Technikgeschichte Die Macht des Wandels
Fischstäbchen, Facebook und Fotovoltaik: Ein Streifzug durch die Technikgeschichte zeigt, wie Innovationen sich durchsetzen.

Der Fernseher hat sich als Innovation durchgesetzt und ist immer noch Statussymbol.
Eine Familie fährt mit ihrem schicken neuen Auto ins Grüne. Findet eine Wiese, breitet die Decke aus. Picknick. Das Leben ist schön. Dann geht’s wieder heim, Papa wirft aus lauter Lebensglück seine leere Bierdose, so weit er kann, Mama schüttelt die Decke aus, die Plastiksachen kullern auf die Wiese. Dort bleiben sie liegen. Irre.
Mad Men heißt eine amerikanische Fernsehserie, die uns diese Welt der frühen Sechziger vorführt (seit letztem Sommer auch im deutschen Pay-TV). Im Büro regieren Männer und belästigen ihre Sekretärinnen, rauchen pausenlos, kippen doppelte Whiskys und setzen sich danach hinters Steuer. »Ich könnte zu Fuß zur Arbeit gehen«, sagt ein junger Mann, »aber ich fahre so gerne Auto.« – »Dein Haar wird irgendwie grün«, sagt die Mutter zur Tochter, die gerade dem Swimmingpool entstiegen ist, »das nächste Mal setzt du die Badekappe auf!« – ja, wirklich irre, und vor allem lehrreich. Denn Mad Men zeigt uns Verhaltensweisen von damals, die zusammen mit Technik, Regeln und einer bestimmten Vorstellungswelt ein nahtloses Ganzes bildeten. Ein »Regime«, wie Technikhistoriker sagen würden. Eines, das heute nicht mehr existiert. Was ja hoffen lässt, denn wieder ist ein Regimewechsel nötig.
Menschen haben bestimmte Gewohnheiten. Sie denken, sprechen und arbeiten wie gewohnt, und sie bestärken einander darin. Das Gewohnte ist gegenwärtig, ist hautnah, es hat sozusagen sehr viel Dasein. Mehr als, beispielsweise, irgendwelche Südseeinseln, die vielleicht in ein paar Jahrzehnten untergehen könnten. Dieser Daseinsvorsprung des Bestehenden macht es so schwer, anders zu handeln, als es die Gewohnheit will. Gelingt dies dennoch, und zwar auf Dauer, dann spricht die Techniksoziologie von einer Innovation. Nicht eine neue Sache ist Innovation, sondern eine neue Praxis: nicht etwa die neue Solarzellentechnologie, sondern der Einsatz von Solardächern.
Innovationen haben vielerlei Voraussetzungen. Der Siegeszug der Fischstäbchen in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg beispielsweise setzte sowohl sonargestützte Fangtechnik, neuartige Gefriermethoden, Kettensägen und Kühlketten vom Trawler bis zur Verkaufstheke voraus als auch Supermärkte und mit ihnen den automobilgestützten Lebensstil. Folglich wären Fischstäbchen undenkbar gewesen ohne die Mittelschichtsfamilie mitsamt Tiefkühltruhe und Fernseher, der wiederum den Wunsch nach unkomplizierten Mahlzeiten aufkommen ließ, dem TV-Dinner . Überdies war von Wissenschaftlern empfohlene Eiweißnahrung modern, zumal sie wie Astronautenkost aussah. Ein Statussymbol.
Komplexer noch war der Siegeszug des Autos, die Eroberung der Welt durch eine ganze Lebensweise. Zu ihr gehörten neue Arbeits- und Siedlungsformen ebenso wie ein neues Zeichensystem. Das Gefährt verwies auf Freiheit und Wohlstand, und es wurde zum symbolischen Ort, an dem gegessen, Filme gesehen, Kinder gezeugt und Amerika erfahren wurde.
Beinahe wäre das Auto-Straße-System in seiner Frühzeit gescheitert, nämlich an den Fußgängern. Sie behinderten die Innovation durch ihre Anwesenheit auf der Straße, die noch nicht Fahrbahn geworden war. Das automobile Regime musste seinen Raum erst erobern. Diesen Feldzug, der die ersten drei Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts beanspruchte, hat der amerikanische Technikhistoriker Peter D. Norton analysiert (Fighting Traffic, The MIT Press, 2008). Drangen die Autofahrer zunächst als Störenfriede dort ein, wo bislang alle Welt kreuz und quer spazierte oder ihren Karren schob, galten im Kampf um Raum bald die Fußgänger als das anarchische Element.
