Fotografie Die Mutprobe
"Jürgen ist immer weitergegangen als andere", sagt sein Cousin Helmut Teller über den berühmten Fotografen.
Bubenreuth, Sommer 1971. Ich bin neun Jahre alt und stehe auf einem drei Meter hohen Holzstapel. Jürgen hinter mir. Ich springe und lande mit zitternden Beinen in einem von uns gesteckten engen Kreis aus angespitzten Pfählen, unverletzt und erleichtert. Jürgen, zwei Jahre jünger, springt als Zweiter, zu kurz, und reißt sich eine tiefe Wunde ins Fleisch. Wir starren uns einen Augenblick voller Schrecken an, dann rennt er ins Haus.
Hamburg, Oktober 2009. Gerade ist eine neue Ausgabe des Magazins self service mit Jürgens Fotos von Schloss Thurn und Taxis erschienen. Ich blättere darin und bleibe an den »102 Questions for Juergen Teller« hängen: 26 Menschen stellen Fragen an Jürgen, die unbeantwortet bleiben. Der Modedesigner Helmut Lang will wissen: »Wie denken Ihre Eltern oder Kindheitsfreunde über Ihr Werk?« Auch der Verleger Gerhard Steidl fragt: »Was sagt Ihre Familie in Bubenreuth über das Model Raquel Zimmermann, das nackt auf ihrem Esszimmertisch steht?« Ich bin einer aus dieser Familie, ich bin Jürgens Cousin.
Als wir jung waren, lebten wir Tür an Tür. Wir wohnten in einem gemeinsamen Haus, mit unseren Eltern, meinen beiden älteren Geschwistern und den Großeltern. Die Erwachsenen arbeiteten in einer Werkstatt, in der Stege für Streichinstrumente hergestellt wurden. In der Ausstellung zeigt Jürgen ein Foto von 1920, auf dem unser Urgroßvater Isidor und unser Großvater Josef zu sehen sind. Für Jürgen und für mich ist die Stegmacherwerkstatt ein Teil unserer Identität. Von hier aus sind wir beide verschiedene Wege gegangen.
Die Fotografie hat uns immer verbunden und gleichzeitig getrennt. Ich war selbst ein obsessiver Bildersammler und habe die Kamera aus der Hand gelegt, als sie für Jürgen mehr und an Bedeutung gewann. Ich kenne fast jedes seiner gedruckten Fotos. Manchmal haben mich diese Bilder beunruhigt und irritiert, oft war ich auch stolz. Voll innerer Zerrissenheit überfliege ich noch einmal die ersten jener »Märchenstüberlfotos«, mit denen er unser Elternhaus an die Öffentlichkeit gezerrt hat. Es ist sein Blick auf unsere gemeinsame Welt, die für mich doch eine andere ist. Mir ist sie so vertraut, dass es schwerfällt, nachzufühlen, wie sie auf Außenstehende wirken mag. Jürgen zeigt sie schonungslos, ohne verächtlich zu sein. Diese Bilder sind voller Humor, sie erinnern mich daran, dass ich mit Jürgen über alles lachen kann. Wir lachen sogar da, wo ich eigentlich gerne ernst wäre.
Jürgen ist immer weitergegangen als andere. Er hat nie da angehalten, wo es für mich Grenzen gibt. Manchmal scheint es mir, als ob mir noch der Schrecken der Mutprobe der Kindheit in den Gliedern steckt. Und Jürgen springt immer wieder, als habe er nichts zu verlieren oder auch alles. Beklagt hat er sich nie, nicht über seine Verletzungen, die Schwierigkeiten der Kindheit, auch nicht, als er aus Geldmangel in London Nächte in seinem alten Mercedes verbringen musste. Er war getrieben und ist es immer noch.
