Camorra-Hinrichtung Nichts sehen, nichts wissen. Weitergehen

So drastisch wurde noch kein Mafia-Mord dokumentiert wie in diesem Video aus Neapel. Ein Aufschrei von Roberto Saviano

Der Schriftsteller Roberto Saviano

Der Schriftsteller Roberto Saviano

Alles ganz normal. Der Ablauf einer solchen Camorra-Hinrichtung scheint nichts anderes zu sein als: normal. Über einen auf dem Boden liegenden Toten steigen. Ganz normal. Zusehen, wie einem Menschen in den Kopf geschossen wird. Ganz normal. Nichts dagegen tun, nicht einmal schreien oder jemanden herbeirufen. Alles ist normal – keiner rennt, keiner unternimmt etwas.

Die Stadt befindet sich im Krieg, und die Menschen handeln, wie man eben handelt im Krieg, man kriecht, stiehlt sich davon, fällt tunlichst nicht auf. Schau, dass du deine Haut heil heimbringst, alles andere zählt nicht.

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Es gibt die Hölle. Sie ist real in jenen fünf Minuten, die eine Überwachungskamera am 11. Mai in der Via Vergini in Neapel aufgezeichnet hat, im Sanità-Viertel. Seit dreißig Jahren sind die Menschen hier daran gewöhnt, sie reagieren, als seien sie Zeugen eines Auffahrunfalls. Der Mörder ist versiert; sehr wahrscheinlich hat er schon öfter Menschen getötet. Er sieht sein Opfer da stehen, betritt ohne Eile den Laden, dreht eine kleine Runde, geht hinaus und gibt fünf trockene Schüsse ab, wenige Zentimeter von seinem Opfer entfernt.

Die ersten Schüsse treffen, dann folgt der letzte: der "Gnadenschuss". Jeder Camorrist, der danebenschießt, bezahlt den Fehler mit seinem Leben; er muss sterben, weil er einen am Leben ließ, der nun zum Zeugen wird. Man sehe sich die Obduktionsbefunde der Camorra-Toten der letzten zehn Jahre an: Fast jedem wurde ins Gesicht geschossen oder in den Nacken, um ganz sicher zu sein, dass er tot war.

Nachdem er fünf Schüsse abgegeben hat, entfernt sich der Mörder mit der Waffe in der Hand, er wirft sie nicht weg, weil er weiß, dass jemand das Feuer erwidern könnte. Er hat sein Opfer nicht vom Motorroller aus erschossen, wie es sonst oft der Fall ist und vielleicht bequemer gewesen wäre. Das mag darauf hindeuten, dass er kein Killer aus dem Viertel ist und man ihn hier nicht kennt, er also nicht fliehen und sein Gesicht verstecken muss. Und tatsächlich erkennt sein Opfer nicht den Camorristen in ihm, es ahnt nichts von der Gefahr. Er kommt, sieht und schießt.

Auf dem Video wurde ein alltägliches Ereignis aufgezeichnet, das aber nun in aller Klarheit sichtbar wird. Es ist das erste Mal, dass eine Camorra-Hinrichtung dank eines Videos eindeutig bewiesen werden kann. Ein Beweisstück, das auf allzu drastische Weise die fantasiereichen Hinterhaltmorde dekonstruiert, die wir aus dem Kino kennen. Hier werden keine Arme ausgestreckt, um Waffen abzuwehren, es gibt kein Drohgebrüll, niemand schreit wie verrückt, und keiner verzweifelt, während ganze Magazine auf das wehrlose Opfer abgefeuert werden. Nichts von alldem. Der Tod ist fast zu banal, um wahr zu sein.

Die Hinrichtung ist ein rascher, einfacher Akt, fast stumpfsinnig. Aber ebendiese Banalität, das absurd heitere Drumherum, durch das alles gedämpft und ins Irreale verschoben scheint – ebendas lässt Zweifel an der Menschlichkeit der Anwesenden aufkommen. Wer diese Bilder sah, wird es schwer haben, Neapel und den Süden länger gegen seine angeblichen Verleumder zu verteidigen. Wer kann noch behaupten, das sei alles Schwarzmalerei, Übertreibung? Wird man noch einmal jemanden so reden hören? Tausend Expertisen und hundert Urteile werden nicht reichen, um die Gleichgültigkeit zu erklären, mit der Menschen auf diesem Video beobachten, wie ein Mensch vor ihren Augen kaltblütig hingerichtet wird.

Leser-Kommentare
  1. Das Image von Italien ist so gut aufgestellt - das kann Millionenfach passieren...man guckt weg.

  2. Bitte formulieren Sie Ihre Meinung differenzierter. Danke, die Redaktion/vv

  3. 3.

