Devendra Banhart ist nicht zu verfehlen. Der 28-jährige Amerikaner hinterlässt eine Duftnote seiner Exzentrik, wo er steht und geht. Er kann in Frauenkleidern und mit 1000 Klunkern behängt aufkreuzen, er kann wie ein Weltmeister fabulieren, er gibt Interviews auch schon einmal nackt. Banhart möchte als Gesamtkunstwerk aus Wort, Musik, Bild und Bart verstanden werden, ein Star in seinem eigenen Recht. Ein paar Wochen lang turtelte er auch, wie das von einem Star in der Öffentlichkeit erwartet wird, auf Hollywood-Niveau mit Natalie Portman. In der Hauptsache aber gilt der Sänger und Songwriter als Anführer einer popmusikalischen Erweckungsbewegung, deren Anhänger sich unter dem Banner des »Freak Folk« versammeln.

Am liebsten möchte man Banhart und seine haarige Gemeinde auf die regennassen Wiesen Woodstocks ins Jahr 1969 katapultieren. Dort könnten sie ihren Initiationsmythos noch einmal erleben. Freak Folk verstand sich von Anbeginn an als Versuch, die Popmusik für die Kulturtechniken der späten Sechziger und frühen Siebziger zu sensibilisieren und im Spiel des Kollektivs neu zu beseelen. Was kann daran falsch sein, für den Frieden im Kosmos zu sein, die reichen Gaben von Mutter Erde zu preisen, fragt Devendra Banhart. Wer darin nur ein paar neu begrünte Hippie-Ideale ausmachte, konnte vor den Liedern von Banhart und Coco Rosie, von Joanna Newsom und Vetiver dennoch den Hut ziehen. In dieser neuen, alten Folkmusic säuselte und zirpte es überraschend anmutig, ihre Interpreten feierten zu Harfe, Tabla, Sitar und Gitarre die Einswerdung mit dem Universum.

Heute hält der Fürst des Freak Folk im Berliner Ramones-Museum Hof. Warum Devendra Banhart gerade dort sein neues Album What Will We Be der Presse vorstellt, weiß so recht niemand; im Lederjackenland der legendären Pubertär-Punks wirkt der in einen knielangen Wollpullover gehüllte Künstler ein wenig fehlbesetzt. Sei’s drum, die Album-Kontexte, in denen Banhart sein charismatisches Wimmern probt, hätte sich auch ein wenig begabter Stilberater ausgedacht haben können. Der Sänger wandelt auf den abgerockten Soundspielplätzen von Doors und Led Zeppelin und lässt sich in eine Klimper-Jazz-Ballade fallen. Dafür, dass das nicht sein angestammtes Feld ist, klingt es gut.

Früher waren Bartwachslieder, psychedelische Seepferdchensongs und Liebeserklärungen an faule Schmetterlinge die Highlights in einem anrührend naturverbundenen Programm, heute geht es mehr um Dancing und Kissing. Als Banhart 2002 sein Debütalbum veröffentlichte, hätte kaum jemand darauf wetten wollen, dass der in Caracas (Venezuela) aufgewachsene Sänger einmal größere Aufmerksamkeit erzielen würde. Die Songsammlung mit dem atemberaubenden Titel Oh Me Oh My Oh Me Oh My…The Way The Day Goes By The Sun Is Setting Dogs Are Dreaming Lovesongs Of The Christmas Spirit wurde als spinnerter Blues eines reichlich effeminierten Knaben belächelt, mitgeschnitten auf einem geliehenen Kassettenrekorder mit erstaunlichen Gleichlaufschwankungen.

Die Platte war aber auch der Link zu Banharts Vagabundengeschichte: Mit 17 verlässt Banhart das Elternhaus, schreibt sich am San Francisco Art Institute ein. In dieser Zeit sammelt er Songs, sein erstes Konzert sollen zwei Ständchen zur Hochzeit eines schwulen Nachbarpärchens gewesen sein. 2000 bricht er sein Studium ab, spielt in Restaurants und Schmuddelschuppen für ein paar Dollar. Er reist durch die halbe Welt und bleibt irgendwann in Paris hängen. Banhart erzählt, dass er lange gebraucht habe, um sich mit seiner Stimme nach draußen zu wagen. Als Kind hat er unter der Dusche gesungen, wenn niemand daheim war – in den Kleidern seiner Mutter. Als Frau, meint er, sei er richtig gut mit seiner hohen Stimme gewesen. »Und plötzlich gehörte diese Stimme mir.«