Früher, als der Papst noch den Kaiser krönte und jeder Bürger seinen Zehnt entrichtete, waren die Kirchen die höchsten Gebäude einer Stadt. Heute blickt Gregor Giele auf das Neue Rathaus zu Leipzig. Der Pfarrer sieht die wuchtigen Mauern aus weißem Kalkstein, den Turm, der trotzig wie eine Burg 115 Meter in den Himmel ragt, und sagt dann mit einem Lächeln: »Wir sind bescheiden. So hoch wird unsere Kirche nicht.«

Der 43-Jährige steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf matschigem Rasen. Noch weist ein Schild die Fläche als Hundewiese aus. Doch in knapp einem Jahr soll zu Gieles Füßen der erste Spatenstich für den teuersten Kirchenneubau Ostdeutschlands seit 1989 erfolgen. Der Platz ist kein geistig-spiritueller Ort. Über den angrenzenden Martin-Luther-Ring donnern auf sechs Spuren Autos und Straßenbahnen. »Wo Lärm ist, ist Leben«, sagt Giele und zündet sich einen Zigarillo an. »Wir bauen ja keine Klosterkirche, sondern eine Gemeindekirche. Und die gehört mitten in die pulsierende Stadt. Nicht an den Rand.«

Giele ist ein Pfarrer im Glück. Er verfügt über rund 3000 Quadratmeter Land. Ein katholisches Gotteshaus mit 600 Sitzplätzen soll darauf entstehen, mit Gemeinderäumen, zwei Pfarrwohnungen. Kosten: mindestens zwölf Millionen Euro. Es werde einen Kirchturm geben, ansonsten solle das Haus aber nicht an klassische Sakralbauten erinnern, sagt Giele. »Wir bauen eine Kirche für das dritte Jahrtausend.«

Zu Beginn des Jahrtausends bestimmten vielerorts Geldsorgen den Alltag der Gemeinden, in Diskussionen wurde über Verkäufe und Umwidmungen von Gotteshäusern beraten. Dass ausgerechnet in einer Stadt mit mehr als 80 Prozent Atheisten nun neu gebaut wird, hat zwei Gründe: Pfarrer Gieles alte Kirche zerfällt. Hinzu kommt ein Glücksfall, eine Mischung aus Fügung und Geschick.

Zwar sind nur vier Prozent der Leipziger Katholiken, aber gegen den deutschen Trend wächst die Zahl. Seit 2007 betreut Giele die Gemeinde Sankt Trinitatis. Schon vor seiner Zeit stieg die Zahl der Mitglieder jährlich um 150: auf heute mehr als 4000 Menschen. »Als Pfarrer müsste ich Ihnen erklären, das Wachstum verdanken wir der Gnade«, sagt Giele. »Aber es hat auch etwas mit Leipzigs Attraktivität zu tun.«

Viele seiner neuen Gemeindemitglieder sind Zugezogene aus dem Westen. Studenten aus dem Rheinland, katholische Beamte aus Baden-Württemberg, die Kinder bekommen haben. Ein paar Erwachsenentaufen verzeichnet der Pfarrer auch. Man kann noch nicht von einer Rekatholisierung Leipzigs sprechen. Aber der Deutschen Bischofskonferenz genügten die Zahlen. Sie segnete das Bauvorhaben ab. Seitdem treiben die Katholiken das Projekt mit geschickter Lobbyarbeit voran. Der ehemalige Chef der sächsischen Staatskanzlei, Michael Sagurna, hilft beim Fundraising und gewann prominente Unterstützer. Auf der langen Liste stehen Bundestagspräsident Norbert Lammert, Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich oder MDR-Intendant Udo Reiter; auch Künstler wie der Schauspieler Ben Becker und Operntenor Gunther Emmerlich. Im Leipziger Stadtrat befürworten alle Fraktionen, von CDU bis Linkspartei, den Neubau. Dank der klugen Öffentlichkeitsarbeit hat bislang noch keine Gemeinde laut gefragt: Warum werden in Leipzig Millionen verbaut, während es bei uns noch nicht einmal für neue Stühle reicht?

»Das Projekt ist die absolute Ausnahme«, meint der Leipziger Theologieprofessor Wolfgang Ratzmann. Die Zahl der Kirchenmitglieder werde in Ostdeutschland in den nächsten Jahren wohl stärker sinken als die Zahl der Gesamtbevölkerung, weil vor allem ältere Menschen der Kirche angehörten. Trotzdem kehren die Katholiken in Leipzigs Zentrum zurück, »dahin, wo zuletzt vor allem Banken und Kaufhäuser gebaut wurden«. Ratzmann hält das für ein wichtiges Symbol. Auch von Wiedergutmachung. Denn die Trinitatisgemeinde hat eine schwierige Geschichte hinter sich. Keine 500 Meter vom Baugrund entfernt, stand einst Leipzigs erste katholische Kirche nach der Reformation. Das neobarocke Gebäude von 1847 wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben stark beschädigt. Die SED befahl den Abriss der Ruine und zögerte einen Neubau immer wieder hinaus. Die Gemeinde blieb über Jahrzehnte heimatlos. Erst 1975 erging eine Baugenehmigung. Es lockten Devisen aus der Bundesrepublik, wo Katholiken für eine neue Kirche gesammelt hatten. Allerdings mussten sich die Christen mit Baugrund außerhalb der Innenstadt begnügen. Dort steht seit 1982 die zweite Kirche von Sankt Trinitatis. Die Fassade mit ihrer Wabenstruktur erinnert auf den ersten Blick an eine Schwimmhalle.