Eine Zukunft ohne Öl! Für Optimisten ein erfreuliches Bild. Nennen wir es Bild eins. Sollen wir es uns ausmalen?

Wir fahren Autos mit Brennstoffzellen-, Methan-, Solar- oder einem anderen Antrieb, den wir uns erst noch ausdenken müssen. Güter erreichen uns von weit her mit Solarsegelschiffen – deren computergesteuerte Segel jeden Lufthauch ausnutzen – oder auch mit neuartigen Luftschiffen, die bei minimaler Verschmutzung und ohne ohrenbetäubenden Lärm riesige Frachtmengen heben und transportieren. Die Eisenbahn erlebt ein Comeback, genau wie Fahrräder – wenigstens solange es nicht schneit. Vielleicht gibt es aber auch gar keine Winter mehr.

Wir sind zur Wasserkrafterzeugung im kleinen Umfang zurückgekehrt und errichten dazu fischfreundliche Staudämme. Wir verzehren regional produzierte Lebensmittel. Wo einmal unsere Vorgärten waren, ziehen wir sogar Biogemüse und gießen es mit Grau- und Regenwasser sowie mit dem Wasser, das wir mit Duschen statt Baden sowie dem Einsatz von wasserarmen Klospülungen, Waschmaschinen und anderen bereits auf dem Markt befindlichen Geräten einsparen. Wir verwenden Energiesparlampen – Glühbirnen sind verboten – und energiesparende Heizsysteme wie Pelletöfen, Niedertemperaturstrahler und lange Unterwäsche. Das Motto "Halt nicht das Zimmer warm, sondern dich" gilt nicht mehr nur für wirre Sonderlinge. Inzwischen leben wir alle so.

Bessere Bauisolierung und Maßnahmen zur Verbesserung des Raumklimas wie wärmeabweisende Jalousien und Markisen machen Klimaanlagen überflüssig. Sie schlucken nicht länger jeden Sommer immense Strommengen. Zur Stromerzeugung nutzen wir Wasserkraft, Sonnenenergie, Erdwärme, Wellen- und Windenergie, emissionsfreie Kohlekraftwerke sowie fast idiotensichere Atomkraft. Sollte es zu Unfällen kommen, so ist das nicht nur eine Katastrophe: Die hochverstrahlten Regionen, in die sich der Mensch nicht hineintraut, werden sozusagen über Nacht zu Schutzgebieten, die die Natur zurückerobert. In der Gegend um Tschernobyl soll es bemerkenswerte Flora und Fauna geben.

Was ziehen wir an? Viel Kleidung aus Hanf, denke ich: Nutzhanf liefert robuste Fasern und benötigt kaum Pestizide, und der Anbau von Baumwolle hat sich als zu kostspielig und umweltschädigend erwiesen. Womöglich tragen wir auch eine Menge wärmekonservierende Recycling-Alufolie und Kleidungsstücke aus wiederverwertetem Plastik. Das stammt von einer Insel aus Plastikteilen, die so groß wie Texas ist und derzeit im Pazifik treibt. Was essen wir außer dem Gemüse aus dem Vorgarten noch? Hier könnte es schwierig werden: Bald gibt es keinen billigen Fisch mehr. Andere Engpässe zeichnen sich ebenfalls ab. Üppige Mengen tierisches Eiweiß in großen Fleischbrocken gehören vielleicht bald der Vergangenheit an. Aber wir sind eine erfinderische Spezies. Wenn es um die Wurst geht, sind wir nicht wählerisch. Als Allesfresser essen wir, was auf den Tisch kommt. Hauptsache, es ist Ketchup da. Und das hat auch sein Gutes: Ernährungsbedingte Fettleibigkeit ist kein drängendes Problem mehr. Diätpläne sind nicht nur kostenlos, sondern Pflicht.

So viel zu Bild eins. Es gefällt mir. Es ist tröstlich. Unter Umständen könnte es sogar wahr werden. Irgendwie. Mehr oder weniger.

