Sprache Es beginnt mit dem Zeigefinger

Der Verhaltensforscher Michael Tomasello hat ein bahnbrechendes Buch über »Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation« geschrieben

Die kulturelle Entwicklung des Menschen vollzieht sich im Vergleich zur natürlichen Evolution der Arten in hohem, sich immer noch beschleunigendem Tempo. Nachdem das Größenwachstum des menschlichen Gehirns aufgehört hatte, sind kulturelle Lernprozesse an die Stelle der genetischen Anpassung getreten. Was anderen Tierarten fehlt, ist die generationenübergreifende Weitergabe symbolisch gespeicherten Wissens, das im Lichte neuer Erfahrungen revidiert und erweitert wird. Der Schimpansenforscher und Entwicklungspsychologe Michael Tomasello, der die gut erforschte Ontogenese als Schüssel für die Aufklärung der immer noch rätselhaften Phylogenese des Menschen benutzt, ist von diesem Phänomen ausgegangen. Zunächst hat er die sozialkognitiven Fähigkeiten, die für die Ausbildung und Umbildung von Traditionen nötig sind, an ihren frühkindlichen Wurzeln untersucht – dort also, wo Mütter ihre Kinder auf Objekte hinweisen, um ihnen etwas beizubringen.

Bereits in diesem vorsprachlichen Alter folgen ungefähr einjährige Kinder der Zeigegeste von Bezugspersonen und benutzen selber den Zeigefinger, um mit anderen ihre Wahrnehmungen zu teilen. Am Funktionieren dieser einfachen Geste entdeckte Tomasello eine triadische Beziehung, für die es bei Schimpansen keine Entsprechung gibt. Auf der horizontalen Ebene übernehmen die Beteiligten mit der Blickrichtung auch die Intention des jeweils anderen, sodass eine soziale Perspektive entsteht, aus der beide in vertikaler Richtung ihre Aufmerksamkeit zugleich auf das angezeigte Objekt richten. Auf diese Weise gewinnen sie von dem gemeinsam identifizierten und wahrgenommenen Gegenstand ein intersubjektiv geteiltes Wissen. Alsbald kommen nachahmende Gebärden für die Repräsentation von Gegenständen, auch von Objekten außerhalb der Sichtweite des Kindes, hinzu. Auf diesem Wege kann sich sukzessive ein gemeinsames Hintergrundwissen aufbauen, auf das sich die erweiterte Gestenkommunikation stützt.

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Offenbar bildet sich mit den in kommunikativer Absicht ausgetauschten Gesten beides gleichzeitig aus: die intersubjektive Beziehung zu anderen Personen und die intentionale Bezugnahme auf etwas in der objektiven Welt. Das scheint auch der sozialkognitive Kern für den Gebrauch einer grammatischen Sprache zu sein, die zugleich der Kommunikation miteinander und der Darstellung von etwas dient.

Diese Einsicht hat jedenfalls für jene einfallsreichen experimentellen Vergleiche des problemlösenden Verhaltens von Kindern und Schimpansen die Weichen gestellt, die Michael Tomasello und dessen Mitarbeiter seit etwa zehn Jahren am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie durchführen. Aus den ingeniösen Forschungen ist ein bahnbrechendes, vorzüglich ins Deutsche übersetztes Buch über Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation hervorgegangen. Im Hinblick auf die sozialkognitiven Fähigkeiten, die Homo sapiens für die Herausbildung von Kultur und Gesellschaft im Laufe der langen Periode der Hominisierung erworben haben muss, klafft ja zwischen der ersten, durch Gesten vermittelten gemeinsamen Wahrnehmung und einer vollständig ausgebildeten soziokulturellen Lebensform eine große Lücke. Ungelöst ist immer noch das uralte Problem, an dem sich auch die Philosophie spätestens seit Herder die Zähne ausbeißt: Wie die Sprachen entstanden sind, die eine uns geläufige kommunikative Handlungskoordinierung und arbeitsteilige Kooperation möglich gemacht und damit einen völlig neuen Modus der Vergesellschaftung ins Leben gerufen haben.

