Zweiter Weltkrieg Der Untergang der »Admiral Graf Spee«
Im Dezember 1939 kam es in der Mündung des Rio de la Plata zu einem Drama, das bis heute ein dunkler Mythos umgibt.
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Das modernste Kriegsschiff seiner Zeit wurde vom eigenen Kommandanten versenkt, um die Technologien nicht an den Feind zu verlieren
Ohne Pauken und Trompeten, so unauffällig, als ginge es auf eine ihrer zahlreichen Erprobungsfahrten, verlässt die Admiral Graf Spee in den Abendstunden des 21. August 1939 Wilhelmshaven. Um Mitternacht bleibt Helgoland an Steuerbord zurück. Das Panzerschiff fährt funkstill, abgedunkelt und unter voller Kriegswache, führt zur Tarnung die Positionslichter eines Frachtdampfers. Tagsüber wird nach Flugzeugen Ausschau gehalten.
Am 26. August, die Enge zwischen den Färöern und Island ist unbemerkt passiert, läuft die Admiral Graf Spee in einen Nordoststurm, 8 Beaufort und schwere See. Beim Spannen mannsichernder Strecktaue auf dem Vorschiff wäscht ein Brecher den Oberbootsmaat Herbert Matzker vom Deck. »Es war ein junger Berliner, ein Unteroffizier«, erinnert sich lange danach der Maschinengefreite Bernhard Dells. »Wir sahen ihn winken, dann war er weg.« Nach zwei Stunden wird die Suche eingestellt. Mit südlichem Kurs verschwindet das Panzerschiff in der Weite des Atlantiks.
Es war noch in den Tagen der Weimarer Republik gewesen, als die Graf Spee auf Kiel gelegt wurde. Der Versailler Vertrag hatte der deutschen Marinerüstung enge Grenzen gesetzt, und anders als bei den strikt verbotenen Flugzeugen, Panzern und Giftgasen, mit denen die Reichswehr in den Weiten der Sowjetunion klandestine Übungen unternahm, waren die küstennahen Werften leicht zu kontrollieren. Die Schiffe, die dem Reich verblieben waren, durften erst 20 Jahre nach Indienststellung durch Neubauten von höchstens 10.000 Tonnen Wasserverdrängung ersetzt werden.
Erste Pläne dazu gab es schon 1920. Doch gerade die Wiederaufrüstung zur See blieb, nach den gigantischen Flottenprogrammen der Kaiserzeit, ein Tabu. Die Propaganda der Rechten wurde lauter. Immer wieder fiel der Name Ostpreußen. Die Provinz im Nordosten war seit 1920 vom Reich durch den polnischen Korridor abgetrennt, ständig gab es Streit um die Transitwege. Die einzige verlässliche Verbindung, die über die Ostsee zwischen Swinemünde und Pillau, müsse gegen Polen gesichert werden. Im Übrigen sei auch dem Erbfeind Frankreich auf dem Atlantik wie im Mittelmeer Paroli zu bieten, und überhaupt: Wo bleibe die deutsche Seegeltung?
Am 30. März 1928 beschloss der Reichstag gegen die Stimmen von SPD und KPD das Bauprogramm, an die zehn Millionen Mark wurden bewilligt. Im Wahlkampf kurz darauf brach ein Proteststurm los: »Kinderspeisung statt Panzerkreuzer!« Mit den Kommunisten gingen auch die Sozialdemokraten auf die Straße und sammelten erfolgreich Wählerstimmen. In der Großen Koalition unter Reichskanzler Hermann Müller (SPD) indes konnten sie sich nicht durchsetzen und brachen so zur großen Empörung der Kommunisten ihr Wahlversprechen. Aber auch das von der KPD initiierte Volksbegehren blieb ohne durchschlagenden Erfolg.
