WM 2010 Ein Kick fürs ganze Land?
In Südafrika streitet man darüber, ob von der Fußball-WM 2010 auch das Volk profitiert
© Alex Livesey/Getty Images

Kinder während eines Fußballspiels in Südafrika: "Der Weltfußballverband kommt wie eine Diktatur über das Gastgeberland und schreibt alle Maßnahmen bis ins Detail vor"
In Ikemeleng gibt es nur eine Tageszeit, die Abwechslung verspricht: nachmittags ab vier, wenn die Schatten länger werden und die Hitze nachlässt. Dann versammeln sich die jungen Männer auf dem buckligen Bolzplatz zum Kicken. Am Spielfeldrand hocken ein paar Zuschauer auf zerbeulten Ölkanistern und feuern sie an. Norman Thobeli kommt jeden Tag, was sollte er sonst schon tun? Er ist arbeitslos.
Vor 14 Jahren kam Thobeli nach Ikemeleng. Das Apartheidsystem war soeben untergegangen, endlich durften sich auch schwarze Bürger frei in ihrem Land bewegen. Sie strömten herbei aus den entferntesten Provinzen Südafrikas und aus den Nachbarländern Sambia, Simbabwe oder Mosambik. Denn die Erde in dieser Region birgt Chrom und Platin. Die Migranten hofften auf Arbeit in einem der Bergwerke – und endeten in einer Blechhütte oder einem Bretterverschlag in Ikemeleng.
Ein trostloser Flecken. Dornenbüsche, staubige Wege, überall Müll, kein Strom, kein Wasser, keine Kanalisation. 80 Prozent der 5000 Bewohner sind arbeitslos. Ikemeleng ist ein informal settlement, eine wilde Siedlung. Sie entstand 1994, ist also genauso alt wie das neue Südafrika. »Aber wir leben immer noch in der Vergangenheit«, sagt Thobeli. »Man hat uns einfach vergessen. Fortschritt kennen wir nur aus dem Fernsehen. Aber die meisten von uns besitzen keinen Fernseher.«
»Eiiiiish!«, ruft Thobeli. Ein Stürmer der gelben Elf hat soeben eine hundertprozentige Torchance vergeben. Platinum Real Touch heißt das Team, Platin zum Anfassen. Wenigstens der Fußball bringt ein bisschen Glanz in den Alltag, und man möchte annehmen, dass sich die Fans von Ikemeleng auf den Weltcup im nächsten Jahr freuen. »Worauf sollen wir uns freuen? Die big show findet doch ohne uns statt!«, erregt sich Marcus Mputle, ein dürrer Rasta-Mann. »Nur eine Handvoll Leute kann sich die teuren Tickets im Royal Bafokeng Stadium leisten.« Die WM-Arena ist zwar nur zwanzig Kilometer entfernt. Doch sie liegt in einer anderen, einer unerreichbaren Welt.
In jener fremden Welt, in einem klimagekühlten Konferenzraum in Kapstadt, zählt Brent Walters die Vorzüge der Weltmeisterschaft auf. Er ist kommissarischer Sportminister des Bundeslandes Western Cape. »Der Weltcup ist das Beste, was unserem Land seit der Wende beschert wurde«, sagt er feierlich. Das Megaevent schaffe Arbeitsplätze, fördere den Tourismus. Flughäfen und Straßen entstünden, Stadien, ein neues Nahverkehrssystem. Man sei froh über all die Bauprojekte, sie hätten die Folgen der globalen Krise abgemildert. »Vor allem aber wird der Weltcup unsere Nation einen. Die gesamte Gesellschaft steht hinter ihm.«
Das ist nicht richtig. Am 15. Mai 2004, an jenem historischen Tag, als der Weltfußballverband Fifa das größte aller Sportfeste erstmals nach Afrika vergab, jubelte zwar die ganze Kaprepublik. Doch kaum war die erste Euphorie verebbt, begann die kritische Selbstbefragung.
