DIE ZEIT: Im Herbst 2004 haben wir uns getroffen, um über Integration und Bildung zu sprechen. Wenn Sie auf die fünf Jahre seitdem zurückblicken: Ist unsere Gesellschaft weitergekommen?

Timur Husein: Integrationsgipfel und Islamkonferenz waren historische Ereignisse. Das hat uns weitergebracht. Und politisch gesehen, ist Integration als Chefsache anerkannt worden.

Hülya Ateş: Gesellschaftlich aber hat sich wenig verändert. Mag sein, dass man nicht mehr von Ausländern redet, sondern von Migranten. Trotzdem fühle ich mich als Ausländerin behandelt.

Bilge Buz: Das, was die Politik mit gutem Willen vorantreibt, scheint bei der Zielgruppe, den noch nicht integrierten Migranten, nicht wirklich anzukommen. Vielleicht muss man in den Prozess mehr türkischstämmige Vermittler einbauen.

ZEIT: Stimmt die Balance zwischen Fordern und Fördern, gibt es genügend Angebote vom Staat?

Husein: Auf jeden Fall. Es ist an den Migranten, den nächsten Schritt zu tun. Möglicherweise bedarf es dazu sogar eines gewissen Zwangs. Leicht wird das nicht: Was gab es für einen Aufschrei in der Türkischen Gemeinde, als die Neuregelungen zum Ehegattennachzug eingeführt wurden, also der verpflichtende Sprachtest.

Buz: Ich weiß nicht, ob Zwang die richtige Lösung ist. Eigentlich sollten die gesellschaftlichen Verhältnisse doch so sein, dass die Migranten Deutsch lernen, weil sie es wollen, weil sie gern hier leben. In Wirklichkeit aber sprechen viele auch nach 20 Jahren Deutschland kein Wort Deutsch. Sie leben in ihren Vierteln in ihrer eigenen kleinen Welt, alles, was sie im Alltag brauchen, läuft auf Türkisch.

Husein: Natürlich muss man differenzieren. Ich glaube, dass sich für die nächsten Jahre folgendes Szenario abzeichnen wird: Eine große Gruppe wird voll integriert sein, und es wird eine große Gruppe geben, die den Anschluss verpasst, egal welche Angebote der Staat macht. Die sind verloren.

ZEIT: Ist das nicht allzu pessimistisch gedacht?

Buz: Ich glaube auch, dass es im Prinzip so kommen wird. Allerdings wird es keine so große Gruppe sein, die den Anschluss verpasst.

Ateş: Ich möchte auf die Ursachen zu sprechen kommen. Der Staat hat die Ghettoisierung nicht nur zugelassen, es wurde den Leuten sogar schwer gemacht, aus den Ghettos rauszukommen. Ich kenne das aus meiner eigenen Familie: Mein Bruder ist mit seiner Frau aus einem Türkenviertel fortgezogen. Beide können sehr gut Deutsch, in ihrer neuen Nachbarschaft haben die Leute aber angefangen, Unterschriften zu sammeln, um sie zum Gehen zu bewegen. Nur eine Familie im Haus hat nicht unterschrieben. Mein Bruder und seine Frau sind trotzdem geblieben.

ZEIT: Wie haben Sie die umstrittenen Aussagen des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin empfunden, der mit drastischen Worten den vermeintlich fehlenden Integrationswillen vieler Migranten kritisiert hatte?