Jugendstrafrecht Suche nach Verbotenem
Mit seiner Forschung hat der Psychologe Laurence Steinberg das Jugendstrafrecht in den USA verändert. Im Interview erklärt er, warum Jugendliche ganz anders sind als Erwachsene
© Axel Griesch/Jacobs Foundation

Laurence Steinbergs Studien dienten als Begründung für die Abschaffung der Todesstrafe bei Jugendlichen
DIE ZEIT: Herr Professor Steinberg, vor wenigen Tagen haben Sie für Ihre Studien zur Entwicklung und zum Verhalten Jugendlicher den zum ersten Mal vergebenen Forschungspreis der Jacobs-Stiftung in Zürich erhalten. Er wird für Errungenschaften verliehen, die helfen, die Lebensumstände junger Menschen zu verbessern, und ist mit einer Million Schweizer Franken dotiert. Was werden Sie mit all dem Geld tun?
Laurence Steinberg: Ich werde es vor allem nutzen, um meine Forschungsfragen auch außerhalb der USA zu stellen. Ich möchte wissen, ob die Muster der Entwicklung von Jugendlichen, die wir in den USA gefunden haben, universal sind oder von bestimmten Kulturen abhängen. Deshalb plane ich weitere Forschungsprojekte in Europa, Asien, Afrika und Südamerika.
ZEIT: Bemerkenswert an Ihrer Arbeit ist das Ausmaß, mit dem Sie durch Ihre Forschungsergebnisse Einfluss auf politische Entscheidungen und vor allem auf die amerikanische Rechtsprechung genommen haben. Als das Oberste Gericht im Jahr 2005 die Todesstrafe für Minderjährige abgeschafft hat, zitierten die Richter in ihrer Entscheidungsbegründung mehrmals Ihre Studien. Was waren die wichtigsten wissenschaftlichen Argumente?
Steinberg: Wir haben durch die Verhaltensforschung und die Neurowissenschaften inzwischen sehr gute Beweise dafür, dass sich Jugendliche in der Adoleszenz fundamental von Erwachsenen unterscheiden. Die Unterschiede sind signifikant genug, um eine andere Rechtsprechung und Bestrafung für Jugendliche einzufordern. Sie sollten nicht mit Erwachsenen gleichgesetzt werden. Auf anderen Gebieten der Rechtsprechung geht man schon länger davon aus, dass Heranwachsende nicht so reif sind wie Erwachsene: Sie dürfen selbstverständliche bis zu einem gewissen Alter nicht Auto fahren, sie dürfen nicht wählen und keinen Alkohol kaufen. Deshalb verwundert es mich, dass sich die Gesellschaft so schwer damit tut, diese Unterschiede auch vor Gericht anzuerkennen.
ZEIT: Was haben Ihre Studien gezeigt?
Steinberg: Vor allem Dinge, die Eltern und Lehrer längst wissen: Jugendliche reagieren impulsiver, sind risikobereiter und werden stark von ihren Freunden beeinflusst. Unsere Studien konnten belegen, dass sich die Gehirne von Erwachsenen und Minderjährigen in wichtigen Bereichen unterscheiden. Viele Minderjährige sind aufgrund ihrer geistigen Entwicklung nicht in der Lage, die vollen Konsequenzen ihres Tuns abzuschätzen.
ZEIT: Haben Sie dafür Experimente mit Jugendlichen gemacht?
Steinberg: Ja, wir baten Jugendliche, zu uns ins Labor zu kommen und zwei Freunde mitzubringen. Sie hatten dann am Computer einen bestimmten Test durchzuführen und durften das allein oder in Anwesenheit ihrer Freunde tun. Es stellte sich heraus, dass die Jugendlichen doppelt so risikobereit waren, wenn ihre Freunde in ihrer unmittelbaren Nähe waren. Bei Erwachsenen dagegen hatte die Anwesenheit von Freunden überhaupt keinen Einfluss. Wir haben dann die gleichen Experimente noch einmal gemacht und dabei Bilder von den Gehirnen der Probanden aufgezeichnet. Es wurde deutlich, dass die Anwesenheit von Freunden bestimmte Hirnareale aktiviert, und zwar jene, die dazu anregen, besonders Riskantes und Verbotenes zu suchen und auszuprobieren. Diese Effekte gibt es bei erwachsenen Gehirnen überhaupt nicht.
- Datum 10.12.2009 - 18:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.12.2009 Nr. 51
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"Deshalb verwundert es mich, dass sich die Gesellschaft so schwer damit tut, diese Unterschiede auch vor Gericht anzuerkennen."
Das verwundert mich eigentlich nicht so sehr, wird eine gerichtlich verordnete Bestrafung doch - so vermute ich zumindest - von vielen als Rache für begangene Taten betrachtet. Und Rache hatte noch nie sonderlich viel mit Verständnis zu tun.
es sind noch nicht Erwachsene, auch wenn der Kopf voll mit Gewaltmüll sein kann. Hier sind wie bei uns die Psychologen in der Schule und früher gefragt. Die Eindämmung der Gewalt im Leben und in den Medien. Ein ganz eigenes US-Problem. viereggtext
ich frage mich, ob einige leute irgendwie als "erwachsene" auf die welt gekommen sind. eigentlich, so dachte ich, war jeder mal ein "jugendlicher" gewesen. und wenn ich heute so mit gehirn über die damalige zeit nachdenke, ja da bekomme ich schon raus was ich damals gedacht hatte. komisch.
aber schön daß es leute gibt, die sich mit so etwas professionel auseinandersetzen. mit gehirn. aber etwas befremdlich kommt es schon rüber.
soll bahnbrechend neu sein?Wir haben doch seit langem ein Strafrecht,das Jugendliche anders bestraft als Erwachsene bestraft werden.In den USA ist vielleicht eine unglaublich neue Erkenntnis,ansonsten wuerde ich es eher als "alten Hut" bezeichnen.
...siehe kommentar #6
...siehe kommentar #6
dass endlich einmal ein artikel den kern der sache trifft,
und dabei sind es so banale und offensichtliche tatsachen, die genannt werden.
Man stelle sich nur einen Moment vor, unser Jugendstrafrecht würde analog den Erkenntnissen obigen Professors reformiert. Was für ein verheerendes Signal ginge davon an Heranwachsende aus? Alles halb so schlimm, kannst nichts dafür, alles vergeben, gegen gruppendynamische Prozesse ist nun mal kein juveniles Kraut gewachsen?!
Gibt es denn hierzulande nicht schon genug Nachsicht gegenüber jugendlicher Delinquenz? Hier wird juristische Rücksicht genommen, dass es einem zuweilen die Zornesröte ins Gesicht treibt. Selbst Serientäter kommen nach der 15. oder 20. Tat mit ´ner Bewährungsstrafe davon. Eine schwere Kindheit wird per se zugute gehalten, ´ne gute Prognose wirkt allemal strafmildernd und die Volljährigkeitsgrenze verschiebt man bei den jungen Taugenichtsen nicht mal selten hinter die zwanziger Marke.
Ja, welche Vergünstigung, welcher Strafbonus darf´s denn noch sein? Vor allem aber: was soll`s bewirken? Glaube doch niemand, mit so´nem watteweichem Getue ließe sich die Jugendkriminalität wirksam bekämpfen oder ihre statistische Rate signifikant senken!
Und ein Letztes: Verliert bei den wohlwollenden Täterbetrachtungen nicht völlig die Opfer aus dem Blick! Auf dem Gebiet liegt nämlich weit mehr im Argen als auf Seiten der Delinquenten und deren gerechter Bestrafung!
...siehe kommentar #6
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