Konjunktur Abgrundtief
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Ende eines lukrativen Kreislaufs

So viele Risiken – und doch nur eine gewöhnliche Krise? Ja, aber die Situation ist besonders dynamisch und explosiv zugleich. Früher gab es nicht zwei Milliarden aufstrebende Menschen in den Schwellenländern, die für zusätzliches Wachstum sorgten. Einerseits. Andererseits war die Weltwirtschaft auch nicht so bedroht durch Rohstoffpreise, die im nächsten Aufschwung explodieren dürften. Und ihr stärkster Pfeiler, die Wirtschaft der USA, war noch nie so geschwächt. Gerade für die Exportnation Deutschland wird das zum Problem.

Der deutsche Aufschwung zwischen 2005 und 2008 war auch die Folge einer Art zweiten Marshallplans. Grob gesagt, verschuldeten sich die Vereinigten Staaten in aller Welt und kaufte mit dem geliehenen Geld die Waren aus aller Welt. Wichtiger noch: Die Asiaten produzierten Güter für Amerika mit immer neuen Maschinen von deutschen Herstellern. Erst die Finanzkrise beendete diesen für Deutschland so lukrativen Kreislauf, und die hiesige Exportwirtschaft erlebte den schlimmsten Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg.

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Das Problem: »In den kommenden Jahren werden die USA ihre wichtige Konsumentenrolle für die Welt nicht mehr spielen«, sagt Thomas Straubhaar. Die US-Bürger müssten sparen, so der Chef des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Der Staat? Hat sich so verschuldet, dass auch er nicht als großer Nachfrager auftreten kann. Die Wirtschaft? Angesichts des schwachen Dollar werden Importe aus Deutschland vielfach zu teuer – weshalb etwa Daimler die Produktion der Mercedes C-Klasse teilweise in die USA verlagert.

Die deutschen Exporteure müssen sich neu ausrichten. Der gebürtige Schweizer Straubhaar hat da eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute lautet: Deutschlands Industrie sei auf breiter Basis erstaunlich innovativ. Sie habe neue Produkte für die Weltmärkte entworfen, die Herstellungsprozesse modernisiert, und bemerkenswert nachhaltig wirtschafte sie auch. Die schlechte: Wachstum gebe es künftig vor allem in den Schwellenländern, von China über Russland bis Brasilien. Viele Mittelständler müssten sich in diesen fremden Ländern erst noch durchsetzen.

Das Bemerkenswerte an diesen Zeiten sind nicht nur die einzelnen Gefahren. Vielmehr zeichnet sich ein schwieriges Muster ab: Läuft es einige Wochen gut, kommen neue Risiken hinzu. Die Weltwirtschaft tickt längst nicht wieder synchron. Am Ende steht sogar das Szenario einer neuen Megablase, geschaffen durch entfesselte Banken, die mit Billiggeld der Zentralbanken weltweit die Kurse und Preise explodieren lassen.

Die größte Inflationsgefahr droht aus Amerika. Innerhalb weniger Jahre könnten die USA auf dem Weg steigender Preise ihre Schulden der Welt gegenüber vermindern, warnt Kenneth Rogoff, denn die Alternative – höhere Steuern – sei im Land verhasst. Inflation erzeugen, den Dollar abwerten, diese Reaktionen auf hohe Schulden kenne man schon aus der Zeit des Vietnamkriegs, sagt auch HWWI-Chef Straubhaar. Da heiße es dann wieder: Der Dollar ist unsere Währung und euer Problem. Zumal die US-Zentralbank anders als ihr europäisches Gegenstück nicht bloß dem Geldwert, sondern auch dem Wachstum verpflichtet sei und sie stark vom US-Finanzministerium beeinflusst werde. Sollte Amerika aber tatsächlich einmal mehr auf Inflation setzen, würde diese auch nach Europa schwappen, befürchtet Straubhaar. All das macht die deutsche Wirtschaftspolitik für Jahre zu einem Jonglierkunststück zwischen Wachstums- und Gefahrenpolitik. Die Bundesregierung muss diplomatischen Druck auf schlecht haushaltende Staaten ausüben – sie gleichzeitig aber um jeden Preis vor der Pleite bewahren. Sie muss die Banken stärker maßregeln – ohne deren Geschäfte abzuwürgen. Sie muss mehr Geld für Bildung und Weiterbildung ausgeben, muss Innovationen und Gründungen leichter und Deutschland auf diese Weise unabhängiger vom Export machen – wohl wissend, dass diese Strategie Zeit braucht und das Geld knapp wird. Politik für gefährliche Zeiten müsse darauf abzielen, die Menschen anpassungsfähiger zu machen, sagt der Kieler Ökonom Snower.

Gemessen daran, verwendet die schwarz-gelbe Koalition zu viel Energie darauf, zum Beispiel die Mehrwertsteuer für Hoteliers zu senken. »Schlicht gestrickt« nennt Ökonom Straubhaar das Wachstumsbeschleunigungsgesetz, das am Freitag kommender Woche durch den Bundesrat soll.

Die Chance, sich von der Klientel-Bedienung zu verabschieden, kommt im Mai 2010, und zwar mit einem Doppelschlag. Am 9. Mai wird in Nordrhein-Westfalen gewählt; gleichzeitig steht die nächste Steuerschätzung an, die noch einmal verdeutlichen wird, wie eng die finanziellen Spielräume der Regierung sind. Motiv und Gelegenheit in einem: Das wäre ein Stichtag für die Kanzlerin mit ihrem berühmtem Riecher für Risiken.