Um eine solche interdisziplinäre Fragestellung anzugehen, ist die Zusammenführung der Entwicklungspsychologie mit Sprachforschung auf der einen, Primatenforschung auf der anderen Seite hilfreich. Hinsichtlich der linguistischen Seite wählt Tomasello keinen leichten Weg. Alle bekannten Umgangssprachen besitzen Grammatiken, die so kompliziert sind, dass das außerordentliche Tempo des kindlichen Spracherwerbs kaum als ein kontinuierlicher Lernvorgang vom Einfachen zum Komplexen zu erklären ist. Jedenfalls schien Chomskys durchschlagende Kritik an Skinners behavioristischer Theorie des Spracherwerbs Mitte der sechziger Jahre eher für die Annahme angeborener Mechanismen zu sprechen. Das erklärt einerseits den großen Erfolg der universalistisch angelegten transformationsgrammatischen Ansätze in der Linguistik, andererseits die anhaltende Suche nach den genetischen Grundlagen der Sprache in der Biologie.

Im Gegensatz dazu greift Tomasello auf die alte Theorie des Ursprungs der Sprache aus der Gestenkommunikation zurück. Damit nimmt er eine erhebliche Begründungslast in Kauf. Er muss die Struktur der Sprache auf die grammatische Verknüpfung einfacher semantischer Konventionen zurückführen und diese wiederum auf die Konventionalisierung von nicht vokalen Gesten, die eine evolutionär vorteilhafte Form der Kooperation ermöglichen. Der sozialpragmatische Ansatz erklärt nämlich die Entstehung der Sprache funktional aus der Lösung jener allgemeinen Kommunikationsaufgaben, die sich in kooperierenden Gruppen aus Problemen der Handlungskoordinierung ergeben.

Leser-Kommentare
  1. Dass frühe Hominiden wie andere Primaten ihre Interaktion und Kooperation – "Why we cooperate" ist der Originaltitel von Tomasellos Buch – mittels ihres reichen Arsenals an mimischen, gestischen und sonstigen körperlichen bis stimmlichen Ausdrucksmöglichkeiten gestaltet haben, erscheint selbstverständlich.

    Interessanter ist in der Tat der Unterschied und phylogenetische Übergang von Gestikulation zum intentionalen Gebrauch von Gesten, von Ausrufen zu gerichteten Zurufen, von zufälligem Sehen zu Anteil nehmendem Zusehen, von gelegentlichem Nachmachen zum absichtlichen Mitmachen, von imponierendem Beeindrucken bis Einschüchtern zu gezieltem Anregen oder Auffordern bis zum gemeinsamen Vor- und Nachmachen.

    Hierin dürfte der Unterschied zwischen genetisch präformierter, reflexhafter Interaktion und einer Kooperation bestehen, die von Beteiligten situativ eigenständig variiert oder sogar selbst ausgestaltet wird. Die hierzu nötigen Gedächtnisleistungen sind enorm und müssen bei Lebewesen, die in Horden von 50-150 Individuen gelebt haben sollen, früh schon außerordentlich entwickelt gewesen sein.

    Für einen sicheren und vor allem verständigen Gebrauch von Sprache und darauf gestützte Kommunikation bedarf es jedoch weit mehr als nur eines, von der Produktion von Lauten oder gelernten Lautfolgen begleiteten kooperativ gestalteten Interagierens. Sonst würde man sich schon mit Kleinkindern in den ersten Lebensjahren sprachlich austauschen können.

  2. Sprechen in einer Sprache und sie zu verstehen erfordert viel; vor allem beruht sie auf einer Fähigkeit, die möglicherweise überhaupt erst beim modernen Menschen auftritt oder nur von ihm in ausreichendem Maße entwickelt worden ist: unserer Vorstellungsfähigkeit.

    Erst sie ermöglicht uns ein "Erinnern". Nur sie erlaubt es uns, daran zu "denken", was wir erlebt haben. Erst und nur sie setzt uns imstande zu "imaginieren", was es nicht mehr gibt, uns nie Gesehenes "auszudenken", real nicht einmal Mögliches sich "einzubilden", Träume zu träumen und Visionen zu entwickeln. Erst und nur durch diese Fähigkeit sind wir nicht mehr an die basale, schon Tieren mögliche Gedächtnisleistung gebunden, erst beim Wiedererleben von etwas Bekanntem dieses wiederzuerkennen.

    Unser Vorstellungsvermögen ermöglicht uns auch das Umgehen und Hantieren mit Erinnerungen und damit gebildeten "Vorstellungen" oder Einzelheiten davon – einschließlich der Worte dafür, mit denen wir Erinnertes und Vorgestelltes "ausdrücken". Vorstellungsfähigkeit also hat "Sprache" möglich gemacht wie das, was wir unter "Denken" verstehen.