Kurz auf den frühen Tod meiner Mutter folgte der tragische Selbstmord seines Vaters. Mittlerweile wohnen nur noch mein Vater und Jürgens Mutter zusammen in unserem gemeinsamen Elternhaus. Ich bin, wie Jürgen, schon lange von dort weggezogen. Er lebt seit 1986 in England und schreibt seinen Vornamen seitdem mit »ue«, ich bin seit vielen Jahren in Hamburg und arbeite als Psychiater und Psychotherapeut.
Hamburg, November 2009. Das Telefon klingelt. Es ist Jürgen. Er fragt, ob ich Lust habe, für das ZEITmagazin etwas über seine Ausstellung in der Nürnberger Kunsthalle zu schreiben. Nach kurzem Zögern stimme ich zu. Ich sitze am Computer und klicke mich durch die Bilder der Ausstellung, die er mir geschickt hat. Als Erstes bleibt mein Blick an einer Aufnahme von Kate Moss aus den neunziger Jahren hängen, als sie noch mit Johnny Depp befreundet war. Es ist mir merkwürdigerweise so vertraut, als wäre es ein Bild aus meiner eigenen Jugend. Neben einem Foto von Kurt Cobain wird in Nürnberg ein Bild hängen, das meinen Vater und Jürgens Mutter Irene zeigt. Die Bilder entstanden 1991 auf derselben Filmrolle. Ich erinnere mich noch an Jürgens Aufregung über seine Begegnung mit Kurt Cobain. Er fühlte sich ihm durch etwas verbunden, das für ihn schwer in Worte zu fassen war. Jürgen hat damals, obwohl er mehrere Tage mit Cobains Band Nirvana verbracht hat, nur wenige Fotos gemacht. Irgendetwas hat ihn zurückgehalten.
Ich freue mich über die Serie Ed in Japan. Jürgen ist auf den Fotos so stolz auf seinen Sohn. Die Stillleben und Landschaftsbilder sind feinfühlig, humorvoll, voller Leben. Dann die Louis XV- Serie. Ein sperriges, emotional hoch aufgeladenes Werk. Immer wenn ich diese Bilder ansehe, bekomme ich Gänsehaut, verspüre ich ein widersprüchliches Gefühl zwischen Scham und lustvoller Erregung. Als Jürgen sie in Berlin bei Contemporary Fine Arts zeigte, flatterte mir eine überdimensionale Einladung zur Ausstellungseröffnung ins Haus. Die Karte, die in keinem Kuvert steckte, zeigte vor allem Jürgens Hintern auf einem Flügel, an dem die davon völlig unbeeindruckte Charlotte Rampling sitzt.
Eine pubertäre Provokation, mit der ich mich sofort identifizierte. Kichernd stellte ich mir unseren Bubenreuther Briefträger vor, wie er Irene die Karte ihres Sohnes überreicht. Jürgen erzählte mir später, dass sich ein Kunstsammler bei der Galerie erkundigt habe, ob er die Skulptur auf dem Flügel erwerben könne. Wären nicht diese zweideutigen und amüsierten Blicke meiner Frau, mit denen sie mich auf meine körperliche Ähnlichkeit mit Jürgen aufmerksam macht, ich würde ein Seminar über Narzissmus mit diesen Fotos illustrieren.
Sie zeigen schamlos die unverhohlene Lust an sich selbst, die Eitelkeit und ein omnipotentes Größengefühl, mal kindlich-spielerisch, mal herablassend. Und dann ist da ja noch die großartige Charlotte Rampling, ohne die diese narzisstische Inszenierung unvollständig wäre. Mal ist sie die Geliebte, mal die fürsorgliche Mutter, die um die Zerbrechlichkeit und Sensibilität ihres Gegenübers weiß. Die abgewehrten Gefühle dieser Zurschaustellung wie Scham, Ekel und Neid entstehen im Betrachter, schleichen sich quasi durch die Hintertür ins Bild und halten die Protagonisten gleichsam frei davon. Jürgen geht mit diesen Bildern weiter als zuvor. Bewusst hat er sich hier selbst als Modell inszeniert.
