Ich habe einen Traum "Ich träume davon, dass wir uns alle in die Augen schauen"

Die Schauspielerin Jana Pallaske träumt von "Augenschauhäusern". Darin könnte man eine Stunde lang fremde Menschen ansehen - und zur Ruhe kommen

In einem Yogakurs wurde ich mal aufgefordert, folgende Übung zu machen: "Nimm den nächsten Menschen, den du noch nicht kennst, und sieh ihm zwei Minuten lang in die Augen." Da kam ein Typ auf mich zu, der mir zunächst unsympathisch erschien. Ich habe ihm trotzdem zwei Minuten in die Augen gesehen. Das hat meine Vorurteile, meine Abwehr gegen ihn aufgehoben. Ich erkannte, wie sehr diese Übung mich verändern konnte. Seitdem träume ich davon, dass wir uns alle in die Augen schauen können.

Man könnte denken, das sei einfach, aber es ist verdammt schwer, einem Blick standzuhalten. Wir alle kennen das aus der U-Bahn. Jeder ist in seiner Privatsphäre. Wenn man da mal jemanden zu lange anguckt, fragt er gleich: "Was willst du?"

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Jana Pallaske

Die Schauspielerin, 30, ist in Berlin geboren. Ihre Schullaufbahn brach sie kurz vor dem Abitur ab, jobbte in einer Casting-Agentur und als Moderatorin bei MTV. Eine Zeit lang sang sie in einer Punkband. In »alaska.de« feierte sie 2000 ihr Debüt als Filmschauspielerin, voriges Jahr gab ihr Quentin Tarantino eine Rolle in »Inglourious  Basterds«. Zurzeit ist sie in der Komödie »Männerherzen« im Kino zu sehen

Die Leute schauen sich kaum in die Augen. Selbst in Familien. Viele Menschen haben das noch nie in ihrem Leben probiert: jemandem für zwei, drei Minuten in die Augen zu gucken. Sich zu trauen, die Angst abzuwerfen, vor dem, was man selbst preisgibt, aber auch vor dem, was man sieht. Mein Traum ist, dass junge Menschen statt des Militärdienstes auf Augenschauwanderschaft gehen. Sie müssten ein Jahr lang durch die Welt ziehen, so wie es die Zimmermänner machen, und es gäbe einen Ehrenkodex: wenn ein junger Mensch auf einen zukommt und fragt, ob er einem zwei, drei Minuten in die Augen schauen darf – dass man ihm diesen Wunsch gewährt, dass man sich die Zeit dafür nimmt, egal, wo man gerade ist.

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Abgesehen von dieser einjährigen Wanderschaft fände ich es toll, wenn es Augenschauhäuser gäbe, in die man immer gehen könnte. So wie sonntags in die Kirche ginge man mindestens einmal die Woche für eine Stunde ins Augenschauhaus. Da säße man sich in Kreisen gegenüber, die sich alle zwei, drei Minuten weiterdrehen, und würde eine Stunde lang verschiedenen Menschen in die Augen schauen. Die Magie dabei ist, dass es einen selbst und den anderen verändert. Wenn man sich darauf konzentriert, jemandem in die Augen zu schauen, kann man an gar nichts anderes denken. Man geht vielleicht diverse Angst- oder Schamgedanken durch: "Warum kann ich den Blick nicht halten?" Aber eigentlich kommt man zur Ruhe.

Es wäre doch toll, wenn man alle Soldaten, die sich gerade bekriegen, in einer Reihe hinstellen würde, und sie könnten sich zwei, drei Minuten einfach nur in die Augen schauen. Es hilft einem, die Mauern in sich selbst abzubauen, diese ganze Angst, diese ganze Oberflächengärtnerei zu durchbrechen. Ich glaube, wenn man es regelmäßig praktizieren würde, anderen Menschen in die Augen zu schauen, würde es uns alle weicher, wärmer, einfacher und glücklicher machen.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Um das zu können, benötigt man das Einverständnis des Mitmenschen und einen geschützten Raum. Niemand sollte das unter freiem Himmel tun oder gar im Getümmel einer Stadt. Während einer solchen Kommunikationsübung ist man "geöffnet" und verletzlich. Ist man nicht geöffnet, bringt die Übung nichts.
    Das soll aber nicht heißen, daß man nicht jedem möglichst offen ins Gesicht schauen sollte, wenn man es möchte. Dabei sollte man jedoch die Zeitspanne emphatisch ergründen, die vom Gegenüber als angenehm empfunden wird.