Und dann ist da Bild zwei. Angenommen, die Zukunft ohne Öl tritt sehr schnell ein. Angenommen, eine böse Fee fuchtelt mit ihrem Zauberstab. Schwupp! Kein Öl, nirgends. Sofort käme alles zum Erliegen. Keine Autos, keine Flugzeuge. Ein paar Züge, die Wasserkraft nutzen, fahren noch, ebenso Fahrräder, doch damit kommen die meisten Leute nicht sehr weit. Lebensmittel erreichen die Städte nicht mehr. Das Wasser aus dem Hahn versiegt. Binnen Stunden bricht Panik aus.

Zuerst verschwindet das Wort "wir" aus dem Sprachgebrauch. Abgesehen von ungewöhnlich gut organisierten und geführten Gebieten, wird es überall durch "ich" ersetzt, denn jetzt befindet sich jeder gegen jeden im Krieg. Supermärkte werden gestürmt. Darauf folgen sofort Hungeraufstände und Plünderungen. Auch die Banken werden gestürmt: Die Leute wollen an ihr Geld, um auf dem Schwarzmarkt einkaufen zu können. Allerdings verlieren alle Währungen schnell an Wert und werden durch Tauschhandel ersetzt. Die Banken schließen auf jeden Fall, weil ihre elektronischen Systeme versagen und ihnen das Bargeld ausgeht.

Nachdem die Menschen Lebensmittel geplündert und gehamstert sowie die Badewannen mit Wasser gefüllt haben, verschanzen sie sich in ihren Häusern. Wer sich traut, schleicht in den Garten, denn die Toilettenspülungen funktionieren nicht mehr. Die Lichter gehen aus. Kommunikationsnetze brechen zusammen. Was kommt danach? Eine Dose Hundefutter aufmachen, den Inhalt essen, dann den Hund essen, dann abwarten, bis die Behörden Recht und Ordnung wiederherstellen. Doch den Behörden fehlt es an Transportmitteln, und es gelingt ihnen nicht.

Andere Instanzen übernehmen das Ruder. Anfangs nennt man sie Schläger und Straßengangs, später Kriegsherren. Sie greifen die verbarrikadierten Häuser an, vergewaltigen, brandschatzen und morden. Aber bald geht sogar ihnen die geraubte Nahrung aus. Angesichts von Hunger, faulendem Müll, sich vermehrenden Ratten und verwesenden Leichen dauert es nicht lange, bis Pandemien ausbrechen. Schnell wird deutlich, dass die gegenwärtige Weltbevölkerung von sechseinhalb Milliarden Menschen nicht nur vom Öl abhängig, sondern überhaupt erst durch Öl entstanden ist: Die Menschheit hat sich in dem Raum ausgebreitet, den das Öl zugänglich gemacht hat. Ohne Öl würde die Menschheit mit verblüffender Geschwindigkeit schrumpfen. Was die Kosten für die "Wirtschaft" angeht – nun, eine "Wirtschaft" gibt es nicht mehr. Das Geld verschwindet. Als einzige Tauschmittel bleiben Nahrung, Wasser und sehr wahrscheinlich – zumindest bis alle umfallen – Sex.

Bild zwei ist ebenso extrem wie unwahrscheinlich, aber es deckt die Wahrheit auf: Wir sind süchtig nach Öl und stehen ohne ziemlich hilflos da. Und weil es irgendwann versiegen wird und billiges Öl ohnehin bereits der Vergangenheit angehört, sollten wir viel Zeit, Energie und Geld in die Suche nach Ersatz stecken.

 

Leider sind wir, genau wie jede andere Art auf der Erde, konservativ: Wir ändern unser Verhalten erst, wenn es unbedingt notwendig wird. Der Lungenfisch hat nicht etwa deshalb Lungen entwickelt, weil er ein Landtier werden wollte, sondern um weiter als Fisch von Pfütze zu Pfütze zu gelangen. Und wir sind selbstsüchtig: Solange Energiesparen nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, machen die meisten Menschen nicht mit. Wieso Opfer bringen, wenn andere es nicht tun? Das Fehlen gerechter und durchsetzbarer Energienutzungsvorschriften bestraft Menschen mit Gewissen und belohnt Gewissenlose. In der Wirtschaft erlauben es die Gesetze des Wettbewerbs, dass die meisten Unternehmen aus den vorhandenen Ressourcen ohne Rücksicht auf die Folgen den größtmöglichen Gewinn schöpfen. Warum sollten Menschen oder Institutionen sich anders verhalten, solange sie keinen klaren Nutzen erkennen?

