In einem Yogakurs wurde ich mal aufgefordert, folgende Übung zu machen: "Nimm den nächsten Menschen, den du noch nicht kennst, und sieh ihm zwei Minuten lang in die Augen." Da kam ein Typ auf mich zu, der mir zunächst unsympathisch erschien. Ich habe ihm trotzdem zwei Minuten in die Augen gesehen. Das hat meine Vorurteile, meine Abwehr gegen ihn aufgehoben. Ich erkannte, wie sehr diese Übung mich verändern konnte. Seitdem träume ich davon, dass wir uns alle in die Augen schauen können.

Man könnte denken, das sei einfach, aber es ist verdammt schwer, einem Blick standzuhalten. Wir alle kennen das aus der U-Bahn. Jeder ist in seiner Privatsphäre. Wenn man da mal jemanden zu lange anguckt, fragt er gleich: "Was willst du?"

Die Leute schauen sich kaum in die Augen. Selbst in Familien. Viele Menschen haben das noch nie in ihrem Leben probiert: jemandem für zwei, drei Minuten in die Augen zu gucken. Sich zu trauen, die Angst abzuwerfen, vor dem, was man selbst preisgibt, aber auch vor dem, was man sieht. Mein Traum ist, dass junge Menschen statt des Militärdienstes auf Augenschauwanderschaft gehen. Sie müssten ein Jahr lang durch die Welt ziehen, so wie es die Zimmermänner machen, und es gäbe einen Ehrenkodex: wenn ein junger Mensch auf einen zukommt und fragt, ob er einem zwei, drei Minuten in die Augen schauen darf – dass man ihm diesen Wunsch gewährt, dass man sich die Zeit dafür nimmt, egal, wo man gerade ist.

Abgesehen von dieser einjährigen Wanderschaft fände ich es toll, wenn es Augenschauhäuser gäbe, in die man immer gehen könnte. So wie sonntags in die Kirche ginge man mindestens einmal die Woche für eine Stunde ins Augenschauhaus. Da säße man sich in Kreisen gegenüber, die sich alle zwei, drei Minuten weiterdrehen, und würde eine Stunde lang verschiedenen Menschen in die Augen schauen. Die Magie dabei ist, dass es einen selbst und den anderen verändert. Wenn man sich darauf konzentriert, jemandem in die Augen zu schauen, kann man an gar nichts anderes denken. Man geht vielleicht diverse Angst- oder Schamgedanken durch: "Warum kann ich den Blick nicht halten?" Aber eigentlich kommt man zur Ruhe.

Es wäre doch toll, wenn man alle Soldaten, die sich gerade bekriegen, in einer Reihe hinstellen würde, und sie könnten sich zwei, drei Minuten einfach nur in die Augen schauen. Es hilft einem, die Mauern in sich selbst abzubauen, diese ganze Angst, diese ganze Oberflächengärtnerei zu durchbrechen. Ich glaube, wenn man es regelmäßig praktizieren würde, anderen Menschen in die Augen zu schauen, würde es uns alle weicher, wärmer, einfacher und glücklicher machen.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke

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