Die Neubauten – nach dem ersten Schiff, der Deutschland, hieß die Serie die Deutschland-Klasse – sollten bei einer Länge von 185 Metern das Deplacement von 10.000 Tonnen kaum überschreiten, durch eine neuartige Dieselmotoranlage riesige Reichweiten bekommen, mit über 55.000 PS und zwei 28-Zentimeter-Drillingsgeschütztürmen »schneller als stärkere und stärker als schnellere« Kampfschiffe sein. Dazu kamen acht 15-Zentimeter-Geschütze, acht Torpedorohre und die opulente Flakbewaffnung. Zwischen Schlachtschiff und Kreuzer einzuordnen, nannte man sie »Panzerschiffe«, obschon es damit aus Gewichtsgründen nicht weit her sein konnte.
Das dritte der auf sechs Schiffe geplanten Baureihe wird am 1. Oktober 1932 in der Reichsmarinewerft Wilhelmshaven auf Kiel gelegt, Stapellauf der Admiral Graf Spee ist am 30. Juni 1934. Feierlich getauft auf den Namen des Admirals, der im Dezember 1914 mit seinen beiden Söhnen und über 2200 weiteren Seesoldaten in einem Gefecht mit den Briten bei den Falklandinseln unterging. Das modernste Kriegsschiff der deutschen Marine, am 6. Januar 1936 offiziell in Dienst gestellt, sticht zu Erprobungs- und Repräsentationsfahrten in See.
Hans Langsdorff wird im Oktober 1938 ihr dritter Kommandant. Er führt die Spee zur »Heimholung des Memellandes« im März 1939 in die Ostsee und geleitet kurz darauf die auf Dampfern der NS-Tourismusorganisation »Kraft durch Freude« von ihrem Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg zurückkehrende Legion Condor nach Hamburg.
Hans Langsdorff war – nicht gerade zur Freude seiner Familie, man wurde Pfarrer oder Richter – 1912 als 18-Jähriger an die Kieler Marineakademie gegangen, hatte 1916 als Leutnant auf dem Linienschiff Großer Kurfürst die Skagerrakschlacht und auf Minensuchern den Rest des Krieges überlebt. In den zwanziger Jahren befehligte er eine Halbflottille Torpedoboote und wurde bald in Stabsbüros abkommandiert. Von 1936 bis 1938 war er 1. Admiralstabsoffizier von Hermann Boehm, dem Kommandeur der im Spanischen Bürgerkrieg eingesetzten Seestreitkräfte. »Langsdorff war für mich ein Mensch, der humanistische Bildung besaß und der sich ein bisschen unterschied von dem Bild, das man von einem Offizier der kaiserlichen Marine hatte«, erinnerte sich 2005 sein Adjutant, Korvettenkapitän Kurt Diggins, in einem BBC-Interview.
Mehr als drei Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, am 26. September 1939, erhält Langsdorff Befehl zur Aufnahme seines Kaperkrieges gegen britische Handelsschiffe im Südatlantik. Er ist erfolgreich. Unter peinlicher Beachtung der internationalen Prisenordnung bringt die Admiral Graf Spee, unterstützt nur von dem Versorgungsschiff Altmark (mit dem sie sich in mehrwöchigen Abständen trifft), zwischen dem 30. September und dem 7. Dezember neun britische Frachter auf, nimmt deren Besatzungen gefangen und beschlagnahmt von ihren Ladungen, was unmittelbar zu gebrauchen ist. Es gibt kein einziges Todesopfer. Durch ständige Änderung von Namen und Aussehen seines Schiffes macht Langsdorff seine Gegner glauben, nicht nur ein deutscher »Handelsstörer« operiere im Südatlantik, sondern gleich eine ganze Gruppe. So bindet er eine wachsende Zahl von gegnerischen Kriegsschiffen und Flugzeugen fern ihrer heimatlichen Küsten.
Setzen die Briten Senfgas ein? Goebbels ist empört
Am 13. Dezember gibt es wieder Alarm, um sechs Uhr morgens nahe der Mündung des Rio de la Plata. Diesmal gehören die Mastspitzen am Horizont keinen Frachtern, sondern Kreuzern, einem schweren und zwei leichten, unter britischer Flagge. Jeder ist artilleristisch schwächer, doch schneller als die Graf Spee, und es stehen drei gegen einen. Langsdorff hat zwar Befehl, überlegenen Kräften auszuweichen, doch den Kommandanten eines Kriegsschiffes mag es frustriert haben, immer nur wehrlose Frachter zu versenken.