    Auf all das hat seit 1976 an sich schon der Psychologe Julian Jaynes in seinen Publikationen zum "Ursprung des Bewusstseins" aufmerksam gemacht. Da ich hierauf schon anderenorts verwiesen habe, kann ich mich hier darauf beschränken, dorthin zu verlinken.

  3. "Why We Cooperate" ist zwar ein Originaltitel, aber der des neuesten Buchs von Michael Tomasello; Habermas bezieht sich dagegen auf dessen älteres Werk "Origins of Human Communication" (dt. hier).

    Nach dem "Index" seines Buches Constructing a Language" sieht es nicht so aus, als hätte Tomasello bei seinen Überlegungen zur Entwicklung von Sprache diejenigen des Psychologen Julian Jaynes zur "Evolution of Language in the Late Pleistocene" (Annals of the New York Academy of Sciences Bd. 280: 1976 pp. 312-325) oder in seinem Buch zum "Ursprung des Bewußtseins" berücksichtigt.

    Wie Tomasello, nur drei Jahrzehnte früher ging auch Jaynes von der "Gruppenevolution" als evolutionärer Grundlage des "Ursprungs der Kultur" aus (S. 178ff der Datei), berücksichtigte dabei im Weiteren jedoch, dass zur eigenständigen Verwendung wie zum Verstehen von "Worten" als sinn- oder bedeutungsvollen Lautfolgen mehr nötig ist als auf Lautfolgen, die sich gleichen, auch auf "gleiche" Weise zu reagieren - ähnlich wie dressierte Hunde.

    Zum verständigen Sprechen in einer Sprache bedarf es nämlich jener Fähigkeit von uns, die wir als "Vorstellungsvermögen" bezeichnen. Diese besondere Fähigkeit ist vor wenigen Jahren - zwar ebenfalls ohne Bezug auf Jaynes' frühe Überlegungen, sie aber kongenial ergänzend und weiterführend - von dem Philosopheb Colin McGinn in seinem Buch "Mindsight" analysiert und in ihren Eigenarten wie Möglichkeiten beeindruckend genau beschrieben worden. Er zeigt, dass erst sie uns Erinnern ermöglicht und bis zur "Phantasie" all das, was für einen Austausch in "Sprache", also wirkliche und wirksame sprachliche Kommunikation nötig ist.

    • MHörz
    • 22.05.2010 um 1:12 Uhr

    Um gleich auf den Punkt zu kommen, meine ich, dass jedoch zwei Sichtweisen problematisch sind: die erste ist eine für mich zu stark positivistisch gefärbte Anlehnung an die Evolution. Zweitens ist der Ansatz zu komplex. Im Übrigen begehen ihn auch typischerweise die 'Intentionalisten' Grice und Searle, die in ihrer Meinung noch sehr cartesianisch sind.
    1. Zunächst ist zu unterscheiden, auf welcher Ebene man sich befindet. In der frühkindlichen Entwicklung gibt es noch keine konstituierten Gegenstände, auf die man hin- weisen könnte und auf deren Basis sich dann eine Kommuni- kation über und Interaktion mit ergäbe. Das kommt erst später. Mit Kant könnte man sagen, unsere Kommunikation richtet sich nicht nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände nach unserer Kommunikation. Kommunikation ist primär zeichenfrei und objektfrei. Dieser Atomismus, wesentliche Interaktionen vermitteln zu müssen, ist sekundär. Das ist wieder ein Komplexitätsfehler mit Folgen. Zeichen sind zunächst dyadisch.Vermittlung ist die Folge eines Cartesianismus oder ein späteres Stadium. Aber es ist nicht begründend.
    2. Zeigehandlungen sind stilisierte Greifhandlungen, die die aktive Näherung des begehrten Anderen wollen. Erst in der triadischen Epoche wird aus dem misslingenden Ergreifen des Objekts eine unterbrochene unerfüllte Handlung und demnach Zeigehandlung, die dem Anderen aus gleicher Bedürftigkeit begreiflich ist. Denn Bedürfnisse werden sozial konstituiert.