  2. ....schon - war sie hin. Ja, davon kann man nur träumen, vom ins Auge schauen. Auch theologisch ist es eigentlich gewünscht, sich zu begegnen. WIe Martin Buber sagte: Der mENSCH WIRD AM Du zum Ich". Was tun wir alle aber ? Wir weichen jeder Begegnung aus: in der U-Bahn liest Nr. 1 ein Buch, während Nr. sich Musik anhört und Nr.3 den Boden beobachtet. Woher also diese Entfremdung voreinander ? Seit dem Sündenfall bestimmen Angst und Scham die Menschen. Jeder sehnt sich nach Nähe, keiner wagt sie mehr - ausser in solchen verzweifelten Chatforen, wo die Illusion von Kommunikation aufrecht gehalten wird. Echte Begegnungen, die klappen sind selten wie ein sechser im Lotto. Für die meisten Begegnungen müsste man eher das Wort Vergegnungen bemühen. Von daher gefällt mir der Traum dieser Schauspielerin. Möchte nicht Jemand mitmachen, ihn wahr werden zu lassen ?

    • Gauron
    • 06.12.2009 um 21:40 Uhr

    Freundlich ausgedrückt eine sehr naive Ansicht der Welt. Schau mal den Kindersoldaten aus Ruanda in die Augen.Oder den anderen 5 Mrden. die nicht preveligiert sind.Danach erzähl mir was du gesehen hast.
    Schöne Grüße in den Elfenbeinturm!

  3. Ich spaziere manchmal entspannt durch die Stadt und schaue Menschen, die mir begegnen, für einige Sekunden in die Augen. Eher selten, aber doch manchmal, wird der Blick für mehrere Sekunden erwidert, und es ist sehr interessant, die Wirkung eines solchen sozialen Kurzschlusses bewusst an sich zu beobachten. Meine interessanteste Begegnung dieser Art hatte ich übrigens mit einem Hund. Dieser lag friedlich neben einem Spazierweg im Gras und erwiderte meinen Blick, den ich ihm beim Vorbeischlendern zuwarf, zunächst ganz emotionslos. Nach ca. 3 Sekunden, in denen ich weder meinen Gesichtsausdruck, noch meinen Gang geändert hatte, schlug jedoch seine Stimmung ganz abrupt in Aggression um, er bellte mich an und fletschte die Zähne, dass selbst die auf einer Bank sitzende Dame, die ihn an der Leine hatte, offensichtlich ganz überrascht und bestürzt war.
    Mein Fazit ist, dass man gut aufpassen sollte, wem man in welcher Situation wie lange in die Augen schaut. Diese Art der nonverbalen Kommunikation kann sehr stark sein. Die Vision der Frau Pallaske hat schon was!

  4. Gerade heute habe ich während des "Art of Living Kurs Teil 1" eine Übung gemacht in der ich einer fremden Person gegenüber saß und ihr minutenlang in die Augen geschaut habe.
    Es war eine der schönsten Übungen des ganzen Kurses und dabei gibt es in dem Kurs unglaublich viele schöne Übungen. Ich saß einer Person gegenüber, über die ich noch beim Mittagessen gedacht hatte: "Irgendwie nervt die mich. Und besonders schön ist sie auch nicht." Als wir uns während der Übung gegenüber saßen – zunächst mit geschlossenen Augen, so dass wir zur Ruhe kommen und alle Vorurteile vergessen konnten – war ich, als ich die Augen öffnete, überwältigt von der Schönheit die ich in den Augen meines Gegenübers sah. Ich konnte mit der Unbefangenheit eines kleinen Kindes in ihre Augen schauen. Wie schön wäre es, wenn man sich diese Unbefangenheit im Alltag erhalten könnte. Wie erfüllend wäre es, in allen Menschen diese Schönheit zu erkennen und allen Menschen mit einem Gefühl von Liebe und Mitgefühl zu begegnen.
    Ich denke man kann das üben!
    Der Art of Living Kurs wurde übrigens von dem diesjährigen WCF „Culture Award“ und für den 2008 für den Friedensnobelpreis nominierten Sri Sri Ravi Shankar designed. Für mich eine super Erfahrung und durchaus weiter zu empfehlen.

  5. Gerade heute habe ich während des "Art of Living Kurs Teil 1" eine Übung gemacht in der ich einer fremden Person gegenüber saß und ihr minutenlang in die Augen geschaut habe.
    Es war eine der schönsten Übungen des ganzen Kurses – und dabei gibt es in dem Kurs unglaublich viele schöne Übungen. Ich saß einer Person gegenüber, über die ich noch beim Mittagessen gedacht hatte: "Irgendwie nervt die mich. Und besonders schön ist sie auch nicht." Als wir uns während der Übung gegenüber saßen – zunächst mit geschlossenen Augen, so dass wir zur Ruhe kommen und alle Vorurteile vergessen konnten – war ich, als ich die Augen öffnete, überwältigt von der Schönheit die ich in den Augen meines Gegenübers sah. Ich konnte mit der Unbefangenheit eines Säuglings in ihre Augen schauen. Wie schön wäre es, wenn man sich diese Unbefangenheit im Alltag erhalten könnte. Wie erfüllend wäre es, in allen Menschen diese Schönheit zu erkennen und allen Menschen mit einem Gefühl von Liebe und Mitgefühl zu begegnen.
    Ich werde es gerne üben, denn es fühlt sich sooo gut an.
    Der Art of Living Kurs wurde übrigens von dem diesjährigen WCF „Culture Award“ und 2008 für den Friedensnobelpreis nominierten Sri Sri Ravi Shankar designed. Für mich eine super Erfahrung, so dass ich den Kurs gerne weiter empfehle.
    Art of Living Homepage: http://artofliving.eu/de-...
    World Culture Forum: http://www.wcf-dresden.co...