»Na, denn woll’n wir mal!« Damit eröffnet er um 6.17 Uhr das Gefecht. Salve auf Salve schießt aus den Rohren. Alle Panzerschotten sind dicht, automatenhaft verrichten die Männer im gespenstischen Blaulicht ihrer Stahlkammern das in langen Monaten Trainierte, können im Lärm der Motoren, der Abschüsse und Einschläge nicht einmal erraten, wie es um sie steht.
Der britische Verband teilt sich, sodass die Graf Spee nach beiden Seiten schießen muss. Ihre sechs 28er-Rohre feuern zwei Schuss in der Minute, jedes der acht 15-Zentimeter-Geschütze bis zu zehn. Nach 80 Minuten dreht der kampfunfähig geschossene schwere Kreuzer der Briten nach Süden ab, in Richtung Falklands. »Er hat der Exeter nicht nachgesetzt, weil sie kampfunfähig war, und«, so kennt Adjutant Diggins seinen Kommandanten, »warum soll ich jetzt ein Schiff versenken, auf dem sechs-, siebenhundert Menschen ums Leben gekommen wären?« Die leichten Kreuzer Ajax und Achilles, beide beschädigt, gehen hinter künstlichen Nebelwänden außer Schussweite, halten jedoch Fühlung mit der Graf Spee, die zwei Drittel ihrer Munition verschossen hat, selbst an die 20 Treffer aushielt und nun in die Mündung des Rio de la Plata einläuft, auf Montevideo zu, die Hauptstadt Uruguays.
Die Schiffsärzte, seit einem Vierteljahr ist ihnen bei den 1187 Männern an Bord nur ein Leistenbruch unters Skalpell gekommen, stehen jetzt »zentimeterhoch« im Blut. »Einundzwanzig große Wundversorgungen und sieben Amputationen«, notiert der Marineoberstabsarzt Fritz Härting. 28 Männer sind tot, ehe ein Arzt ihnen helfen kann. »Blutspuren zeigen überall den Weg der Verwundeten. Es riecht nach Brand, Blut und Eisen«, erinnert sich Oberleutnant Friedrich Wilhelm Rasenack 1957 in seinem Buch Panzerschiff Admiral Graf Spee. »Auf dem Mitteldeck werden die Gefallenen in Hängematten eingeschnürt.«
Sechszöllige britische Granaten haben ganze Geschützbedienungen zerfetzt, haben Munitionsvorräte entzündet, deren Heißgase Lungen verbrannten und große Hautflächen zerstörten. Der Mündungsfeuerdruck der schiffseigenen schweren Artillerie zersprengte die Lüftungsschächte des achteren Verbandsraumes: Rauchgasvergiftungen, kein ärztliches Instrument war mehr steril. Eine Acht-Zoll-Granate der Exeter durchschlug einige Panzerungen, tötete bei ihrer Explosion zwei Männer sofort, zerstörte Wasserleitungen und Feuerlöscheinrichtungen. Im Gaslazarett melden sich immer mehr Männer, die keine Luft mehr bekommen und kaum noch sehen können, mit Blasen ziehenden Hautverätzungen. Das kann nur Gelbkreuz sein, Senfgas – der gefürchtete Kampfstoff des Ersten Weltkriegs!
Kurz nach Mitternacht fällt der Anker im Hafen von Montevideo. »Für heute ist der Krieg für uns aus«, gibt Langsdorff bekannt, mit Kopfverband, den verletzten Arm in einer Schlinge. Von nun an steht er im Mittelpunkt einer explosionsartig wachsenden Aufmerksamkeit von Neugierigen, Diplomaten, Geheimagenten und Journalisten.
Dem britischen Botschafter in Uruguay werden 61 Gefangene übergeben, Offiziere der versenkten Frachter. (Ihre Mannschaften schwimmen noch auf dem Versorgungsschiff Altmark irgendwo im Südatlantik.) Sie haben, in der Seekadettenmesse eingeschlossen, unter dem Granathagel ihrer Landsleute um ihr Leben gebangt, besonders nachdem das Bordflugzeug auf dem Deck über ihnen getroffen wurde und Benzin in ihr Quartier lief.
