Fotografie Die MutprobeSeite 2/2
Eine pubertäre Provokation, mit der ich mich sofort identifizierte. Kichernd stellte ich mir unseren Bubenreuther Briefträger vor, wie er Irene die Karte ihres Sohnes überreicht. Jürgen erzählte mir später, dass sich ein Kunstsammler bei der Galerie erkundigt habe, ob er die Skulptur auf dem Flügel erwerben könne. Wären nicht diese zweideutigen und amüsierten Blicke meiner Frau, mit denen sie mich auf meine körperliche Ähnlichkeit mit Jürgen aufmerksam macht, ich würde ein Seminar über Narzissmus mit diesen Fotos illustrieren.
Sie zeigen schamlos die unverhohlene Lust an sich selbst, die Eitelkeit und ein omnipotentes Größengefühl, mal kindlich-spielerisch, mal herablassend. Und dann ist da ja noch die großartige Charlotte Rampling, ohne die diese narzisstische Inszenierung unvollständig wäre. Mal ist sie die Geliebte, mal die fürsorgliche Mutter, die um die Zerbrechlichkeit und Sensibilität ihres Gegenübers weiß. Die abgewehrten Gefühle dieser Zurschaustellung wie Scham, Ekel und Neid entstehen im Betrachter, schleichen sich quasi durch die Hintertür ins Bild und halten die Protagonisten gleichsam frei davon. Jürgen geht mit diesen Bildern weiter als zuvor. Bewusst hat er sich hier selbst als Modell inszeniert.
Als ich die Raquel-Zimmermann-Fotos von Bubenreuth das erste Mal im französischen Magazin Paradis sah, dachte ich: O nein, nicht schon wieder das Märchenstüberl. Beklommen betrachte ich das Foto, auf dem Raquel nackt auf unserem Esstisch steht. »Neurotischer Wiederholungszwang!«, schießt es mir durch den Kopf. Die Szene auf dem Foto wirkt auf mich wie das Spiel eines außer Rand und Band geratenen Kindes, das keine Grenzen erfährt – bis einer heult. Warum schreit niemand »Stopp«? Aber gerade das ist es ja: Jürgen ist ein großer Verführer, wir folgen ihm. Alle spielen sein Spiel mit.
Es ist ein Phänomen, das wir aus den vielen Castingshows kennen, und doch stellt Jürgen niemanden bloß, macht sich nicht lustig über andere, sondern ist einer von uns. Sogar mein 83-jähriger Vater berichtet stolz vor Freunden, dass schon die Topmodels Eva Herzigova und Raquel Zimmermann in seinem Bett übernachtet haben.
In seiner Kolumne im ZEITmagazin schrieb Jürgen, dass er den Kontrollverlust liebt. Das ist es, was ihn immer wieder umtreibt, vielleicht weil er sich selbst oft am Rande der Kontrolle und Haltlosigkeit bewegt und trotzdem Herr der Lage bleibt. Vielleicht ist es auch das, was er in Kurt Cobain gespürt und was ihn befangen gemacht hat. Es ist die Lust und gleichzeitig die Angst, auch andere in dieser Lage zu sehen, die ihn antreiben und die auch Betrachter in den Bann ziehen.
Parallel zu den Raquel-Zimmermann-Aufnahmen in Bubenreuth entstanden die Fotos mit Charlotte und Raquel im Louvre sowie eine Fotostrecke über eine Gemeinschaftsausstellung von Matthew Barney und Elisabeth Peyton auf Hydra, einer Insel in der Nähe Athens, die auch im self service- Magazin abgedruckt ist. In beiden Arbeiten gelingt es Jürgen, mit fast malerischen Fotografien eine Synthese der verschiedenen künstlerischen Arbeiten zu schaffen.
Wenn man Jürgens bildnerische Arbeit als therapeutische Auseinandersetzung begreift, dann erscheint die Regression der Bubenreuther Fotos wie ein notwendiges Schwungholen vor diesem nächsten Schritt. So gesehen habe ich großen Respekt vor seiner Arbeit und inneren Entwicklung. Aber Jürgen ist mein Cousin, er ist sogar mehr als das, was für die meisten Leute ein Cousin ist, und deshalb ist alles komplizierter. Meine Welt ist das Sprechen, und wo Jürgen mühelos durch seine Bilder spricht, fällt das gemeinsame Sprechen oft schwer. Er hat mich gefragt, ob ich etwas über ihn schreibe. Er will hören, was ich zu sagen habe – und damit fängt das Sprechen an.
Als ich beim letzten Foto angelangt bin, kommen mir die fehlenden Bilder in den Sinn. Das Nürnberger Reichsparteitagsgelände, die Tropfsteinhöhlen der Fränkischen Schweiz, die Fotos vom Grab seines Vaters, die mich besonders berühren. Ich denke an das Bild: My Mother, Father, and me , auf dem Irene am Grab ihres Mannes zu sehen ist. Jürgen taucht nur im Titel als Betrachter der Szene auf. Die Getrenntheit, aber auch seine Sehnsucht ist förmlich körperlich zu spüren. Er hat sich entschieden, genau diese Bilder nicht zu zeigen. Hier hat er sich eine Grenze gesetzt.
Die Ausstellung in Nürnberg ist wie das Heimkommen von einer langen Reise, mit Bildern aus der weiten Welt.
Ausstellungsinformation:
Juergen Teller
Logisch!
10. Dezember 2009 bis 14. Februar 2010
Kunsthalle Nürnberg
- Datum 01.12.2009 - 11:59 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 03.12.2009 Nr. 50
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