    GRAZIE.

  4. Es gibt da einen ganz wesentlichen Unterschied zwischen deinen Beispielen aus Deutschland und dem, was in Süditalien vor sich geht. Hier passieren diese Dinge selten. So selten, dass es jedesmal als große Nachricht in den Zeitungen steht. Und deswegen kann man in unserem Land auch ohne Furcht leben. Dort im Mafialand ist so etwas alltäglich, und die gesamte Bevölkerung muß in Angst davor leben. Größer könnte der Unterschied nicht sein.

    Und du glaubst wirklich, die Mehrheit der Deutschen findet fremdenfeindliche Gewalt gut ? Du leidest offenbar an Wahnvorstellungen, anders kann ich mir diese Äußerungen nicht erklären.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... wenn sie offensichtlich ein "deutsches" Gesicht haben. Für die Ausländer in Deutschland ist diese Angst real. Nicht die Masse macht es - wie erbärmlich ist es, Angst nur anzuerkennen, wenn sie von möglichst vielen empfunden wird.

    ... wenn sie offensichtlich ein "deutsches" Gesicht haben. Für die Ausländer in Deutschland ist diese Angst real. Nicht die Masse macht es - wie erbärmlich ist es, Angst nur anzuerkennen, wenn sie von möglichst vielen empfunden wird.

  5. ... wenn sie offensichtlich ein "deutsches" Gesicht haben. Für die Ausländer in Deutschland ist diese Angst real. Nicht die Masse macht es - wie erbärmlich ist es, Angst nur anzuerkennen, wenn sie von möglichst vielen empfunden wird.

    Antwort auf "@ zaitberg (Nr.2)"
  6. Wer hat die Laudatio von Giovanni di Lorenzo (München, Geschwister-Scholl-Preis) gelesen? Wer hat letzte Woche (03.12.2009) das Interview mit Saviano in Repubblica TV (Videoforum, Seconda parte, Time 10:30-11:50) im Internet (http://tv.repubblica.it/v...) gehört oder gesehen? Die Lorenzo behauptet, dass in Italien der Staat abwesend sei, und er bedauerlicherweise auch feststellen müsse, dass Italien Risiko laufe, nicht mehr ein Staat wie die anderen europäischen Staaten zu sein. Letzte Woche sagte Saviano mit einem gewissen Stolz, dass er im Ausland (also auch in München) geschätzt werde, weil er zu jenem Italien gehöre, das Mut an den Tag lege und in Europa ein einzigartiges Beispiel darstelle. Italien sei, so Saviano, das Land mit den weltweit besten Gesetzen zur Bekämpfung der Kriminalität, und genau dies werde im Ausland anerkannt. Italien könne also anderen Ländern ein Beispiel geben, die so ihre Kriminalität aufdecken könnten, die nur deswegen nicht zutage tritt, weil diese Länder nicht so eine Gesetzgebung haben wie Italien (Beispiel: Tatbestand der mafiösen Vereinigung). Zu diesem Schluss kommt auch Petra Reski.

  7. Ich empfehle allen, sich das Interview mit Saviano anzusehen. Sehr geehrter Herr Di Lorenzo, ist Ihnen klar, dass Saviano genau das Gegenteil von Ihnen behauptet? Sehr geehrter Herr Saviano, ist Ihnen bewusst, dass im Ausland manch einer denkt, dass Italien ein Land ist, das unfähig ist, ein Recht zu haben und zur Geltung zu bringen? Während in Italien Polizei und Carabinieri (unter Lebensgefahr, pars pro toto stehen dafür Falcone, Borsellino und auch Saviano selbst) gegen Mitglieder der Mafia und Kriminelle ermitteln, Anklage erheben und sie festnehmen, blickt man von Deutschland aus bestürzt aufs Ausland: Solange man blind ist gegenüber den Investitionen und kriminellen Handlungen, die es hierzulande sehr wohl gibt, und sich zugleich als Klassenprimus profiliert, sind die Bösen immer die anderen!

  8. Dass der Autor einmal von Mord, zwei Sätze weiter aber von einer "Hinrichtung" schreibt, läßt darauf schliessen, dass dem Autor die Begriffe nicht so wichtig sind. Wer einen Mord als "Hinrichtung" bezeichnet, verwechselt grundsätzliches. Solche Begriffsverwechselung sind in der BZ oder TAZ oder "Frau im Spiegel" alltäglich. Dass in der ZEIT aber auch solche Autoren Begriffsverwirrung betreiben dürfen, läßt auf eine schlechte redaktionelle Überarbeitung schliessen. Das passt gar nicht zu dem Niveau, das ich bisher als typisch für die ZEIT kenne.

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