Der deutsche Gesandte in Montevideo, Otto Langmann, meldet die britische Giftgasattacke nach Berlin. Am 17. Dezember hält Propagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch fest: »Gestern: Die Engländer haben beim Seegefecht mit dem ›Graf Spee‹ nach einwandfreiesten Zeugnissen Senfgas verwendet. Ich lasse das gebührend anprangern.«
Im prompt angestimmten Geheul der gleichgeschalteten deutschen Presse finden sich allerdings Differenzierungen. Die Frankfurter Zeitung vom 17.Dezember schreibt zurückhaltender von »Gasvergiftungserscheinungen« und zitiert, wie die Kölnische Zeitung tags darauf, nur die »medizinische Kapazität« in Montevideo, Professor Walther Meerhoff. Er zögere mit der Antwort. Allein: »Aus der sorgfältigen Prüfung der aufgenommenen Photographien bin ich der Meinung, daß die Verletzungen der Matrosen des Graf Spee typisch sind für kaustisches Dichlorethylsulfid-Gas aus Senf, obwohl ich wünschen möchte, mich zu irren.«
Und Meerhoff irrt sich tatsächlich. Denn inzwischen hat der Leitende Ingenieur der Graf Spee, Korvettenkapitän Karl Klepp, festgestellt, dass alle derartig Verletzten mit Ardexin in Kontakt gekommen sind, dem durch die Granatenexplosion freigesetzten Feuerlöschmittel, das auf See bisher kaum erprobt ist. Es bewirkt in Verbindung mit Nässe gelbkreuzartige Verätzungen. Stillschweigen wird befohlen.
Der britische Botschafter Eugen Millington-Drake setzt Uruguays Regierung massiv unter Druck: Die Admiral Graf Spee soll umgehend wieder auslaufen. Doch Langsdorff muss reparieren, die zerstörten Anlagen für Ölreinigung und Frischwassererzeugung, alle drei Kombüsen. Nach Artikel 2 der Haager Konvention dürfen kriegführende Kampfschiffe nicht länger als 24 Stunden in neutralen Gewässern verweilen, es sei denn zur Behebung von Schäden.
Dann aber versuchen die Briten plötzlich die Ausfahrt zu verzögern, denn die beiden britischen Kreuzer in der La-Plata-Mündung wollen erst Verstärkung abwarten. Nun wird Artikel 16 zitiert: Ein kriegführendes Schiff darf erst 24 Stunden nach der Abreise eines Handelsschiffs unter gegnerischer Flagge ankerauf gehen. Im Hafen liegende englische und französische Frachter laufen in 24-Stunden-Abständen aus, sodass der Spee schließlich 72 Stunden bleiben. Eine Frist, für die Reparaturen zu kurz, den englischen Geheimdiensten aber hinreichend, um Desinformationen über das Eintreffen einer britischen Übermacht zu streuen. Aus Berlin kommt das Verbot einer Internierung in Uruguay, die Geheimnisse der Spee – ihre Panzerung, ihr Radar, ihr Geschützsystem – dürfen keinesfalls in die Hände des Feindes geraten.
Kapitän Langsdorff verlangt nach einer Pistole
Von den 60 Verwundeten liegen viele im Hospital von Montevideo, 36 Tote sind auf dem Achterschiff aufgebahrt. Ihre Beerdigung am Freitag, dem 15.Dezember, wird zu einem international beachteten Großereignis; auch die vor Kurzem noch gefangenen Briten nehmen teil. Als Hans Langsdorff zum letzten Salut die Hand an die Mütze legt, heben die Geistlichen neben ihm den Arm zum Hitlergruß.
