzig Große an ihm. Denn damals das definitiv Richtige!
... mit dem "jedes andere Land" nocheinmal überlegen. Japan ist und Italien sind seit Jahren höher verschuldet, wie das England nun ist. Deutschland hat in etwa die gleiche Verschuldung, wenn man die unterschiedliche Rücklagenbildung der Sozialversicherungen einrechnet.
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