Kohlestifte kratzen auf Papier. Die Luft ist verbraucht. Mehr als 50 Studenten stehen hinter einer Staffelei oder hocken mit einem Zeichenbrett auf den Knien. Niemand spricht. Alle schauen auf eine nackte Frau in der Mitte des Zeichensaales auf einem niedrigen Podest. Hinter den Studenten steht eine Frau mit hochgesteckten Haaren. Sie tritt niemand zu nahe, nach ein paar Minuten sagt sie leise: »Bitte zum Ende kommen.« Ruth Tesmar gibt einen Aktzeichenkurs.

Diese Professorin ist im deutschen Universitätsbetrieb eine Ausnahme. Ruth Tesmar ist Universitätszeichenlehrerin an der Berliner Humboldt-Universität, und sie bietet Aktzeichnen nicht nur für Kunststudenten an. Dies geht auf eine alte Tradition zurück, die heutzutage an kaum einer Universität mehr gepflegt wird.

Im 17. und 18. Jahrhundert gaben nicht nur Professoren, sondern auch »Exercitienmeister« Unterricht. Sie lehrten Fächer wie Reiten und Tanzen, Turnen und Fechten, Musik und Zeichnen. Die Studenten sollten »durch sinnliche Wahrnehmung und eigene handwerkliche oder künstlerische Erprobung« lernen, schreibt der Kieler Kunstgeschichtler Uwe Albrecht. Als Wissenschaft wurde Kunstgeschichte erst viel später betrieben.

Am schönsten ist eine Zeichnung immer in der ersten Minute
Ruth Tesmar, Zeichenlehrerin

In Berlin gab es nur während einer kurzen Zeitspanne Zeichenlehrer: von 1912 bis 1945. Der erste Meister hieß Adolph Meyer und unterrichtete seine Studenten im Museum. Auch eine alte Tradition, denn vor der Erfindung und Verbreitung der Fotoapparate wurden Zeichner zum Dokumentieren gebraucht, etwa auf Exkursionen. »Heute nimmt keiner mehr seinen Zeichner mit – dabei täten sie gut daran«, findet Ruth Tesmar

Viele Ornithologen etwa bevorzugen gezeichnete Bestimmungsbücher, weil Vögel nach diesen oft einfacher zu erkennen sind als nach Fotos. »Weil man beim Zeichnen auswählt«, erklärt die Professorin.

Wer auswählen wolle, müsse das Wichtige erkennen. Konzentriert sehen! Das soll man beim Zeichenunterricht lernen. Tesmar betrachtet ihren Unterricht als »ganzheitliche Bildung im Humboldtschen Sinne«.

Den Studenten gefällt’s, auch wenn es anstrengender ist als erwartet. »Alle sind immer ganz müde danach«, sagt Ruth Tesmar. »Zu Anfang wollen sie immer ganz lange zeichnen, zwanzig Minuten, aber ich gebe ihnen nur vier bis fünf Minuten, sonst setzen sich die Fehler fest. Am schönsten ist eine Zeichnung immer in der ersten Minute.«