Als ich die Raquel-Zimmermann-Fotos von Bubenreuth das erste Mal im französischen Magazin Paradis sah, dachte ich: O nein, nicht schon wieder das Märchenstüberl. Beklommen betrachte ich das Foto, auf dem Raquel nackt auf unserem Esstisch steht. »Neurotischer Wiederholungszwang!«, schießt es mir durch den Kopf. Die Szene auf dem Foto wirkt auf mich wie das Spiel eines außer Rand und Band geratenen Kindes, das keine Grenzen erfährt – bis einer heult. Warum schreit niemand »Stopp«? Aber gerade das ist es ja: Jürgen ist ein großer Verführer, wir folgen ihm. Alle spielen sein Spiel mit.
Es ist ein Phänomen, das wir aus den vielen Castingshows kennen, und doch stellt Jürgen niemanden bloß, macht sich nicht lustig über andere, sondern ist einer von uns. Sogar mein 83-jähriger Vater berichtet stolz vor Freunden, dass schon die Topmodels Eva Herzigova und Raquel Zimmermann in seinem Bett übernachtet haben.
In seiner Kolumne im ZEITmagazin schrieb Jürgen, dass er den Kontrollverlust liebt. Das ist es, was ihn immer wieder umtreibt, vielleicht weil er sich selbst oft am Rande der Kontrolle und Haltlosigkeit bewegt und trotzdem Herr der Lage bleibt. Vielleicht ist es auch das, was er in Kurt Cobain gespürt und was ihn befangen gemacht hat. Es ist die Lust und gleichzeitig die Angst, auch andere in dieser Lage zu sehen, die ihn antreiben und die auch Betrachter in den Bann ziehen.
Parallel zu den Raquel-Zimmermann-Aufnahmen in Bubenreuth entstanden die Fotos mit Charlotte und Raquel im Louvre sowie eine Fotostrecke über eine Gemeinschaftsausstellung von Matthew Barney und Elisabeth Peyton auf Hydra, einer Insel in der Nähe Athens, die auch im self service- Magazin abgedruckt ist. In beiden Arbeiten gelingt es Jürgen, mit fast malerischen Fotografien eine Synthese der verschiedenen künstlerischen Arbeiten zu schaffen.
Wenn man Jürgens bildnerische Arbeit als therapeutische Auseinandersetzung begreift, dann erscheint die Regression der Bubenreuther Fotos wie ein notwendiges Schwungholen vor diesem nächsten Schritt. So gesehen habe ich großen Respekt vor seiner Arbeit und inneren Entwicklung. Aber Jürgen ist mein Cousin, er ist sogar mehr als das, was für die meisten Leute ein Cousin ist, und deshalb ist alles komplizierter. Meine Welt ist das Sprechen, und wo Jürgen mühelos durch seine Bilder spricht, fällt das gemeinsame Sprechen oft schwer. Er hat mich gefragt, ob ich etwas über ihn schreibe. Er will hören, was ich zu sagen habe – und damit fängt das Sprechen an.
Als ich beim letzten Foto angelangt bin, kommen mir die fehlenden Bilder in den Sinn. Das Nürnberger Reichsparteitagsgelände, die Tropfsteinhöhlen der Fränkischen Schweiz, die Fotos vom Grab seines Vaters, die mich besonders berühren. Ich denke an das Bild: My Mother, Father, and me , auf dem Irene am Grab ihres Mannes zu sehen ist. Jürgen taucht nur im Titel als Betrachter der Szene auf. Die Getrenntheit, aber auch seine Sehnsucht ist förmlich körperlich zu spüren. Er hat sich entschieden, genau diese Bilder nicht zu zeigen. Hier hat er sich eine Grenze gesetzt.
Die Ausstellung in Nürnberg ist wie das Heimkommen von einer langen Reise, mit Bildern aus der weiten Welt.
Ausstellungsinformation:
Juergen Teller
Logisch!
10. Dezember 2009 bis 14. Februar 2010
Kunsthalle Nürnberg
- Datum 01.12.2009 - 11:59 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 03.12.2009 Nr. 50
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