Marc Lang kann gegen 23 Gegner gleichzeitig Schach spielen – ohne auch nur eines der 23 Bretter zu sehen. Das ist deutscher Rekord im »Blindsimultan«, aufgestellt am vorletzten Wochenende in einer Turnhalle im schwäbischen Ditzingen gegen erfahrene Spieler. Elf Stunden kämpften sie – neun Siege für Lang, zwölf Unentschieden, zwei Verluste.

Ein außergewöhnliches Gedächtnis habe er nicht, findet der 39-jährige Programmierer aus Günzburg. Namen würden ihm zu schaffen machen. Gut merken könne er sich Zahlen. Und eben Schachzüge. Sein Talent habe er vor 20 Jahren entdeckt. Mit einem Freund saß er in einem Café über einem Steckschachspiel, als der Kellner ihnen sagte, Schach sei hier unerwünscht. Dann spielten sie eben ohne Brett.

Beim Kampf achtet er darauf, dass die Eröffnungen sich nicht ähneln. Jede Partie müsse eigen sein, damit sie »einrastet«, wie Lang es nennt. In Ditzingen musterte er aus der Distanz auch die Gesichter seiner Gegner. Die konnte er sehen, nicht ihre Bretter, die Züge riefen sie ihm zu. Nach sieben Stunden ließen seine Kräfte nach. Eine Tortur? »Ja, für die Gegner«, sagt Lang. Es verging oft eine halbe Stunde, bis jeder von ihnen wieder an der Reihe war, während er keine Pause hatte und anfangs parallel auch noch bloggte – was er bald ließ.

Den letzten deutschen Rekord im Blindsimultan gab es 1984 in Roetgen bei Aachen: Der Brite Tony Miles spielte an 22 Brettern. Er übertrumpfte den Amerikaner Harry Pillsbury, der 1902 in Hannover 21 Gegner hatte.

Und der Weltrekord? Miguel Najdorf aus Argentinien nahm es 1947 mit 45 Gegnern auf, doch soll er über Mitschriften verfügt haben. Das Guinnessbuch sieht George Koltanowski vorn, der 1937 in Edinburgh von 34 Partien keine verlor. Blindschachrekorde wurden bislang stets von Berufsspielern aufgestellt. Lang, auf der deutschen Rangliste etwa die Nummer tausend, ist die Ausnahme. Blindsimultan mache ihm Spaß, sagt er. Und seine Frau finde es cool.

Nach seinem Gedankenmarathon fuhr er noch 120 Kilometer nach Hause. Die Autobahn lag im Nebel, sein Kopf war völlig klar.

Weiterführender Link: "Man fühlt sich, als trüge man am ganzen Körper schwere Gewichte" - Marc Langs Erfahrungsbericht auf www.schachbund.de