Können wir uns eine Supershow, die astronomische Summen verschlingt, überhaupt leisten? Braucht ein fragiles Schwellenland wie Südafrika nicht viel dringender Häuser, Schulen und Hospitäler als hypermoderne Fußballarenen? Welchen nachhaltigen Nutzen bringt der globale Kommerzzirkus? Könnte es sein, dass die WM dem Land am Ende sogar schadet? Vor allem weiße Südafrikaner stellen solche Fragen. Die schwarze Bevölkerungsmehrheit aber will die Fußballweltmeisterschaft, das belegen alle repräsentativen Umfragen. Sie knüpft enorme Erwartungen daran. 2010, das ist wie eine Zauberformel, die Wachstum, Wohlstand und eine bessere Zukunft verspricht.
Man muss nur mit Zoliswa Gila sprechen, der schwarzen Kranführerin. Sie kreist jeden Tag hoch über der Baustelle des Green Point Stadium in Kapstadt und ist stolz darauf, bei diesem Großprojekt mitzuwirken. Zoliswa Gila lebt draußen in der Township Philippi, früher hat sie Billigfleisch verkauft, und es war nie genug Geld da. Heute kann sie ihre Familie und ihre Geschwister ernähren – dank 2010. Die meisten Bewohner der Armenviertel vor den Toren der Stadt aber werden von den erhofften Segnungen nicht viel spüren, glaubt Martin Jansen, Direktor der gewerkschaftsnahen Organisation Workers World. »Nur das Großkapital macht gewaltige Profite, Baukonzerne wie Murray & Roberts, bei den Arbeitern aber kommt wenig an.«
Die WM-Investitionen seien »weiße Elefanten«, schimpft Jansen, nutzlose Prestigeprojekte, deren Kosten durch Preisabsprachen der Zulieferfirmen und systematische Korruption explodiert seien. Allein das Schnellbussystem habe in Kapstadt 4,1 Milliarden Rand gekostet, rund 380 Millionen Euro, dreimal so viel wie ursprünglich geplant. »Uns Steuerzahlern wurden Milliarden geraubt. Was haben wir davon? Was kommt danach?«
Die Metropolen Kapstadt, Johannesburg und Durban entwerfen Nutzungskonzepte für die Zeit nach der WM, kleinere Städte wie Polokwane oder Nelspruit werden die viel zu großen Stadien vermutlich nie wieder füllen können. Südafrika habe sich übernommen, prophezeit Jansen. »Allein in diesem Jahr wird das Haushaltsdefizit rund 80 Milliarden Rand betragen.« Für das Entwicklungsland Südafrika ist diese Neuverschuldung eine schwere Hypothek.
Außer Spesen also nichts gewesen? Christa Venter ist ganz anderer Meinung. Sie leitet das 2010-Büro der Stadt Johannesburg und koordiniert alle technischen Vorbereitungen. »Unser Verkehrssystem wird modernisiert, das ist eine bleibende Hinterlassenschaft des Weltcups.« Die Ingenieurin schwärmt vom Bus Rapid Transport System (BRT), von den neuen Schnellverbindungen, die auf parallelen Fahrstreifen entlang der Hauptverkehrsadern laufen.
Im Control Room, wo das BRT elektronisch gesteuert wird, überwachen Videokameras alle Busse, Ticketschalter und Haltestellen. Das neue Verkehrsmittel ist sicher und schnell, man kann jetzt quer durch die Megacity pendeln, ohne ein Dutzend Mal in die überladenen Minitaxis umzusteigen. Die Wirtschaftsmetropole Johannesburg hat diese Innovation dringend gebraucht. Das Problem ist nur, dass die Kunden sie bislang nicht annehmen und die Busse leer bleiben.
