Schwarz-Gelb Die Mäuse tanzen
Schwarz-Gelb verstrickt sich weiter in kleinliches Gezänk. Die Kanzlerin muss endlich Autorität in der Sache zeigen
Dies ist eine Verlustanzeige. Dem Land fehlt eine Regierung.
Über einen mangelnden Bonus in der Öffentlichkeit konnte sich die Kanzlerin bislang kaum beklagen. Angela Merkel, die irgendwie über den Wassern schwebte, der in der Großen Koalition professionelles Agieren und ein geradezu kohlscher Machtinstinkt bescheinigt wurden, hat plötzlich ein Problem. Warum wird man den Eindruck nicht los, die Große Koalition sei eine vergleichsweise starke Formation gewesen? Hier einige Argumente, wie das zu erklären ist.
Erstens: Auch unter Angela Merkel hat sich die Tendenz zur »Kanzlerdemokratie« oder zum Präsidentiellen fortgesetzt. In der Großen Koalition geriet die Kanzlerin zudem fast automatisch in die Rolle der mild-mütterlichen Moderatorin. Sie war das Versprechen, das nicht eingelöst werden musste. Diese Aufgabe übernahmen Wolfgang Schäuble, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück. Der Einzige, der diese Lücke heute füllen könnte, Wolfgang Schäuble, sendet eher verwirrende Signale, nicht die eines »Schattenkanzlers«. Die eigene Rolle des »Finanzkrisenmanagers« muss er sich noch erobern.
Eine Debatte über Afghanistan hat die Kanzlerin sorgfältig vermieden
Zweitens: Die Methode Merkel strahlt nach Brüssel aus – und wirkt zurück. Europas Regierungen sind in desolater Verfassung, es fehlt dramatisch an Orientierung. Angela Merkel hat uns daran gewöhnt, dass der Anspruch auf stille Vermittlung schon gar nicht mehr gestellt wird. Wie von deutscher Seite die Besetzung der Kommission gehandhabt wurde – Günther Oettinger nach Brüssel entsorgt, kein Gedanke, Frank-Walter Steinmeier oder Joschka Fischer als EU-Außenminister vorzuschlagen, obwohl Paris wohl mitgespielt hätte –, das ist pure Selbstabdankung. Derlei wäre Helmut Kohl nie passiert. Die »deutsche Stimme« war ohnedies schon kaum noch zu hören. Damit berührt man die heikle Frage, wie die Deutschen ihr Gewicht in der Welt geltend machen könnten. Vor »Führung« hat Helmut Schmidt stets gewarnt – und doch Wege gesucht, seine strategischen Überlegungen durchzusetzen. Sicher, die Welt ist multipolarer geworden. Aber das macht solche Orientierungsversuche umso zwingender.
Drittens: Manches ist in Demokratien von der Natur her »Chefsache«, etwa Afghanistan. Eine Debatte über die Strategie am Hindukusch hat die Kanzlerin aber sorgfältig vermieden. Legitimation für einen bestimmten Kurs hat sie sich bei den Wählern nicht geholt. Jetzt redet aus München Horst Seehofer hinein, der Verteidigungsminister erklärt den Angriff auf die Tanklaster in Kundus für falsch, stellt sich aber auf die Seite des Obersts, der den Befehl zur Bombardierung gab. Und von Angela Merkel weiß man eigentlich nur, dass sie sich die Kritik der Alliierten herrisch verbeten hat. Diese »Chefsache« hat die Chefin nicht kontrolliert, das holt sie ein.
Viertens: Es reicht nicht, wenn Politik sich herausmendelt als der kleinste gemeinsame Nenner. Etwa beim Versprechen, mit Steuersenkungen per »Beschleunigungsgesetz« das Wachstum anzukurbeln, die den überdehnten Haushalt noch weiter belasten werden. Man hätte sich eine Kanzlerin vorstellen können, die sich als späte Keynesianerin outet und gesteht, die gewaltige Finanzmarktkrise habe sie eines Besseren belehrt. Oder die sagt, sie hätte sich auf den FDP-Pfad nicht begeben sollen. Jetzt aber wird vorgegaukelt, im Prinzip bleibe alles beim Alten, es sehe nur halt nicht so aus. Die Länder würden im Bundesrat nicht »herausgekauft«; Schwarz-Gelb, heißt es im neuen Orwell-Deutsch, plane ein »politisches Gesamtkunstwerk«. Ähnlich im Fall Erika Steinbach. Vermuten darf man, dass die Kanzlerin heimlich dem Außenminister geradezu dankbar dafür ist, wenn er die Vertriebenen-Chefin aus dem Beirat für das Zentrum gegen Vertreibung heraushält. Im CDU-Wahlprogramm jedoch wird Frau Steinbachs Anspruch unterstützt. Könnte die Kanzlerin dann wenigstens erklären, was der Segen dieser Unterstützung sei? Nein, Schweigen. Und da hat man nach ihrem Anteil am Sturz Nikolaus Brenders als ZDF-Chefredakteur noch gar nicht gefragt.
