Siebeck Kitsch? Hauptsache, es schmeckt!

Wolfram Siebeck setzt sich in Bremen zu Tisch und entdeckt einen Meister der Dekorationskunst - der auch noch kochen kann

Zuerst traute ich meinen Augen nicht, dann meiner Zunge. Dazwischen lagen ungefähr zwanzig Minuten. Ich saß im Restaurant La Terrasse des Park Hotels in Bremen. Aber nicht etwa deshalb, weil mir das La Terrasse als herausragende Gourmetadresse bekannt gewesen wäre.

Nein: Ich wohnte eben im Park Hotel. Und der wunderbare Park, die beeindruckend großen Räume im Parterre, die komfortablen Zimmer – sie ließen keinen Zweifel daran, dass ich eine gute Wahl getroffen hatte. Irgendwo in dem noblen Haus hatte ich in Vitrinen unzählige Flaschen mit gelben bis bernsteinfarbenen Weinen gesehen, eine ungewöhnliche Sammlung teurer Sauternes.

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Ebenso verblüfft wie von diesem Anblick war ich, als mir der erste Gang meines Menüs vorgesetzt wurde: Er war wie eine Illustration meiner Klagen über die irren Tellerdekorationen unserer Avantgardeköche. Sie montieren ihre Kreationen, als hätten sich eine ägyptische Architektin, ein Tessiner Maurermeister und ein deutscher Zeltmacher zusammengetan, um einen Flughafen für Dubai zu entwerfen.

Solche Konstrukte gelten heute in der Kochkunst als Zeichen höchster Kreativität, und doch handelt es sich fast immer um Kitsch. Der Gast, der diese essbare Kleinkunst mit der Gabel innerhalb von Sekunden zerstört, hat selten das Gefühl, auf einem Kunstwerk zu kauen.

Und so blickte ich recht konsterniert auf das, was ich als eine Kombination von Räucheraal und Gänseleber bestellt hatte und was im Allgemeinen saugut schmeckt: Auf meinem Teller stand ein eckiger Turm, rund zehn Zentimeter hoch, die unteren zwei Drittel rosa (Foie gras!), das obere glasig weiß. Das war der Aal, von Gelee umhüllt. Sehr sauber gebaut, glatt und gleichmäßig, das Ganze, fern an einen Leuchtturm erinnernd. »Was für eine bescheuerte Dekoration!«, dachte ich. Und setzte die Gabel an. Das war der Moment, als ich meiner Zunge nicht traute. Denn Aal und Foie gras waren perfekt gewürzt, angenehm auf der Zunge, ein Hochgenuss. Zufall? Oder stand in der Küche ein Meister der Dekorationskunst, der tatsächlich auch noch gut kochen konnte?

Leser-Kommentare
    • luccas
    • 06.12.2009 um 19:47 Uhr

    ...vor Jahren noch eines von vielen Glibbertieren, das kaum ein sogenannter Gourmet und erst recht kein Normalesser kannte. Heute darf das Muschelbröckchen auf keinem Kruschtteller der Horrorköche des Perfekten Diner(s) fehlen.

  1. Also so Glibberzeugs ist nichts für mich. Ich habe zwar schon so manches Getier probiert - http://mug.im/gdhlx - aber Schnecken, Muscheln und so, nee...

  2. Als Butenbremerin freue ich mich zu hoeren, dass das Park Hotel jetzt auch kulinarisch auf der Hoehe ist!

    Was aber wurde aus der im ersten Teil des Artikels erwaehnten Sammlung von Sauternes???!!!

  3. "Hauptsache es schmeckt", dieser Satz erklärt Massentierhaltung und überfische Meere.

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