Anfangs hatten die Fußgänger für umherrasende Fahrer das Wort joyrider verwendet. Mit einigem Erfolg forderten sie von ihren Stadtverwaltungen, den Autofahrern Schritttempo vorzuschreiben. Die Motorlobby konterte mit jaywalker, einem Wort, das ursprünglich ein Landei bezeichnete, das sich in der Stadt nicht auskennt und überall im Weg steht. Autofahrer waren moderne Städter, jaywalker hingegen Zurückgebliebene aus der Unterschicht, die nicht bereit waren, sich der neuen Zeit anzupassen. Die Autoverbände und die inserierende Wirtschaft beeinflussten die Lokalpresse, versorgten sie mit Artikeln sowie mit Karikaturen und Glossen, die den jaywalker verspotteten. Bald postierten sich Schulklassen und Pfadfindergruppen an den Straßen und ermahnten Fußgänger, die sich nicht an die neuen Markierungen hielten, mit denen ein wachsender Teil des öffentlichen Raums zur exklusiven Fahrbahn umdefiniert wurde. Aktivisten verteilten Mahnzettel oder verspotteten die jaywalker mit clownesken Einlagen; Polizisten stellten unbotmäßige Fußgänger per Trillerpfeife bloß.
»Jaywalker« schaffte es 1924 zum ersten Mal in ein Standardwörterbuch, den Rest besorgte die Verkehrserziehung in Schule und Familie. Das Auto hatte gewonnen, ein neues Regime war geboren, entstanden aus Technik, Sprache, sozialem Druck und Interessen. Eine Innovation.
Eine zwischen Philosophie, Soziologie und theoretischer Informatik angesiedelte Disziplin namens a rtificial societies (künstliche Gesellschaften) hat sich der formalen Modellierung solcher Veränderungsprozesse angenommen. Ihr Ausgangspunkt ist der »methodologische Individualismus«: In Computersimulationen treffen recht einfach konstruierte Akteure aufeinander und verändern einander wechselseitig so, dass für die nachfolgenden Begegnungen wieder neue Bedingungen gegeben sind. So geht es immer weiter, und siehe da, stellt man diese Prozesse grafisch dar, zeigen sich Zusammenballungen, Netze und andere Muster.
In die modellierten Akteure lassen sich zusätzliche Eigenschaften einprogrammieren, die beispielsweise die Rolle der Moral, der Lernfähigkeit, der Beeinflussbarkeit oder Innovationsbereitschaft wiedergeben. Überdies kann der Forscher globale Bedingungen festlegen, um den Einfluss beispielsweise der Politik zu simulieren. Viele unterschiedliche Modelle entstehen auf diese Weise, doch immer wieder erweist sich: Dauerhafte Verhaltensänderungen gehen von entschlossenen kleinen Gruppen aus, die andere Gruppen mitreißen.
Irgendwann hatten Gruppen von Netzusern damit begonnen, Musikdateien auszutauschen, heute ist das Musikgeschäft von Grund auf verändert. Und sobald sich jemand bei Facebook anmeldet, wird er mit Einladungen überhäuft, die ihn sogleich mit neuen Subnetzen verbinden; das Netz wächst zu wie ein Ententeich.
Schon seit Beginn der achtziger Jahre wird untersucht, wie sich die Nutzung von Solaranlagen ausbreitet. Auch sie ist ein Phänomen, das sich fleckenweise durchsetzt, in Gruppen, Clustern, Nachbarschaften. Wozu sicherlich beiträgt, dass räumliche Nachbarn einander zumeist auch sozial und ideologisch nahestehen.
Je kleiner die Gruppe, desto größer die Wahrscheinlichkeit von Begegnungen und damit von Lohn und Strafe. Just deshalb wird die Familie oft »Keimzelle der Gesellschaft« genannt. Sie ist nicht nur deshalb die erste Instanz des gesellschaftlichen Lernens, weil sie Kinder von klein an umgibt, sondern auch weil sie die intensivste ist. Kein Transmissionsriemen, sondern ein Schwingkreis – Kinder erziehen ihre Eltern, nicht bloß Eltern die Kinder. Mami, das wirft man nicht in den Küchenmüll! Wer Gewohnheiten ändern will, muss die Familien dafür gewinnen.
