Blaue Haut, gelbe Augen, drei Meter hoch: James Camerons ästhetische Vision von extraterrestrischem Leben © 20th Century Fox

Wie verrückt muss man sein, um als Regisseur über fünfzehn Jahre hinweg einen Film zu verwirklichen, der von allen Kinomaßstäben so weit entfernt ist, dass dafür erst eine neue Technologie entwickelt werden muss? Und wie besessen, um über all diese Jahre hinweg an eine Vision zu glauben, die, alle Kosten eingerechnet, etwa eine halbe Milliarde Dollar verschlungen haben dürfte?

Dass James Camerons Science-Fiction Avatar ein wirklich visionärer Film geworden ist, liegt daran, dass sein Macher zu einer raren Hollywood-Spezies gehört: der des megalomanischen Autorenfilmers. Bei diesem Film gehen die Augen des Betrachters von Anfang an ein wenig weiter auf angesichts einer Science-Fiction-Welt, in der sich hyperbrillante, mit beiläufiger Eleganz inszenierte 3-D-Bilder und eine exzessiv überbordende, detailbesessen ausgemalte Fantasiewelt verbinden.

Avatar spielt im Jahr 2051 auf dem Planeten Pandora. Weil sie an die Rohstoffe des Planeten gelangen wollen, geraten die Menschen (also die Amerikaner) in Konflikt mit dem dort lebenden Naturvolk der Na’vi: drei Meter hohen Wesen mit langen Schwänzen, gelben Augen und blauer Haut, deren athletische Statur entfernt an die Massai erinnert. Eine wissenschaftliche Fraktion der Invasoren versucht die »Wilden« mit sogenannten Avataren – mental von Menschen gesteuerten Kopien der Ureinwohner – zu unterwandern und zu verstehen. Das Militär hingegen möchte den Na’vi, die doch nur ihren Lebensraum verteidigen, auf übliche Weise beikommen: »Fight the terror with terror!« Anspielungen auf den Irakkrieg und andere Invasionen sind beabsichtigt, doch der Kritik am US-Imperialismus gelingt es, sanft in die Filmwelt zu diffundieren.

In Avatar ist die Computertechnik einmal nicht das uninspirierte Mittel zur Fortschreibung herkömmlicher Kinofantasien. Sie ist das Medium, das die Fantasie erst zum Abheben bringt, kurz: ein Zauberkasten für James Cameron. Sein Planet Pandora ist ein verwunschenes Reich, bewachsen von einer tropisch-fluoreszierenden Flora aus wolkenhohen Riesenbäumen und spätimpressionistischem Grün. Dieser Regenwald wird bevölkert von einer Tierwelt, die die digitale Morphologie als Schöpfer einer unbegrenzten Artenvielfalt präsentiert: insektenhaften Panthern, furchterregenden Vogelechsen, zart dahinschwebenden Flugquallen, Kreuzungen aus Pferd und Kolibri, Wolf und Kiementier. Es ist, als hätte Cameron die Schöpfungsgeschichte noch einmal auf LSD geschrieben.

Schon immer hat James Cameron, diese Mischung aus Hollywood-Haudegen und technikbegeistertem Spielkind, kreativem Dickkopf und Traumfabrik-Pionier, klassische Entertainment-Rezepte in ureigene Visionen überführt. Schon immer nutzte er Riesenbudgets und Computereffekte für Genre-Erkundungen und Geschichten – und nicht umgekehrt. Seine Terminator-Filme fanden mit einem selbstironischen Arnold Schwarzenegger zum Höhe- und Endpunkt des Vollstreckerkinos. Aliens – Die Rückkehr führte die Actionheldin Sigourney Weaver in eine überraschend psychoanalytische Tiefe. Titanic war das stilbildende Herzschmerzkino des zweiten Jahrtausends und der bis heute erfolgreichste Film aller Zeiten.

Für Avatar hat Cameron ein selbst entwickeltes 3-D-Aufnahmeverfahren mit der digitalen Motion-Capture-Technik kombiniert, bei der die Bewegungen realer Schauspieler per Computer sofort in die von Fantasiewesen umgerechnet werden. Doch der millionenschwere Technizismus hat hier nur einen Sinn: sich im fertigen Film vergessen zu machen. Und wirklich, man vergisst ihn. Man stürzt auf Flugdrachen in die Tiefe, gleitet an Lianen über horizontlose Schluchten, kämpft mit Pfeil und Bogen gegen haushohe Bulldozer, schmachtet mit einem Invasor und einer Blauhäuterin – und freut sich doch auch, wenn die ganz normal reale Sigourney Weaver als Wissenschaftlerin gierig an ihrer Zigarette zieht.

Etwas übertrieben wird in Avatar ein mystisches Grundraunen. Tatsächlich wirkt der Film mit seinen naturverbundenen Ureinwohnern, Schamanen-Chören und einer etwas penetranten »Alles muss im Gleichgewicht bleiben«-Botschaft stellenweise wie eine Mischung aus Ethno-Exkurs und Yoga-Sitzung.