Dies ist kein Plädoyer für Führung mit der Faust. Konzediert sei auch: Anfangs muss man Kredit gewähren. Und es gibt leider kein »Niveaubeförderungsgesetz«, um vor allem den FDP-Teil des Kabinetts satisfaktionsfähig zu machen. Als Kriterium kann es ja nicht ausreichen, dass der Außenminister »nichts falsch« macht wie in Israel oder der Entwicklungshilfeminister sein Ressort nicht abschafft. Fragen muss man allerdings dürfen, weshalb das Kanzleramt, das doch reibungslos lief, offenbar auch von Kompetenz entsorgt worden ist. Doch das sind alles Nebenaspekte. Der »systemische« Fehler liegt anderswo. Gegen alle Beteuerungen hatte die schwarz-gelbe Koalition nichts Gemeinsames vor, obwohl die Rahmenbedingungen sich dramatisch geändert haben. Diese Leerstelle müsste eine starke Kanzlerin füllen.
Aber es zeigt sich: Angela Merkel hat Machtsinn, sicher auch Überzeugungen, aber sie hat sich keine Autorität in der Sache erworben. Jetzt sieht es so aus, als wachsen ihr ein sehr neuer Gesundheitsminister, der kess »Kopfpauschale« ruft, ein Verteidigungsminister, der bestimmt auftritt und zugleich Unklarheit schafft, ein Kieler Ministerpräsident mit Etatsorgen und ein desorientierter CSU-Chef über den Kopf. Die Schwachen geben sich stark. Das Unzureichende, hier wird’s Ereignis. Die »Kanzlerdemokratie« ist per se keine Sünde, aber sie muss auf ihrer eigenen Autorität gründen. Jetzt wird sie getestet.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 11.12.2009 - 12:12 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.12.2009 Nr. 51
- Kommentare 18
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Der Artikel zielt auf ein wichtiges Problem. Frau Merkel vermeidet es, sich zu positioniere und sich damit angreifbar zu machen. Dies kann gelingen, allerdings in manchen Fragnen ist ein Statement der Kanzlerin notwendig.
Es ist doch schon komisch, dass in Deutschland ueber nichts anderes mehr diskutiert wird als ueber das Bombardement eines Tanklasters und dass dabei 2 Minister erheblichst unter Druck geraten. Dass dies geschehen kann, liegt an der falschen kommunikationsstrategie der Regierung. In Amerika kaeme es ob einer solchen Frage sicher nie zu einem ernsthaften konflikt.
Merkel vermeidet es, den buergern Afghanistan zu erklaeren und die Rahmenbedingungen des Einsatzes klar abzustecken. Die opposition nutzt das natuerlich (zumindest die Gruenen). Merkel muss sich jetzt langsam aeussern, um auch Druck von zu Guttenberg zu nehmen. Sollten dann ihre (falschen) Steuersenkungsplaene noch durch den Bundesrat gehen, kann sie in Ruhe Weihnachtsferien machen.
Stimmt. Amerika teilt sich auf in Nord- und Südamerika und das sind 2 Kontinente ohne gemeinsame Armee. Deshalb ist ein solches Problem unmöglich.
Falls Sie gerade die USA mit Amerika gleichgesetzt haben sollten: Wie gut, das D und die USA nicht deckungsgleich sind und hier solche Sachen diskutiert werden.
Stimmt. Amerika teilt sich auf in Nord- und Südamerika und das sind 2 Kontinente ohne gemeinsame Armee. Deshalb ist ein solches Problem unmöglich.
Falls Sie gerade die USA mit Amerika gleichgesetzt haben sollten: Wie gut, das D und die USA nicht deckungsgleich sind und hier solche Sachen diskutiert werden.
