Regisseur Woody Allen bei der Präsentation seines neuen Films "Whatever works" © Stephane de Sakutin/AFP/Getty Images

ZEITmagazin: Mister Allen, im Flugzeug nach New York lief im Bordprogramm die New-York-Romanze Harry und Sally ...

Woody Allen: ...ein guter Film! Sind Sie denn nach der Landung auch gleich zu Katz’s Delicatessen gegangen? Da spielt ja die berühmteste Szene des Films: Sally zeigt ihrem Freund Harry, wie man einen Orgasmus vortäuscht.

ZEITmagazin: Ja, ich war da, aber alleine.

Allen: Sind die Pastrami-Sandwiches dort immer noch so gut?

ZEITmagazin: Sind sie.

Allen: Dachte ich mir.

ZEITmagazin: In Harry und Sally geht die verklemmte Provinzlerin Meg Ryan nach New York und wird dort zu einer urbanen, offenen, sinnlichen Frau. Könnte man sagen, dass es zwei Arten von New-York-Filmen gibt? In den einen ist die Stadt hart, verkommen, korrupt, so wie bei Sidney Lumet und Martin Scorsese. In den anderen ist New York eine kultivierte Stadt mit wunderbarem Einfluss auf ihre Einwohner. So wie bei Ihnen. 

Allen: Im Allgemeinen denke ich mir eher komische Geschichten aus, was natürlich auf das Bild der Stadt abfärbt. Aber manchmal geht es auch in meinen New-York-Filmen um Mord. Etwa in Verbrechen und andere Kleinigkeiten. Oder in Manhattan Murder Mystery, obwohl das auch eine Komödie ist. Es fällt mir schwer, meine Zuneigung zu New York zu verbergen. Für mich ist diese Stadt allen anderen Städten in den USA unendlich überlegen. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, jeden Morgen in Denver oder Santa Fe aufzuwachen und vor dem Frühstück ein Lasso über irgendeine Kuh werfen zu müssen, um sie zu melken.

ZEITmagazin: In Ihrem neuen Film Whatever Works, der in dieser Woche in Deutschland anläuft, spielen Patricia Clarkson und Ed Begley jr. ein konservatives Ehepaar aus der Provinz, das durch New York geradezu befreit wird. Vor allem sexuell.

Allen: Man könnte durch meinen Film auf die Idee kommen, dass alle New Yorker Männer entweder schwul oder mit wesentlich jüngeren Frauen verheiratet sind. Und dass alle Frauen in New York irgendwann mit zwei Liebhabern zusammenleben. Das mag etwas zugespitzt sein. Im Vergleich zur amerikanischen Provinz haben wir aber durchaus ein entspanntes Verhältnis zur Sexualität. Alles ist dort Ausdruck von Angst und sexueller Repression: der religiöse Wahnsinn, der Waffenfanatismus, die übergeschnappten Rechten, eine von zweifelhaften Sittengesetzen geprägte Sicht der Sexualität. In der Provinz ist man gegen die gleichgeschlechtliche Heirat, gegen Abtreibung, im Extremfall auch gegen Verhütung. In manchen Staaten gibt es sogar Gesetze gegen Oralsex. Selbst Ehepartner brechen das Gesetz, wenn sie im Bett bestimmte Stellungen praktizieren.

ZEITmagazin: In Whatever Works wird die Hausfrau aus den Südstaaten in New York zur gefeierten Fotografin. Ihre Tochter gewinnt allerhand Lebenserfahrung durch die Liebe zu einem dreißig Jahre älteren Mann. Ist der wandlungsfähige Mensch die Utopie des späten Woody Allen?

Allen: Die Vorstellung, dass Menschen ihre Vorurteile, auch gegenüber sich selbst, überwinden, hat mir schon immer gefallen. Und ja, vielleicht gefällt sie mir im Alter zunehmend. Bin ich altersmilde? Vielleicht. Auch in meinem vorigen Film Vicky Cristina Barcelona reagieren die Figuren nicht so, wie man es erwarten würde. Statt eines Eifersuchtsdramas gibt es eine wunderschöne Ménage à trois zwischen Scarlett Johansson, Javier Bardem und Penélope Cruz. Es ist doch schön, Kinofiguren in Konstellationen zu führen, die sie nicht von sich erwarten.

ZEITmagazin: In Ihren in Europa gedrehten Filmen inszenieren Sie Liebe und Sex viel sinnlicher als in Ihren amerikanischen, wo Sexualität eher neurotisch wirkt. Wie kommt das?

Allen: In Amerika war Sex schon immer ein ungemein wichtiges Thema, dem man sich nur auf feierliche, pompöse Weise nähern kann. Als die sexuelle Befreiung in den USA auch auf das Kino übergriff, dachte man, man könne Sex nun auf der Leinwand als Ersatz für Dramatik und gute Geschichten verwenden. Plötzlich glaubten die amerikanischen Filmemacher, eine ausführliche Sexszene auf der Leinwand sei ungemein spannungsgeladen. In Wahrheit sind solche Szenen aber einfach langweilig. Für die sexuell unterdrückten Provinzler im Publikum, die ja die Mehrheit darstellen, sind sie natürlich immer noch etwas ganz Besonderes. Weil sie so infantil sind.  

ZEITmagazin: Und in Europa?