Schweizer MinarettstreitFalscher Rütli-Schwur

Heidiland verbietet Minarette – und eine kluge Integrationspolitik, meint Josef Joffe von 

Minarett in der Zürich

Die Schweiz - Angst vor der Überfremdung  |  © Sebastian Bozon/ AFP/ Getty Images

Das Rütli-Volk hat gesprochen, mit hoher Beteiligung und solider Mehrheit: keine neuen Minarette mehr außer den vieren, die schon stehen. Die Erklärung ist einfach. Die Schweiz leidet grundsätzlich und seit je an der »Xenitis«, dem epidemisch wiederkehrenden Gefühl der Überfremdung. Hinzu kommen gerade in jüngerer Zeit die Quälereien aus dem Ausland: von amerikanischen Nazigold-Jägern, US-Steuerfahndern, deutschen Finanzministern, die Liechtenstein gezüchtigt, aber die Schweiz gemeint haben; sogar ein Drittklasse-Diktator Gadhafi war dabei, der eidgenössische Geiseln gemacht hatte, um die Verhaftung seines randalierenden Sohnes zu rächen.

Es ist heute bitter, Schweiz zu sein – ein Land ohne Gemeinschaft (EU) oder Bündnis (Nato). Es ist auch nicht einfach, eine fragile nationale Identität mit einer Ausländerquote von 22 Prozent zu bewahren, die mehr als doppelt so hoch ist wie anderswo in Europa. Also werfe niemand den ersten Stein. Dennoch wird die Abstimmung nicht das letzte Wort sein, und der Grund besteht aus einem Wort: »Verfassungsfalle«.

Anzeige

Wie Minarette verbieten, wenn überall Kirchtürme in den Schweizer Himmel ragen? Wie das Kopftuch ächten, aber nicht das christliche Habit oder das jüdische Käppchen? Weil es im repressiven Saudi-Arabien keine Kirchen gibt? Das ist nicht unser Maßstab; der Westen hat sich die Religionsfreiheit, weiß Gott, über Jahrhunderte mit Strömen von Blut erkämpft.

Weil uns der Islam fremd, gar unheimlich ist? Das ist er; selbst politisch korrekte Menschen können die Schreckensbilder nicht unterdrücken, die von Terror und Ehrenmord, Blutrunst und Reconquista künden. Kopftuch – ist das nicht die Unterdrückung der Frau? Minarette – symbolisieren die nicht Herrschaftsanspruch?

Josef Joffe
Josef Joffe

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier.

Mag sein, aber es ist nicht so lange her, dass Katholiken im protestantischen Amerika und Juden im christlichen Europa Menschen zweiter Klasse oder gar Untermenschen waren. Die Religionsfreiheit ist ein Heiligtum der säkularen Republik, auch wenn Kirchenglocken vertraut sind, der Muezzin im Morgengrauen aber die Nachtruhe stört. Die Gleichheit vor der Verfassung gilt für alle, oder sie gilt irgendwann für niemanden.

Das heilige Prinzip verbietet aber keinen klugen Pragmatismus. Juden haben im Zuge der Emanzipation keine Himmelsstürmerei mit ihren Synagogen betrieben. Gott verbietet es den Frommen auch nicht, architektonische Anpassung zu betreiben (dem ist jeder Bau genehm). Religionsfreiheit ist nicht das Gegenteil von Feinsinn, und die hochgetürmte Moschee nicht der einzige Weg zur Seligkeit.

Eine europäische Schicksalsfrage in diesem Jahrhundert ist die Integration (nicht die platte Assimilation) des Fremden. Das ist ein langer Verhandlungsprozess, der vom Turnunterricht bis zum Sakralbau reicht. Die Betonung liegt auf »Verhandeln« – mithin gegenseitigem Respekt. Eine Volksabstimmung aber ist Aufschrei und Machtprobe – wie demnächst die organisierte Empörung in der islamischen Welt, die dem Referendum so zuverlässig folgen wird wie 2005 den dänischen Mohammed-Karikaturen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare

Wegen des Relaunches steht die Kommentarfunktion gegenwärtig einigen Nutzern nicht zur Verfügung.

  • Serie Zeitgeist
  • Schlagworte Europäische Union | Emanzipation | Integration | Islam | Kopftuch | Minarett
  • Neu auf ZEIT ONLINE
    1. Neu im Ressort
      1. Anzeige
      2. Anzeige
      3. Anzeige
      4. Blogs und Tweets von ZEIT ONLINE
      5. ARTIKEL ZUM THEMA Zeitgeschehen IM RÜCKBLICK
        September | August | Juli | Juni | Mai
      Service