Für mehr als tausend Überlebende fühlt er sich weiter verantwortlich – junge Männer die allermeisten, in den Hungerjahren des Ersten Weltkriegs geboren, aufgewachsen in Zeiten von Inflation und Weltwirtschaftskrise und stolz auf das modernste Kriegsschiff der Zeit. Nur einige Fünfzig sind älter, teilweise Veteranen des ersten Krieges, Offiziere wie Zivilangestellte: Schuster und Schneider, Köche, Kellner und Friseure. Langsdorff steht unter bleischwerem Druck: Einen Durchbruchskampf in Richtung Heimat würde keiner überleben, das Fahrwasser flussaufwärts nach Buenos Aires, der Hauptstadt des deutschfreundlicheren Argentinien, ist nicht tief genug für sein Schiff.
Am Sonntag, dem 17. Dezember, um 20 Uhr muss er den Hafen verlassen. Eine Menschenmenge drängt sich am Ufer, darunter Militärs, Diplomaten, Reporter. Alle halten den Atem an, als kurz nach sechs die Anker aus dem Hafenwasser auftauchen und die Spee Fahrt aufnimmt – Kurs Buenos Aires. Begleitet wird sie von dem deutschen Frachter Tacoma. Kaum haben die beiden Schiffe die Dreimeilenzone verlassen, werfen sie Anker, und fast die komplette Mannschaft der Spee wechselt auf die Tacoma. Nur wenige Männer bleiben an Bord, um Langsdorffs Plan zu vollenden. Denn der Kapitän will sein Schiff versenken.
»Die optischen Geräte, die moderne Seegefechtseinrichtung, alles wurde mit Handgranaten gesprengt«, berichtete später der Mechanikermaat Hein Wild . »Zeit für Emotionen gab’s da nicht.« Der gebürtige Ulmer ist für die Torpedos zuständig. 14 Torpedosprengköpfe – jeder enthält 280 Kilogramm TNT – werden unten im Schiff verteilt, an den Motoren, den Munitionslagern, den Treibstofftanks, und mit Zeitzündern versehen. Um 19.52 Uhr sind die ersten Explosionen zu hören, sie gehen in Brände über.
Selten wurden mehr Fotos von einem untergehenden Kriegsschiff gemacht. Drei Tage lang brennt die Graf Spee, dann sinkt sie, nur ein Teil der Aufbauten schaut noch aus den trüben Fluten. Langsdorff wollte an Bord bleiben, folgte aber dem Argument seiner Offiziere, die Besatzung brauche ihn. Auf einem Schlepper erreicht er, zusammen mit dem Sprengkommando, Buenos Aires, wo die übrige Mannschaft ihn schon erwartet. »Tausend junge, lebendige Matrosen sind mir lieber als tausend tote Helden«, erklärt er den Reportern, die auf ihn eindringen.
In dem Gebäudekomplex am Hafen, der für die Einwanderer aus aller Welt errichtet worden ist, finden die Männer ein erstes Quartier; Deutschargentinier spenden Lebensmittel. »Passen Sie heute Nacht gut auf Ihren Kommandanten auf«, raunt ein Botschaftsangehöriger einem der Offiziere zu, er hat Langsdorff auf dessen Verlangen eine Pistole ausgehändigt.
Langsdorff wird in einem Hotel untergebracht. In der Nacht zum 20. Dezember fasst er einen letzten Entschluss. »Es steht für einen Kommandanten mit Ehrgefühl außer Zweifel«, schreibt er in seinem Abschiedsbrief, »daß sein persönliches Schicksal von dem seines Schiffes nicht zu trennen ist. Ich schob meine Entscheidung so lange hinaus, wie ich noch die Verantwortung für die Maßnahmen hatte, die das Wohlergehen der unter meinem Kommando stehenden Mannschaft betreffen. Ich kann keinen aktiven Anteil mehr an dem gegenwärtigen Kampf meines Vaterlandes nehmen. Ich bin glücklich, mit meinem Leben die Ehre der Flagge besiegeln zu können…«
Am Morgen wird er gefunden. In voller Uniform auf der Flagge der Admiral Graf Spee liegend, hat er sich erschossen. Seine Beerdigung in Buenos Aires gerät zu einem Weltereignis.
Über tausend junge Soldaten, nun unter dem Befehl des 1. Offiziers, Kapitän zur See Walter Kay, verursachen den argentinischen Behörden Unbehagen – bei aller Sympathie für Deutschland. Sie werden in Gruppen auf verschiedene Provinzen des riesigen Landes verteilt, die Offiziere kommen auf die Insel Martín García im Rio de la Plata.