Neben Bild eins und zwei gibt es noch Bild drei. In Bild drei bereiten sich einige Länder auf eine Zukunft mit weniger Öl vor, andere nicht. Es überrascht nicht, dass zu den Planern Länder ohne eigene Ölvorkommen oder eigenen Bedarf gehören. Island erzeugt seine Energie mit Erdwärme und wird kaum unter der Ölknappheit zu leiden haben. Deutschland und andere europäische Länder ohne Ölvorräte stellen sich in Windeseile um und bereiten sich auf stürmische Veränderungen vor.

Dann sind da die Öl produzierenden Länder. Ehemals arme und schnell reich gewordene Länder, die außer Öl keine Ressourcen besitzen, investieren den Reichtum aus dem Öl – von dem sie wissen, dass er keinen Bestand haben wird – in Technologien in der Hoffnung, dass sie funktionieren, wenn das Öl dereinst versiegt. Ländern mit Öl und zusätzlichen anderen Rohstoffvorräten fehlt dieser Weitblick jedoch. Er existiert allerdings in Form einer Pentagon-Studie aus dem Jahr 2003 mit dem Titel Szenario für einen abrupten Klimawandel und dessen Folgen für die nationale Sicherheit der USA. Darin steht: "Nationen mit den dafür vorhandenen Ressourcen bauen unter Umständen regelrechte Festungen um ihre Länder, um die Ressourcen für den Eigengebrauch zu schützen." Das geschieht bereits: Die Mauern werden täglich höher und dicker.

Doch in den reichen Ländern mit mehreren Ressourcen mangelt es oft an der notwendigen, langfristigen staatlichen Planung für die Zeit nach dem Versiegen des Öls. Biokraftstoff ist größtenteils ein Irrweg: Die zu seiner Herstellung notwendige Ölmenge ist größer als der Ertrag. Einige Ölkonzerne untersuchen die Entwicklung anderer Energiequellen. Im Großen und Ganzen betreiben sie aber schlicht Lobbyarbeit gegen alles und jeden, der den Verbrauch und damit ihren Profit mindern könnte. Es herrscht Goldgräberstimmung. Das Öl ist das Gold, und kurzfristige Gewinne sind wichtiger als künftige, langfristige Probleme. Schleichender Irrsinn breitet sich aus, und wer den Goldrausch aufhalten will, gilt als Feind.

Mein Heimatland Kanada besitzt reiche Ölvorkommen. Ein Großteil befindet sich in den Athabasca-Ölsanden. Dort kann, wer über ausreichend Bares verfügt, eine Abbaulizenz erwerben, und dort wird viel CO₂ in die Atmosphäre gepustet – nicht nur bei der Nutzung von Öl als Endprodukt, sondern auch bei seiner Herstellung. Dafür werden zudem große Mengen Wasser benötigt, das aus dem von Gletschern gespeisten Athabasca-Fluss kommt. Aufgrund der Erderwärmung schmelzen die Gletscher allerdings rapide. Ohne Gletscher kein Wasser und damit kein Öl aus den Ölsanden. Vielleicht rettet uns unsere Unfähigkeit wenigstens ein Stück weit. Aber auf unserem Weg hinterlassen wir viel Zerstörung.

Unter den von Menschenhand errichteten Monumentalbauwerken hat das Projekt Athabasca-Ölsande inzwischen die Pyramiden als Pflichtziel verdrängt. Allerdings taugt es nicht unbedingt als Denkmal für unsere Unsterblichkeitshoffnungen. Es gab sogar eine geführte Tour dorthin: Im August organisierte sie der renommierte kanadische Veranstalter Butterfield and Robinson als Teil seiner Serie "Ziele in Gefahr".

Ziele in Gefahr: erst die Ölsande, dann die Erde. Wenn wir nicht bald auf Bild eins hinwirken, bleibt uns nur eine Version von Bild zwei. Horten Sie Hundefutter – kann sein, dass Sie es brauchen.

Aus dem Englischen von Sabine Schmidt