    • MHörz
    • 22.05.2010 um 1:13 Uhr

    Bedürfnisse gibt es nicht. Wie läuft das nun ab?
    3. Die Geburt ist zunächst hauptsächlich die Erfahrung der Trennung einer uteralen Einheit. Die fühlende Mutter wird das Kind unmittelbar zu sich nehmen und so diesen früheren Zustand so gut wie möglich wiederherzustellen. Unmittelbare Kommunikation. Die dyadische Beziehung. Kein Zwischen-zeichen, vielmehr ist die äußere Mutter die beste Repräsen-tantin des Kindes, das selbst Zeichen ist. Diese Mutter ist zeichenmäßig gesprochen die Bedeutung,in der Referenz und Bedeutsamkeit noch identisch sind. Da gibt es keine triadische Beziehung. Dieses Zusammensein ist die Zeicheninterpretation, in der sich die Zeichenhaftigkeit auflöst. Oder die unartikulierte Befriedigung des unartikulierten 'Bedürfnisses' Die Artikulation ist aber hierin angelegt, da die Befriedigung keine totale ist und auch nicht sein kann. Artikulation ist die Einheit der Differenz oder differenzierte Einheit. Und zwar in der Wiederholung. Die Wiederholung ist die Basis des Begriffs und der Objekte.
    Jedes Objekt und jeder Begriff ist nur begreifbar, weil er diese Einheit der Beziehung ist und die Differenz des Bedürfnisses. Jedes Objekt und Subjekt ist daher immer schon schwach artikuliert. Verständnis entsteht dann aus dem Manko der unvollkommenen Einheit durch die Wiederholung. Die unvollkommene Einheit erzeugt das neue Leiden, das neue Unbehagen, die neue kleine Geburt, notwendig.

    • MHörz
    • 22.05.2010 um 1:14 Uhr

    Mutter und Kind sind nicht identisch aus diesem
    emotionalen Grund, logisch weil sie in verschiedenen Räumen sind.
    In dieser Geburtstrennung ist Raum und Zeit noch identisch. Trennung ist Zeit und Raum.Nun erzeugt, wie gesagt diese Räumlichkeit oder Unvollkommenheit die neue Mangel- oder Bedürfnissituation.
    Die Mutter wird es wieder stillen und so weiter. Dieser Wechsel von Bedürfnis- und Befriedigungssituationen (oder besser von Unbehagen- und Behagenssituationen) ist die Basis der Entwicklung.
    Das Kind sammelt nun die relativen Befriedigungssituationen und bringt sie zusammen (Gedächtnis), in dem das Identische gesucht und erfunden wird. Es ersetzt sozusagen die mangelnde Qualität durch Quantität und verwandelt diese durch das Bedürfnis nach Einheit in eine neue Qualität.
    Dieses Erfinden ist aber nicht willkürlich, denn es hängt von den Handlungen der Mutter ab.
    Die Regelmäßigkeit und daher Möglichkeit für das Kind Einheit zu setzen ist notwendig, damit das Kind begreifen kann. Nehmen wir an, die Mutter hat dem Kind jedesmal die
    Flasche gegeben, ansonsten haben sich die Bedingungen verändert, Sonne, Regen, Geräusche, Stille etc. Die Einheit der Befriedigungssituationen erscheint dann als Mutter mit Flasche.Das Kind hat so aus diesem Wechsel sein"Prä"-objekt erzeugt und damit sein Unbehagen artikuliert als Bedürfnis nach Mutter mit Flasche.

    • MHörz
    • 22.05.2010 um 1:15 Uhr

    In diesen Begriff oder Objekt oder Bedürfnis, was alles hier das Gleiche ist, geht mit dem Gefühl und Wissen der Mutter natürlich die ganze Kultur und Gesellschaft mit ein. Bedürfnisse sind daher schon immer, wie Marx richtig gesehen hat, gesellschaftliche Bedürfnisse durch die Mutter vermittelt. Richtige Objekte sind sie natürlich erst in der Komplexität der Schnittlinien verschiedener Bedürfnisse begründbar, die ganz ähnlich sich aus diesem einen Bedürfnis herausdifferenzieren. Das will ich hier nicht angehen.Objekte sind daher immer schon sozial vermittelte Objekte und Kommunikation kann sich erst auf dieser Basis zu einer objektgestützten oder vermittelten ergeben. Und damit kann im nächsten Stadium die triadische Struktur sich entwickeln: in Zeichentheorie, in Kommunikation, in Interaktion, in Logik etc. Doch diese erste Ebene zu unterschlagen führt zu vielen Problemen, nicht nur in der Philosophie.

    Ihr Manfred Hörz
    P.S meine e-mail Adresse: [...]
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