Einige fliehen und schlagen sich auf abenteuerlichen Wegen nach Deutschland durch. Der Torpedo-Unteroffizier Hein Wild überlebt den Krieg auf dem Kreuzer Prinz Eugen, der 1. Artillerieoffizier, Korvettenkapitän Paul Ascher, geht im Mai 1941 mit dem Schlachtschiff Bismarck unter. Langsdorffs Adjutant Kurt Diggins wird U-Boot-Kommandant und Friedrich Wilhelm Rasenack 1. Wachoffizier auf dem Schlachtschiff Tirpitz, beide überleben die Vernichtung ihrer Schiffe.
Der Maschinengefreite Bernhard Dells kommt 1940 mit über 70 Kameraden in die Provinz Córdoba. »Wir waren ja keine Kriegsgefangenen«, erinnerte er sich später . »Wir konnten uns frei bewegen. Wir fanden schnell Anschluss, Arbeit und unsere Frauen. Deutsche Handwerker waren bestens angesehen und immer gefragt.« Doch kurz vor Kriegsende gibt Argentinien seine Neutralität auf und schlägt sich auf die Seite der Alliierten. »Von da an waren wir Kriegsgefangene.« Gleich nach der deutschen Kapitulation sollen sie aus dem Land.
Ihre argentinischen Frauen bestürmen die Gattin des neuen Präsidenten, Evita Perón – vergeblich. Im März 1946 werden alle mit dem britischen Passagierschiff Highland Monarch in das nicht mehr existierende Reich verfrachtet. Erst nach Jahren dürfen sie nach Argentinien zurück, in ihre neue Heimat.
Der Autor ist Kulturhistoriker und lebt in Köln
- Datum 13.12.2009 - 19:15 Uhr
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- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 10.12.2009 Nr. 51
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Man haette vielleicht erwaehnen sollen, dass die Schiffe mehr als nur die vorgeschriebenen 10.0000 Tonnen auf die Waage brachten. Die Panzerschiffe waren das erste Beispiel einer kontinuerlichen deutschen Tradition, die Begrenzungen teils sehr grosszuegig zu ueberschreiten. Die "Spee" lag 40% darueber, das ist keine Kleinigkeit.
Ausserdem hatte Langsdorff m.E. die gegnerischen Schiffe vor dem Gefecht nicht korrekt erkannt und die leichten Kreuzer fuer Zerstoerer gehalten, darauf basierend dann die Entscheidung zum Gefecht getroffen. Als er seinen Fehler bemerkte, war es nach seinem Ermessen (zweifellos begruendet) bereits zu spaet.
mal abgesehen davon, dass die Deutschen wohl nicht die Ausnahme sind, was die großzügige Interpretion von Grenzwerten angeht. Man ersetzt ältere Waffensysteme durch weniger, aber effizientere Waffensysteme und hat damit sowohl aufgerüstet als auch abgebaut.
mal abgesehen davon, dass die Deutschen wohl nicht die Ausnahme sind, was die großzügige Interpretion von Grenzwerten angeht. Man ersetzt ältere Waffensysteme durch weniger, aber effizientere Waffensysteme und hat damit sowohl aufgerüstet als auch abgebaut.
mal abgesehen davon, dass die Deutschen wohl nicht die Ausnahme sind, was die großzügige Interpretion von Grenzwerten angeht. Man ersetzt ältere Waffensysteme durch weniger, aber effizientere Waffensysteme und hat damit sowohl aufgerüstet als auch abgebaut.
...beide angesprochenen Punkte stehen nicht im Artikel, sonst haette ich es nicht geschrieben!
Das zweitere geht komplett fehl. Abgesehen davon, dass eine pauschale Diskussion um "weniger und effizienter" mit der Thematik nichts zu tun hat, hat Deutschland die Abruestungsauflagen als einziger Staat sehr grosszuegig ueberschritten. In dieser Hinsicht und zu jener Zeit waren sie eben sehr wohl die Ausnahme. Natuerlich waren sie staerker limitiert durch Versailles als der Rest durch Washington, aber das tut nun mal nichts zur Sache. Bemerkenswert ist das ueberdies, weil dieses Verhalten eben nicht erst mit dem militanten NS-Regime begonnen hat, sondern unter Weimar abgenickt wurde.
