Fragt die Oma den Enkel: »Gehen wir zuerst auf deinen oder auf meinen Spielplatz?« Berlin hat mittlerweile zwanzig Seniorenspielplätze, und es sollen noch mehr werden. Im Charlottenburger Lietzenseepark tritt an diesem Sonntag ein älterer Herr mit einem derartigen Karacho in die Pedale des sogenannten Beintrainers, dass man nicht weiß, ob er seiner Frau oder der Mittfünfzigerin nebenan imponieren will. Das Fitnessgerät soll spielerisch den Kreislauf in Schwung bringen und die Muskeln lockern. Vitalität wird versprochen, Flirten nicht ausgeschlossen.

Eine Hamburger Ingenieurin hat die Idee der Seniorenspielplätze vor sieben Jahren aus Asien mitgebracht. In China stehen mitten in der Stadt Trimmgestelle für zwischendurch. Renate Zeumer probierte sie aus und war begeistert. Heute stattet ihre Firma playfit europaweit Seniorenspielplätze aus.

Ja, die Bezeichnung, mit der ist sie nicht glücklich. Denn erstens fühlen sich nicht alle jenseits der 60 als Senioren. Und zweitens geht es hier nicht um Buddelkasten und Klettergerüst. Drittens nutzt so mancher Geschäftsmann die Gelegenheit, draußen mal so richtig Dampf abzulassen, und der würde doch nie sagen, dass er die Mittagspause auf dem Seniorenspielplatz verbracht hat. Mancherorts heißen die Anlagen deshalb anglifiziert »Outdoor-Fitness-Platz« oder wohlwollend »Mehrgenerationenplatz«. Die Neugierde treibt schließlich auch Jugendliche her. Im Lietzenseepark ist schon so manches Kind aus Langeweile von der Schaukel gesprungen und auf dem Beintrainer gelandet. In der Schweiz spricht man vom »Vitaparcours«. Wie wäre es mit »Bewegungsgarten«?

Hierzulande gab es anfangs Skepsis. Turnen in freier Wildbahn? Da ist der Deutsche im Vergleich zum Chinesen, der seine Tai-Chi-Übungen auf jeder sich bietenden Grünfläche absolviert, ganz schön verklemmt. Ähnlich wie auf der Tanzfläche muss sich immer erst einer trauen, dann ziehen die andern nach. In Spanien dagegen schossen die Seniorenspielplätze nur so aus dem Boden. Liegt es am wärmeren Wetter? Sind die Spanier geselliger? Das vermutet Renate Zeumer.

Aber im Lietzenseepark kommt der Rentner tatsächlich mit der Mittfünfzigerin ins Gespräch. Die ist übermütig genug, um abwechselnd vorwärts und rückwärts in die Pedale zu treten, und das auch noch freihändig! »Ich finde die Idee großartig«, ruft sie hinüber und dann mit ausgestreckten Armen in den Park: »Den Rentnern gehört die Zukunft; sie haben das Geld.« Das Schwanenpaar auf dem See steckt gerade die Köpfchen ins Wasser. Unterdessen hat der Rentner seine Frau auf den Beintrainer geschickt. Sie macht ein paar ungelenke Bewegungen in ihrem Staubmantel.

Die demografische Entwicklung spricht für den Seniorenspielplatz. Jeder Fünfte ist heute über 65, in fünfzig Jahren wird es jeder Dritte sein. Glaubt man den Prognosen, werden auf 100 Erwerbstätige 200 Rentner kommen, und die dürfen nicht einrosten, damit die Gesellschaft nicht ganz aus der Balance gerät. Pflegefälle wird es schon genug geben.

Der Markt hat die Wünsche der Betagten längst im Visier; die Werbung tauscht Gebissreiniger gegen Lippenauffüller. Seit vor drei Jahren im Berliner Preußenpark der erste Seniorenspielplatz in Deutschland eingeweiht wurde, gibt es kein Halten mehr. Inzwischen sollen nahezu 400 Plätze vorhanden sein. Auf manchen stehen nur zwei oder vier Geräte; auf anderen kann man Schach, Boccia oder Boule spielen oder mit nackten Füßen durch ein Kiesbett stapfen – Kneippen im Sand.