Mohau Pheko, eine prominente Frauenrechtlerin und Radiomoderatorin, lässt kein gutes Haar am Weltcup. Sie ist Gesundheitsexpertin, Frauenrechtlerin und Radiomoderatorin und urteilt: »Das ist ein reines Eliteprojekt, das nur den Reichen im Norden und im Süden dient.« Sie findet es »kriminell«, im Land mit der höchsten Ungleichheit der Welt die Entwicklungsressourcen für ein größenwahnsinniges Turnier zu verschleudern. »Mit dem Geld hätte man das gesamte öffentliche Gesundheitswesen Südafrikas sanieren können.«
Mögen Sie Fußball, Miss Pheko? »No!«, sagt sie und lacht grimmig.
Sie zählt einige Beispiele auf: Die Bewohner der Slums, die zwangsumgesiedelt wurden, um dem globalen Publikum den Anblick ihrer Hütten an den Zufahrtsstraßen zu den Sportstätten zu ersparen. Die Mädchen und Frauen, die als Prostituierte herbeigekarrt werden. Die Obdachlosen und Straßenkinder, die man in Lager am Stadtrand abschieben will. Man muss der forschen Frau Pheko nicht in allen Kritikpunkten zustimmen, aber ihr Verdacht, dass die Fifa die erste WM in Afrika am liebsten ohne die armen Afrikaner durchziehen würde, ist nicht unbegründet.
Der Weltfußballverband kommt wie eine Diktatur über das jeweilige Gastland und schreibt alle Maßnahmen bis ins kleinste Detail vor. Die Südafrikaner reagieren nach jahrhundertelanger Fremdherrschaft ziemlich allergisch. Da sind zum Beispiel die fliegenden Händler. Sie verkaufen am Rande großer Veranstaltungen Perlenschmuck, Burenwürste oder selbst gebastelte Fanartikel; davon leben zahlreiche Familien in den Townships.
Die Kleinhändler hatten sich gute Geschäfte bei der WM erhofft, doch viele fühlen sich schon jetzt ausgeschlossen und betrogen. Wer nämlich seinen Stand vor den Stadien oder in den Fanparks aufbauen will, muss ein kompliziertes Genehmigungsverfahren durchlaufen. Und nur die offziellen Sponsoren dürfen die Symbole und Sprüche der WM verwenden. Die Fifa nimmt keine Rücksicht auf lokale Gegebenheiten und zieht ihr exklusives Marketingprogramm durch. Als die Ladenkette Metcash einen ballförmigen Lollipop mit der Aufschrift »2010« anbot, ließ die Fifa das sogleich gerichtlich verbieten.
»Wir kriegen ein bisschen was, aber den großen Reibach machen andere«, zürnt Nthateng Motaung. Sie betreibt ein kleines Gästehaus in Soweto und hat ihre Zimmer an Match verkauft, an die Schweizer Firma, die WM-Unterkünfte und Tickets zentral vermarktet. »Ich bin mal gespannt, welche Wucherpreise die verlangen.« Es hat sich im Lande herumgesprochen, dass Philippe Blatter, der Chef einer Teilhaberfirma von Match, ein Neffe von Fifa-Präsident Sepp Blatter ist. Die Leute ahnen, dass sein Imperium am Ende als Hauptprofiteur des Turniers dastehen wird.
Der ökonomische Nutzen wird meist gewaltig überschätzt
Nach der WM 2006 in Deutschland konnte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung »keinerlei nennenswerte gesamtwirtschaftliche Effekte« feststellen. Der ökonomische Nutzen wird gewaltig überschätzt, die Kosten werden grob unterschätzt, das zeigen vergleichende Studien über Megaevents in aller Welt. Viele Experten erwarten, dass es auch in Südafrika so sein wird.