Tugend entsteht durch ihre Einübung, schrieb Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik. Und da der Mensch dazu neigt, seine inneren Dissonanzen einzuebnen, gilt, vereinfacht: Einmal öko, immer öko. Tugend bleibt nicht lokal. Sie verlässt die Gruppe. Wer viel Zeit oder Geld aufwendet, um zusammen mit anderen Wohnungseigentümern ein Haus umweltfreundlich umzubauen, wird auch im öffentlichen Raum, vom Verein bis zur Wahl, umweltbewusst handeln wollen.
Tugend entsteht also durch Tugend? Das ist doch zirkulär? Gewiss. Solch ein Zirkel wird nur durch den durchbrochen, der ihn erkennt: durch die Praxis.
Also doch, wie es in der Ökobewegung immer hieß, bei sich selbst anfangen, »im Kleinen«? Das klingt so zwergig. Sagen wir lieber: im Nahfeld. Die Sprache gehört zum Kern jedes soziotechnischen Systems, das lehrt die Geschichte der jaywalker. »Grün«, das ist ein schönes Wort, das wirken kann. Aber »Nachhaltigkeit«? Warum nicht lieber »Umsicht«?
Es gibt da ein Kommunikationsproblem. Umweltschützer klagen über die »Klimamüdigkeit« (climate fatigue), die das Publikum ergreife. Sie hat Gründe: Der regelmäßig vor Klimagipfeln aufschrillende Alarm ist uncool. Innovationen lassen sich nicht herbeischreien. Nein, der Regimewechsel zu umsichtigeren Gewohnheiten, den wir brauchen, kann nur systemisch sein. Eine Veränderung an allen Fronten. Im Nahfeld. In der Sprache. Im Lebensstil. In der Arbeitspraxis und in der Politik. Damit, vielleicht, in 40 Jahren eine Serie wie Mad Men einem kopfschüttelnden Publikum zeigt, was wir heute sind: irre.
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- Datum 04.12.2009 - 15:20 Uhr
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- Serie Technologie
- Quelle DIE ZEIT, 03.12.2009 Nr. 50
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Mal sehen, wie sich die »Jaywalker« damit abfinden:
http://sites.google.com/s...
...wird im wesentlichen eine fundamentalistische Moralpredigt (ob christlich oder islamisch ist wahrscheinlich eher zweitrangig, vor allem in Fragen der Sexualmoral sind die konservativen Strömungen beider Religionen ziemlich kompatibel, da werden sich in Zukunft noch ganz erstaunliche Allianzen ergeben!) gegen die Libertinage des frühen 21. Jahrhunderts sein - man wird dreist sich in aller Öffentlichkeit befummelnde Schwule zeigen, lethargische Langhaarige mit Bierflaschen in der Hand, krawallige Bildsequenzen aus Videospielen, übergewichtige Unterschichtler, die mit Convenience-Fertigfraß vollgepackte Einkaufswagen durch Aldi-Filialen bugsieren, und dazwischen züngeln immer wieder computergenerierte Flammen des Höllenfeuers vom unteren Bildschirmrand hoch!
Nicht, dass ich in einer solchen Fundi-Zukunft leben wollte...
ich denke dazu mal laut vor mich hin - beispiel automobil:
einst wurden die fussgänger aus dem strassenbild an den rand gedrängt. dann wurde ein jahrhundert lang das autogerechte stadtbild geschaffen. das auto wurde hauptwirtschaftsfaktor und statussymbol "freier bürger". es hat unser bewusstsein verändert, in 10 minuten kommen wir damit so weit, wie ein fussgäger in einem ganzen tag. die lateralschäden- und beeinträchtigungen werden gedeckelt. mittlerweile ist aus der freiheit knechtschaft geworden. staus, wachsender raumverbrauch, unverhältnismäßiger ressourcenverbrauch bei produktion und betrieb, unfallrisiko, einengungung des lebensraumes ect.
immer noch hängt der großteil der freien bürger an diesem symbolbehafteten vehikel. autobahnen - als lebensadern unseres transportwesens und alptraum für sensible personen werden der güterverkehrsbranche geopfert.
ich frage mich, was hier kleine keimzellen tugendhafter umsichtiger ausrichten könnte. wohlstandsgesellschaft hat ihren preis in der immer perfekteren anpassung an die selbstgeschaffenen lebenswelten - auch die politik mitsamt ihrer vertreter hat sich dieser programmierten totalitären denkweise verschrieben und zementiert die bestehenden verhältnisse.