Der Artikel beschriebt zutreffend den Zustand unserer "Regierung" - der aber auch in Teilen Europas herrscht.
Mutti hat ein Gefühl für Machterhalt - auf gut deutsch: Sie kann intrigieren und Seilschaften bilden. Parteiintern sicher wichtig, sonst wäre sie nicht das, wo sie ist.
Aber sonst? Programm? Vorstellungskraft? Gestaltungskraft?
Komplett Fehlanzeige. Nichts.
Das Kabinett? Niveaulose Selbstdarsteller. Wie von einem Kabarettisten zusammengestellt. Schauerlich.
Wer hat die Pressekonferenz von Merkel, Seehofer und Westerwelle gesehen?
So unterirdisch schlecht...
Sonst in Europa? Italien, Frankreich, England? Die dortigen Regierungschefs scheinen jedes noch so abgedroschene Klischee erfüllen zu wollen.
Es kann einem Angst und Bange werden.
ist nichts mehr hinzu zu fügen!
Ich teile voll und ganz diese Ansichten und so werde ich mich
mit Ihnen zusammen ängstigen und bangen! Leider!
ist nichts mehr hinzu zu fügen!
Ich teile voll und ganz diese Ansichten und so werde ich mich
mit Ihnen zusammen ängstigen und bangen! Leider!
Unsere Bundeskanzlerin ist dafür bekannt, dass sie auf gnadenlosem Wege unliebsame Mitstreiter aus dem Weg räumt. Deswegen hat sie den bezeichnenden Beinamen: die "Schwarze Witwe". Woher kommt eigentlich diese unerfreuliche, charakterliche Eigenschaft (in der Fachliteratur gibt es dafür einen Ausdruck "Das Peter-Prinzip"). Was hat sie in diesem Verhalten geprägt? Ihre Zeit in der DDR, wo es von IM's und Intriganten nur so wimmelte? Oder war Alt-Bundeskanzler KOHL ihr diesbezügliches Vorbild? Unter einer derartigen Regierungschefin können nur schwache MinsterInnen überleben, die nicht bereit sind, einen erkennbaren Widerstand zu leisten (denn keiner möchte seine Pensionsberechtigung verlieren).
Mit freundlichen Grüssen
Klaus Metzger
HILDESHEIM
www.twitter.com/klmmetzger
Schwarz-Gelb erzählt uns seit Jahren, das wichtigste Thema seien die Steuern. Ein einfaches, gerechtes Steuersystem. Hätten sie schon längst gemacht, wenn sie nicht von finsteren rotgrünen Sozialisten daran gehindert worden wären.
Jetzt sind sie am Drücker, und was kommt: Ein steuerlicher Sondertatbestand für Hoteliers. Dafür bleibt der verunglückte Gesundheitsfonds, ein Bastard der Großen Koalition, dessen einzige Lebensberechtigung war, daß anders kein Kompromiß zwischen den sich diametral widersprechenden Vorstellungen von Schwarz und Rot herzustellen war.
Falls der Wähler diese Konzeptlosigkeit bei der NRW-Wahl ahndet, haben wir über den Bundesrat wieder die ewige Große Koalition. Und die fürchte ich mehr als Rot oder Schwarz. Manchmal beneide ich die Briten.
das Selbstverstänis der Politiker. Sie sind so von der realen Welt entrückt, glauben aber noch voll im Leben zu stehen.
ist nichts mehr hinzu zu fügen!
Ich teile voll und ganz diese Ansichten und so werde ich mich
mit Ihnen zusammen ängstigen und bangen! Leider!
Auch eine Form, autoritäres Machtverständnis, nahe an einer Diktatur, schön zu schreiben.
Ich will keine starke Kanzlerin oder Kanzler vom Schlage Bismarcks. Ich will auch keinen Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft. Ich will ein starkes Regierungsteam, ständig herausgefordert durch ein starkes Parlament mit starker Opposition. Ich will konstruktive Politik und nicht destruktive.
MfG
AoM
Stimmt. Amerika teilt sich auf in Nord- und Südamerika und das sind 2 Kontinente ohne gemeinsame Armee. Deshalb ist ein solches Problem unmöglich.
Falls Sie gerade die USA mit Amerika gleichgesetzt haben sollten: Wie gut, das D und die USA nicht deckungsgleich sind und hier solche Sachen diskutiert werden.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren