FDP Die Unplüschige

Innen gefürchtet, außen unbekannt: Die FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger ist die Organisatorin der Regierungsmacht, keine Selbstdarstellerin. Das gefällt Westerwelle.

Seit Birgit Homburger die Büroräume von Guido Westerwelle in der sechsten Etage der Dorotheenstraße 101 übernommen hat, ist dort der Bär los. Westerwelle hat ihr eine mannshohe Deutschlandfahne hinterlassen, einen stattlichen Schreibtisch und meterweise leere Regalflächen. In einem der Regale sitzen nun, akkurat aufgereiht, Teddybären mit Knopfaugen und Militäruniform – ein Marinebär, ein Pilotenbär und auch ein Bär im Tarnanzug sind dabei.

Homburger hat ein Faible für Plüschbären, auch wenn sie selbst ganz und gar unplüschig ist. "Dass die Bären Uniform tragen, das passt zu ihr", sagt einer aus der FDP. "Der einzige Kerl in der baden-württembergischen FDP" sei sie. Und ihr Kasernenhofton ist in der Bundestagsfraktion schon jetzt berüchtigt. Homburger selbst sagt über sich: "Drumherumreden gibt es bei mir nicht, ich komme immer direkt zur Sache."

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Seltsam, dass eine wie sie, die doch immer direkt zur Sache kommt, öffentlich bisher kaum wahrgenommen worden ist. Dabei sitzt Birgit Homburger schon fast 20 Jahre im Bundestag, war umweltpolitische und später verteidigungspolitische Sprecherin, führt seit 2004 den Landesverband Baden-Württemberg und nun auch die Bundestagsfraktion der FDP. Damit besetzt sie nicht nur einen der wichtigsten Posten, den die Partei zu vergeben hat, sondern Birgit Homburger, die öffentlich meist Übersehene, tritt auch die direkte Nachfolge von Guido Westerwelle an, dem medial Allgegenwärtigen.

Wer also ist die Frau, die die größte FDP-Fraktion führen soll, die es je im deutschen Bundestag gegeben hat, die einer fremdelnden schwarz-gelben Regierung die Mehrheit sichern muss und die sich für Kampfteddys erwärmen kann? Und warum hat Guido Westerwelle ausgerechnet sie für den Fraktionsvorsitz ausgesucht?

Westerwelle hat schon bei ihren Eltern im Wohnzimmer übernachtet

Birgit Homburger ist keine Selbstdarstellerin – das ist selten in der Politik, und in einer Partei wie der FDP erst recht. Wer sich mit ihr zum Essen verabredet, der braucht ihr mit Prominenztreffpunkten wie dem »Einstein« gar nicht erst zu kommen. Homburger trifft man bei einem Italiener mit Achtziger-Jahre-Deko, Seniorengruppen und Mittagsbuffet in der Nähe ihres Büros. Unprätentiös, praktisch und schnell – das passt zu ihr, und ein bisschen auch das Achtziger-Ambiente.

Birgit Homburger ist der Anti-Guido – deshalb hat Westerwelle sie zur Fraktionsvorsitzenden gemacht. Homburger ist eine Funktionspolitikerin, eine Organisatorin der Macht. Manche nennen sie spröde, eine Parteisoldatin. Viele unterschätzen sie. Dabei könnte sich gerade das Uneitle und Unprätentiöse als Stärke erweisen, nun da es gilt, eine Fraktion zu führen, die sich nicht mehr in der Opposition profilieren, sondern als Teil der Regierung funktionieren muss.

"Guido Westerwelle und ich sind zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten", sagt Birgit Homburger, wenn man sie nach dem Parteivorsitzenden fragt. Er mag Kunst, sie mag Fußball. Sie kennt Westerwelle schon lange, noch aus den Zeiten bei den Jungen Liberalen. Früher haben sie sich auf Juli-Kongressen getroffen, und er hat auch schon mal im Schlafsack im Wohnzimmer ihrer Eltern übernachtet. Doch niemals würde Birgit Homburger mehr über ihr Verhältnis zu Westerwelle verraten, überhaupt spricht sie ungern über den Parteichef. Birgit Homburger ist loyal, das hat sie zur mächtigsten Frau in der FDP gemacht: Sie gehört zu den wenigen, denen Guido Westerwelle vertraut.

Birgit Homburger

Birgit Homburger wurde in Singen am Hohentwiel bei Konstanz geboren. Die 44-Jährige ist diplomierte Verwaltungswissenschaftlerin. Sie hat ihre politische Karriere in den achtziger Jahren bei den Jungen Liberalen begonnen, deren Bundesvorsitzende sie von 1990 bis 1993 war. Seit 1990 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestags.

Als 2004 der baden-württembergische FDP-Vorsitzende und Wirtschaftsminister Walter Döring wegen einer Finanzaffäre zurücktreten musste, übernahm Homburger die Führung des Landesverbands. Sie erwarb sich den Ruf, der »einzige Kerl« in der Baden-Württemberg-FDP zu sein. Seit Oktober ist Birgit Homburger Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion.

Die Nudeln auf Birgit Homburgers Teller versinken nach und nach in der Tomatensauce, sie kommt einfach nicht zum Essen, weil ihr Handy ständig klingelt. Immer informiert zu sein, das ist die zweite Koordinate im Machtsystem Homburger. Über Themen und über parteiinterne Vorgänge. Nichts nervt sie mehr als Kollegen, die inhaltlich nicht vorbereitet sind, und nichts fürchtet sie mehr, als über Interna nicht Bescheid zu wissen. Das hat viel mit ihren ersten Erfahrungen in der Bundespolitik zu tun. Homburger war 25 Jahre alt, als sie in den Bundestag einzog. Sie ist in einer FDP sozialisiert worden, in der ein Klub gesetzter Herren das Sagen hatte, Herren wie Hans-Dietrich Genscher, Otto Graf Lambsdorff und Wolfgang Mischnick. Als Neuling in dieser satten Honoratiorenpartei zu bestehen, auch das verbindet sie mit Westerwelle.

Aus dieser frühen Zeit gibt es eine Geschichte über Birgit Homburger, die dem Klischee »weiblich, jung und unerfahren« entspricht, in das sie manche damals zwängen wollten. Sie war umweltpolitische Sprecherin, in der FDP damals ein Randthema. Doch dann war ein Staatssekretärsposten im Umweltministerium zu besetzen. Nachdem sie erfahren hatte, dass ein Parteikollege den Posten bekommen würde, soll sie im Büro von Klaus Kinkel in Tränen ausgebrochen sein. "So ein Quatsch", sagt Birgit Homburger heute. Ja, sie habe Kinkel in seinem Büro eine Szene gemacht, aber nicht, weil sie selbst Staatssekretärin habe werden wollen, sondern weil sie erst von einem CDU-Mann erfahren habe, dass die FDP überhaupt den Zuschlag für dieses Amt bekommen hatte. "Als unwissend dazustehen, das ist eine Blamage", sagt sie. Und so hat sie früh für sich entschieden, dass gute Parteiarbeit vor allem bedeutet, viel mit den Parteifreunden zu reden.

Nun darf man sich Homburgers Verständnis von Reden nicht als netten Plausch auf dem Flur oder kreative Diskussionsrunde bei einer Tasse Kaffee vorstellen. "Sich Kenntnis über die Lage verschaffen, die Lage analysieren und dann handeln", so beschreibt Homburger die Methode Homburger. "Sie verhandelt nicht, sie macht Ansagen", so beschreibt die Fraktion die Methode Homburger. Das macht verständlich, warum manche meinen, dass Bären in Militäruniform zu ihr passen.

Wer Ansagen macht, der bekommt auch Widerspruch. Birgit Homburger kann den ganz gut aushalten. Sie will in der Partei respektiert werden, muss aber anders als Westerwelle nicht unbedingt geliebt werden. Als es um die Besetzung der Parlamentarischen Geschäftsführer ging und es weitaus mehr Bewerber als Plätze gab, hat ein Parteikollege ihr geraten, die Zahl der Posten zu erhöhen. Dann müsse sie nicht so viele Absagen erteilen. Sie hat nicht erhöht, sie hat Absagen erteilt. Homburger hat kein Problem damit, unbequem zu sein.

Nur warum hat man bislang kaum etwas von ihr gehört? Sie sei zwar fleißig, aber verliere sich allzu oft im Klein-Klein, sagen ihre Kritiker. Sie habe sich in den Themenfeldern, für die sie als Sprecherin verantwortlich gewesen sei, zwar ein ungeheures Fachwissen angeeignet, aber es sei ihr nicht gelungen, der Partei in diesen Bereichen auch ein Profil zu geben.

Die große Linie, der konzeptionelle Überbau – sie liegen ihr nicht

Als es bei den Koalitionsverhandlungen in der verteidigungspolitischen Arbeitsgruppe um eine mögliche Zusammenlegung der Mandate zur Terrorismus- und Pirateriebekämpfung am Horn von Afrika ging, war Homburger die Einzige in der Runde, die die Daten parat hatte, wann die einzelnen Mandate in Kraft getreten waren. Doch Detailwissen allein macht noch kein politisches Konzept. Als die USA nun forderten, Deutschland solle seine Truppen in Afghanistan aufstocken, sagte Homburger: "Wir sind nicht bereit, uns unter Druck setzten zu lassen." In solchen Momenten schmilzt Weltpolitik auf Homburger-Größe zusammen.

Die große Linie, der konzeptionelle Überbau, die markante Rede, sie liegen ihr nicht. Dennoch könnte sich gerade das Klein-Klein der Birgit Homburger als Chance für die FDP erweisen. Schließlich war die Fraktion unter Westerwelle zu einer Ein-Mann-Veranstaltung geworden. Mit ihrer Korrektheit und ihrer Detailversessenheit kann Homburger die Fraktion zwar von innen führen, aber nicht nach außen dominieren. Das scheint ihr bewusst zu sein. Die neue Fraktionsvorsitzende hat die Lebensläufe aller 93 FDP-Abgeordneten durchgesehen. Nicht nur, weil sie fleißig ist und informiert sein will, sondern weil sie in der FDP endlich wieder Themen mit glaubwürdigen Gesichtern in Verbindung bringen will. "Ich will das Bild der FDP verbreitern, und zwar weit über die Regierungsmitglieder hinaus", sagt sie. Herrschen durch Teilhabe, so will sie führen – und wohl auch ihre Schwäche im öffentlichen Repräsentieren kaschieren.

Der Start als Regierungspartei ist für die FDP nicht gut gelaufen. Es gebe nun mal Einzelne, die immer wieder Vereinbarungen infrage stellten oder den Koalitionsvertrag in ihrem Sinne interpretierten, sagt Homburger. Sie hat deshalb in der letzten Fraktionssitzung eine "Ansage" gemacht. Wie Fraktionsdisziplin funktioniert, das führt die Vorsitzende selbst mit ihren Äußerungen zur Mehrwertsteuersenkung in der Hotelbranche vor. Viele in der Fraktion halten dieses Vorhaben für finanzpolitischen Unsinn, Homburger aber verteidigt es. Vielleicht, weil sie aus Baden-Württemberg kommt und die FDP dort mit diesem Thema ordentlich Wahlkampf gemacht hat, vielleicht auch, weil sie von der Sache überzeugt ist, ganz sicher aber, weil es im Koalitionsausschuss so beschlossen worden ist.

Sicher ist auch, dass die großen strittigen Themen, etwa die Steuerreform, der schwarz-gelben Koalition erst noch bevorstehen und Homburger ihrer Fraktion dann wirkliche Kompromisse wird abverlangen müssen. Spricht man sie darauf an, sagt sie nur: "Was im Koalitionsvertrag vereinbart ist, wird auch umgesetzt." Das allerdings ist keine Ansage. Eher eine Ausrede.

 
Leser-Kommentare
    • keox
    • 14.12.2009 um 18:32 Uhr

    so wie es sich liest, wirklich eine Parteisoldatin ist, so ist sie mir herzlich unsymphatisch.

    Deutschland sollte eine demokratische Regierung haben, keine Versammlung von Befehlsempfängern von Seiten Dritter.

    • th
    • 14.12.2009 um 20:03 Uhr

    ein Grosssprecher, welcher damit seine Unsicherheit überdeckt, im Hintergrund eine detailversessene Parteisoldatin, dazu das überraschend gute Wahlergebnis - da wird klar, warum die FDP so auftritt, als ob sie vor Kraft nicht laufen könnte.

    Wenn das man gutgeht ...

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