Das trickle down, das Durchsickern der WM-Dividende zu den ärmeren Schichten, dürfte recht bescheiden ausfallen. Kurzer Bauboom, prächtige Stadien, bessere Infrastruktur, modernisierte Informations- und Kommunikationstechnologien, gesteigerte Umsätze einzelner Branchen wie Hotel- und Gastgewerbe, Einzelhandel, Sportartikelindustrie oder Sicherheitsdienste, rund 50000 Arbeitsplätze, von denen aber viele nur temporär sein werden. Eine realistische Prognose könnte ungefähr so aussehen: Der Weltcup schafft Jobs, überwindet aber nicht die Massenarbeitslosigkeit. Er verbessert den Personenverkehr, löst aber nicht die fundamentalen Probleme des Transports. Er setzt Wachstumsimpulse, führt aber keinen nachhaltigen Aufschwung herbei.
Doch die fußballbegeisterten Afrikaner argumentieren ohnehin nicht ökonomisch. Sie erinnern an das Sommermärchen 2006, als Deutschland das gängige Kraut-Image überwand und sich als fröhliche, weltoffene, unverkrampfte Nation präsentierte. Auch Afrika bietet das größte Sportfest der Erde die Chance auf ein neues Image jenseits der Zerrbilder vom verlorenen, moribunden Kontinent – als moderner, friedlicher und heiterer Erdteil. Das Motto des Weltcups unterstreicht diese Hoffnung: Ke nako, it’s time to celebrate humanity! Begegnet uns Afrikanern endlich auf Augenhöhe, und erkennt uns als gleichwertige Mitglieder der Weltfamilie an!
Eines lässt sich schon vor dem Anpiff im Juni 2010 mit Gewissheit sagen: Seit dem Ende der Kolonialherrschaft in den 1960er Jahren gab es kein Ereignis, das das afrikanische Selbstwertgefühl mehr gestärkt hätte. Das kann man auch in den Gesichtern der Mädchen und Jungen lesen, die in der Hillwood-Grundschule am Programm »Kicking for Peace« teilnehmen. Sie schwärmen von den großen afrikanischen Fußballstars, die es der Welt zeigen werden. Sie träumen davon, dass Drogba, Essien und Eto’o nach Lavender Hill kommen, in ihre Township, die von Armut und Gewalt geplagt ist.
Die Kinder dürfen manchmal bei Turnieren mitspielen. Ein Knirps verrät, was das Allerbeste daran ist: »Da kriegen wir was zu essen.«
- Datum 18.12.2009 - 14:25 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
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Leiste gerade einen entwicklungsolitischen Freiwilligendienst im Western Cape..habe dementsprechend die Moeglichkeit 2 Cups hintereinander live zu erleben, und zu Vergleichen:
- Die Freude ueber den Worldcup ist enorm, viel groesser als zum vergleichbaren Zeitpunkt im Sportevent verwoehnten Deutschland! Fernsehwerbung, Tagesgespraech usw. usw.
- Der praktische Nutzen fuer die schwarze Bevoelkerung wird vermutlich gering bis ueberhaup nicht vorhanden sein!
- Aber das Selbstwertgefuehl steigt enorm, man ist stolz den Blick der Welt auf sich ruhen zu wissen und als Vertreter Afrikas aufzutreten....und dies gilt fuer jeden einzelnden Suedafrikaner! Und wer arbeitslos in einem Township lebt, fuehlt sich nicht selten uebergangen, unwichtig...nutzlos..
- Viele Projekte nutzen den Cup als Auffhaenger fuer Tuniere, Aktivitaeten usw...
Vorrangig geht es vorallem um eins...um den Sport! Und auch wenn Bfana Bfana in letzer Zeit unterirdisch gespielt hat, und nicht selten betreten auf den Boden geschaut wird, wenn das Gespraech auf die Suadafrikanischen Heros zu sprechen kommt, ist mir bisher kein Mensch, unabhaengig der Hautfarbe, begegnet, der nicht Rugby und Fussball verliebt ist!! Der Wirtschaftlich sowie politische Faktor spielt gerade in den Townships nicht die vorrangige Rolle wenn es um die WM geht...
Typisch Suedafrikanisch wird sich mit glaenzenden Augen und einer selbstverstaendlichen Verliebtheit auf das Fussball-, wenn nicht sogar Sport-, Event das Jahres gefreut!!!
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