 
Leser-Kommentare
  1. auch nur annähernd das System behandeln, welches im ein Leben in Ruhe und Wohlstand ermöglicht.

    Und so warten wir eben noch weiter auf Weltverbesserer und andere Hoffnungsträger, um am Ende zu merken, dass man machnes lieber selber macht, wenns was werden soll.

    • kkr
    • 11.12.2009 um 10:44 Uhr

    mehr fällt mir nicht ein. Es zeigt sich immer mehr das das gesamte westliche kapitalistische System in einer großen Krise ist, und die Gewinner der Krise woanders sitzen.

    Auch die USA wird noch merken, das der schwache Dollar ihr Problem ist, wenn keiner mehr ihnen Geld borgen will. Wer Dollar-Bonds hat, dem ist sowieso nicht zu helfen.

    Und Euroland muß mit seinen "PIGS" fertig werden, ohne den Euro zu ramponieren. Übrigens hat genau das Greenspan schon vor Euro-Einführung vorausgesehen.

  2. Das wichtigste Problem der Krise und der Gefahren, die jetzt kommen koennten wird wieder mal nur am Rande thematisiert:
    Die Rolle der Zentralbanken, hier insbesondere die der amerikanischen FED.
    Solange dieses Institut weiterhin unter dem starken Einfluss der US-Regierung steht und im Sinne der Krugman-Ideologie dazu missbracuht wird, aktiv in die Wirtschaft einzugreifen und die Verschuldung hemmungslos zu erhoehen (heute in der NY Times nachzulesen), wird sich das Problem der Inflation erhoehen und die Wirtschaft wieder in Schieflage bringen.

    Hier zeigt sich, dass das Handeln der Amerikaner viel Gefahr birgt. Die immensen Konjunkturpakete ueberfordern auf Jahre hinweg die Liquiditaet des amerikanischen Haushalts und bewirken ueberdies relativ wenig. Sollten nicht bald, auch in der wissenschaftlichen Diskussion, die Skeptiker dieser Poltik wieder gehoert werden, ist es zu erwarten, dass man sich in eine gefaehrliche Politik hineinmanoeuvriert, die die haushalte ueber Jahrzehnte (!) knebeln kann.

  3. ...man es erst heute merkt und nicht schon vor über 20 Jahren!

    Allein schon durch die Kohl'sche Ära des "Aussitzens" und der müden Versprechungen oder sollte ich lieber sagen der üblen Versprechen an den Osten, dass alle Jugendlichen einen Ausbildungsplatz erhalten sollen und es keinem schlechter gehen sollte etc. p. p. ...

    Der Zusammenbruch der DDR hat damals auch schon die Bundesrepublik vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch bewahrt.

    War diese doch schon damals höher verschuldet als die DDR.
    Einziger Unterschied:

    Die Weltbank hätte dem Osten keine Kredite mehr gewährt.

  4. Deutschland wird sich aus dieser Krise nicht retten koennen und die Wirtschaft wird auf langfristige Sicht vor sich hinduempeln. Einige dt. Grosskonzerne werden sich im Weltwirschaftsgeschehen behaupten koennen , doch die Deutschland GmbH ist pleite und es ist keine Rettung in Sicht . Merkel / Westerwelle scheinen das unguentigste Gespann zu sein , um auch nur im Ansatz die Probmleme zu loesen. Schade um dieses einst so innovative Land.

    • gauss
    • 11.12.2009 um 11:37 Uhr

    Ob dies nun alles etwas mit der Krise zu tun hat, ist recht unwahrscheinlich. Das Wachstum ist nun einmal nicht in Europa oder den USA zu finden, sondern in weiten Teilen Asiens, Südamerikas, arabische Halbinsel, und wenn die Afrikaner ihre politischen Probleme in den Griff bekommen, wird dort der nächste Boom einsetzen. Nein, Wachstum wird es im Maßstab der 70er Jahre in Europa und Deutschland nicht mehr geben, davon sollte man sich befreien. Wir befinden uns in einer dreißigjährigen, dauerhaften Malaise, die auch noch die nächsten Jahrzehnte anhalten wird. Darum ist es auch so unverständlich, dass mehr als 100 Mrd. € neue Schulden gemacht werden, und der Sozialstaat immer weiter ausgebaut wird.
    Letztendlich werden eben auch dort Arbeitsplätze entstehen, wo die Märkte sind. Dies liegt ja auf der Hand. Für weitgehende Teile der Bevölkerung Deutschlands bedeutet dies eine erhebliche Verarmung, da sie unproduktiv ist, und nicht mehr gebraucht wird. Die Zeit arbeitet nun einmal gegen uns.

  5. wo hätte es mehr Wachstumsraum in den letzten 20 Jahren als in Osteuropa gegeben ? Ich lass mich doch nicht dumm reden !

  6. Staatspleiten, Inflation, Exportausfälle – der Kapitalismus der letzten zweieinhalb Jahrzehnte ist in die Phase seiner Selbstzerstörung eingetreten. Ist unsere Volkswirtschaft darauf vorbereitet? Wohl kaum.
    Was meint der Kieler Ökonom Snower wohl konkret, wenn er sagt, daß „Politik für gefährliche Zeiten darauf abzielen müsse, die Menschen anpassungsfähiger zu machen“, vorausgesetzt, die Autoren dieses ZEIT-Artikels haben diese Aussage inhaltlich richtig und unverkürzt wiedergegeben?
    Jedenfalls scheint es nun an der Zeit zu sein, ökonomische und politische Ideen für die Jahre nach dem Abgrund zu entwerfen.

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