  6. Minutenlanges Anstarren eines anderen Lebewesens stellt ethologisch gesehen eine Drohgebärde dar, der Hund hat völlig "richtig" reagiert.
    Leider scheinen viele Menschen inzwischen so sehr unter Instinktverlusten zu leiden, dass sie glauben, mit den Augen die Privatsphäre anderer verletzen und eine Pseudonähe herstellen zu können, die keinerlei seelische Entsprechung hat. Eine Form von Degeneration, die sich auch noch als menschenfreundlich ausgibt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • AberJa
    • 07.12.2009 um 17:40 Uhr

    Eine Drohgebärde? Oberflächlich gesehen:Vielleicht.

    Aber wir bestehen doch nicht nur aus Instinkten,
    wir sind doch keine reinen Reiz - Reaktions - Maschinen.

    Natürlich kann man "im geschützten Raum" durch
    das "Einander - in - die - Augen - schauen" eine besondere, tiefe Verbindung herstellen zu seinem Gegenüber,
    es kann sich selbstverständlich ebenso eine Angstreaktion
    bei einem selber einstellen; letztendlich wird genau das erfahrbar, das in einem selber schon vorhanden ist...

    Und im Alltag, auf der Straße? Diese kostbaren AUGENBLICKE,
    ich möchte sie nicht missen, und ich danke allen, die sich
    darauf einlassen, und es werden immer mehr...

    Für mich persönlich wird dieser Traum immer wahrer und wahrer, je mehr ich mich darauf einlasse.

    Man mag es esoterischen Quatsch nennen, für mich ist es erlebte Wirklichkeit.

    • AberJa
    • 07.12.2009 um 17:40 Uhr

    Eine Drohgebärde? Oberflächlich gesehen:Vielleicht.

    Aber wir bestehen doch nicht nur aus Instinkten,
    wir sind doch keine reinen Reiz - Reaktions - Maschinen.

    Natürlich kann man "im geschützten Raum" durch
    das "Einander - in - die - Augen - schauen" eine besondere, tiefe Verbindung herstellen zu seinem Gegenüber,
    es kann sich selbstverständlich ebenso eine Angstreaktion
    bei einem selber einstellen; letztendlich wird genau das erfahrbar, das in einem selber schon vorhanden ist...

    Und im Alltag, auf der Straße? Diese kostbaren AUGENBLICKE,
    ich möchte sie nicht missen, und ich danke allen, die sich
    darauf einlassen, und es werden immer mehr...

    Für mich persönlich wird dieser Traum immer wahrer und wahrer, je mehr ich mich darauf einlasse.

    Man mag es esoterischen Quatsch nennen, für mich ist es erlebte Wirklichkeit.

    • AberJa
    • 07.12.2009 um 17:40 Uhr

    Eine Drohgebärde? Oberflächlich gesehen:Vielleicht.

    Aber wir bestehen doch nicht nur aus Instinkten,
    wir sind doch keine reinen Reiz - Reaktions - Maschinen.

    Natürlich kann man "im geschützten Raum" durch
    das "Einander - in - die - Augen - schauen" eine besondere, tiefe Verbindung herstellen zu seinem Gegenüber,
    es kann sich selbstverständlich ebenso eine Angstreaktion
    bei einem selber einstellen; letztendlich wird genau das erfahrbar, das in einem selber schon vorhanden ist...

    Und im Alltag, auf der Straße? Diese kostbaren AUGENBLICKE,
    ich möchte sie nicht missen, und ich danke allen, die sich
    darauf einlassen, und es werden immer mehr...

    Für mich persönlich wird dieser Traum immer wahrer und wahrer, je mehr ich mich darauf einlasse.

    Man mag es esoterischen Quatsch nennen, für mich ist es erlebte Wirklichkeit.

    Antwort auf "Esoterischer Quatsch"

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  • Serie Ich habe einen Traum
  • Quelle ZEITmagazin, 03.12.2009 Nr. 50
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  • Schlagworte Traum | Theater | U-Bahn | Privatsphäre
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