...der Halbsatz "sollten das Limit kaum ueberschreiten" ist mir nicht entgangen. Nur ist das entweder eine sensationelle Untertreibung oder mehr als nur irrefuehrend. Nach der Logik muss man die Schiffe schon doppelt so gross bauen wie erlaubt, um das Limit "massgeblich" zu ueberschreiten. Bei den Westmaechten findet sich zu jener Zeit kein einziger Entwurf, der vertragsgemaess so "grosszuegig" ausgelegt war.
...beide angesprochenen Punkte stehen nicht im Artikel, sonst haette ich es nicht geschrieben!
Das zweitere geht komplett fehl. Abgesehen davon, dass eine pauschale Diskussion um "weniger und effizienter" mit der Thematik nichts zu tun hat, hat Deutschland die Abruestungsauflagen als einziger Staat sehr grosszuegig ueberschritten. In dieser Hinsicht und zu jener Zeit waren sie eben sehr wohl die Ausnahme. Natuerlich waren sie staerker limitiert durch Versailles als der Rest durch Washington, aber das tut nun mal nichts zur Sache. Bemerkenswert ist das ueberdies, weil dieses Verhalten eben nicht erst mit dem militanten NS-Regime begonnen hat, sondern unter Weimar abgenickt wurde.
...der Halbsatz "sollten das Limit kaum ueberschreiten" ist mir nicht entgangen. Nur ist das entweder eine sensationelle Untertreibung oder mehr als nur irrefuehrend. Nach der Logik muss man die Schiffe schon doppelt so gross bauen wie erlaubt, um das Limit "massgeblich" zu ueberschreiten. Bei den Westmaechten findet sich zu jener Zeit kein einziger Entwurf, der vertragsgemaess so "grosszuegig" ausgelegt war.
...beide angesprochenen Punkte stehen nicht im Artikel, sonst haette ich es nicht geschrieben!
Das zweitere geht komplett fehl. Abgesehen davon, dass eine pauschale Diskussion um "weniger und effizienter" mit der Thematik nichts zu tun hat, hat Deutschland die Abruestungsauflagen als einziger Staat sehr grosszuegig ueberschritten. In dieser Hinsicht und zu jener Zeit waren sie eben sehr wohl die Ausnahme. Natuerlich waren sie staerker limitiert durch Versailles als der Rest durch Washington, aber das tut nun mal nichts zur Sache. Bemerkenswert ist das ueberdies, weil dieses Verhalten eben nicht erst mit dem militanten NS-Regime begonnen hat, sondern unter Weimar abgenickt wurde.
...der Halbsatz "sollten das Limit kaum ueberschreiten" ist mir nicht entgangen. Nur ist das entweder eine sensationelle Untertreibung oder mehr als nur irrefuehrend. Nach der Logik muss man die Schiffe schon doppelt so gross bauen wie erlaubt, um das Limit "massgeblich" zu ueberschreiten. Bei den Westmaechten findet sich zu jener Zeit kein einziger Entwurf, der vertragsgemaess so "grosszuegig" ausgelegt war.
…finde ich vor allem das Schicksal des Namensgebers Maximilian von Spee. Da opfert einer sein Leben und dazu das von über 2000 anderen Soldaten, einschließlich seiner beiden eigenen Söhne, für eine Sache. Diese Sache hieß Deutschland. Und die Deutschen der Nachwelt schütteln darüber nur verständnislos den Kopf und sagen: Was für ein Idiot…
hat der Autor denn hier abgekupfert und dabei falsch übersetzt? "Nur einige Fünfzig..." (2x50? 3x50? 4x50? 5x50?)heißt im Original wohl "some fifty ...". Korrekterweise müsste es also heißen "Nur etwa fünfzig (kleingeschrieben, bezieht es sich doch auf "Männer" im Satz zuvor) sind älter ...".
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