Schade, dass der Artikel sich nur mit der Vergangenheit befasst und den Zirkularbewegungen nicht nach geht. Das Zeitalter des Fernsehens geht (langsam) dem Ende entgegen. Man kann Filme und Nachrichten besser über das Netz ansehen, ein Vorgang, der nicht zu stoppen ist. Auch die Zeit des Autos verliert an Bedeutung. In Städten ist es cool, kein eigenes Auto zu haben. In Vorstädten und im Land geht der Trend zu kleineren, umweltfreundlicheren Wagen, die nur als notwendiges Beförderungsmittel anzusehen sind.
Jedoch der grosse Trend kommt durch ebooks und Handys. Wir sind am Anfang einer Gesellschaft, in der jede Information blitzschnell abgerufen werden kann. Das persönliche digitale Hilfsgerät wird das Leben grundlegend verändern. Ich kann heute meinen Geldbeutel oder Schlüssel vergessen, aber nicht mein Handy, das fast 40 Apps hat, vom online banking bis Yoga. Manche Experten behaupten sogar, dass dieser Trend unser Leben mehr beeinflussen wird als Fernseher und Auto zusammen
Wozu muss ein Handy Yoga können? Oder braucht man zum Yoga ein Handy? Ich dachte immer, Telefone wären zum Telefonieren da...
...ich habe übrigens kein Handy! Liegt wahrscheinlich daran, dass ich für Yoga ohnehin zu ungelenkig bin...
Wozu muss ein Handy Yoga können? Oder braucht man zum Yoga ein Handy? Ich dachte immer, Telefone wären zum Telefonieren da...
...ich habe übrigens kein Handy! Liegt wahrscheinlich daran, dass ich für Yoga ohnehin zu ungelenkig bin...
Wozu muss ein Handy Yoga können? Oder braucht man zum Yoga ein Handy? Ich dachte immer, Telefone wären zum Telefonieren da...
...ich habe übrigens kein Handy! Liegt wahrscheinlich daran, dass ich für Yoga ohnehin zu ungelenkig bin...
Da ich viel reisen muss, ist mein Yoga Program auf dem Handy ideal. Morgens, vor einer Besprechung schnell noch 30 Minuten Yoga Instruktionen zu folgen, ist prima. Mein Punkt ist, dass ein Handy nicht nur zum telefonieren, email bearbeiten, oder text chatten da ist. Ich ueberweise Geld, finde Strassen in neuen Staedten, und habe weitere 39 Anwendungen auf meinem Handy, einchliesslich Fahrzeiten fuer die Berliner Busse und Bahnen. Es ist wunderbar, ein neues Zeitalter. Wer es nicht ausprobiert, vermisst viel!
Ich habe Yoga angefangen, als ich schon 64 war. Jeder sollte versuchen, gelenkiger zu werden und besser zu leben.
Da ich viel reisen muss, ist mein Yoga Program auf dem Handy ideal. Morgens, vor einer Besprechung schnell noch 30 Minuten Yoga Instruktionen zu folgen, ist prima. Mein Punkt ist, dass ein Handy nicht nur zum telefonieren, email bearbeiten, oder text chatten da ist. Ich ueberweise Geld, finde Strassen in neuen Staedten, und habe weitere 39 Anwendungen auf meinem Handy, einchliesslich Fahrzeiten fuer die Berliner Busse und Bahnen. Es ist wunderbar, ein neues Zeitalter. Wer es nicht ausprobiert, vermisst viel!
Ich habe Yoga angefangen, als ich schon 64 war. Jeder sollte versuchen, gelenkiger zu werden und besser zu leben.
Da ich viel reisen muss, ist mein Yoga Program auf dem Handy ideal. Morgens, vor einer Besprechung schnell noch 30 Minuten Yoga Instruktionen zu folgen, ist prima. Mein Punkt ist, dass ein Handy nicht nur zum telefonieren, email bearbeiten, oder text chatten da ist. Ich ueberweise Geld, finde Strassen in neuen Staedten, und habe weitere 39 Anwendungen auf meinem Handy, einchliesslich Fahrzeiten fuer die Berliner Busse und Bahnen. Es ist wunderbar, ein neues Zeitalter. Wer es nicht ausprobiert, vermisst viel!
Ich habe Yoga angefangen, als ich schon 64 war. Jeder sollte versuchen, gelenkiger zu werden und besser zu leben.
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