Herta Müller Ist nur ein kleines Taschentuch

Herta Müller spricht in Stockholm über eine Urszene ihrer Poesie

Die Nobelpreisrede Herta Müllers am Montagabend in Stockholm handelte im Wesentlichen von einem Taschentuch und der unerhörten Bedeutung, die ein so unscheinbares Requisit erlangen kann. Die provokante Disproportion zwischen dem zarten Gegenstand ihrer Rede und deren gewichtigem Anlass war wohlkalkuliert. Denn besser als jede weitläufige poetologische Einlassung, die an dieser Stelle üblicherweise erwartet wird, veranschaulicht die Erzählung von dem Taschentuch Herta Müllers literarisches Verfahren. Mutter Müller erinnerte ihre Tochter jeden Morgen am Haustor in Nitzkydorf an das lebenswichtige Textil, das im Fortlauf der Stockholmer Rede auch als Sitzunterlage, Kopfbedeckung, tote Seelen, Gedächtnisstütze, Leichentuch, Liebesbotschaft und mobiler Schreibtisch Erwähnung fand.

Dieses dingmagische Taschentuch, das bereits in Müllers Tübinger Poetikvorlesungen im Jahr 2001 eine tragende Rolle spielte, ist als Held der Nobelpreisrede glücklich gewählt. Führt es doch unmittelbar in eine poetische Urszene Herta Müllers: das Fremdwerden der Welt unter dem »fremden Blick« des in der Diktatur Verfolgten. Der Verfolgte wird ständig registriert. Und er registriert zurück. Seine panische Aufmerksamkeit verwandelt die Szenerie, macht die kleinsten Gegenstände zu Verbündeten, zum Fetisch, zum Signal, zur Reliquie oder zur Waffe. Die Verselbstständigung der Dinge, ursprünglich ein romantisch-avantgardistisches Verfahren, ist bei Herta Müller ein glanzvoller poetischer Nebeneffekt der Gewaltherrschaft des vergangenen Jahrhunderts.

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Es ist eine rührende Geschichte, die Herta Müller in Stockholm erzählt hat, auch wenn den aufmerksamen Lesern ihrer Essays und Reden nicht nur die Taschentücher, sondern nahezu alle Zutaten der Nobelpreisrede seit Langem vertraut sind. Aber Wiederholung ist der Preis dieser dezidiert durch den eigenen Erfahrungshorizont beglaubigten Poetik, und es ist kein zu großer.

So erinnerte Herta Müller nicht nur an die Verhöre der Securitate in der Fabrik, in der sie als Übersetzerin tätig war, an die Verleumdungen, die Ausgrenzungen, die Todesangst. Sie erinnerte auch an ihre Großeltern und an deren Söhne, die sich freiwillig zur SS gemeldet hatten. Das Schreiben, so resümierte sie ihre Familiengeschichte, »hat im Schweigen begonnen«. Wer mag, kann hier eine andere verschwiegene Stockholmer SS-Geschichte angedeutet finden.

Herta Müllers große Kunst der Weltumdeutung und der Verwandlung, das hat diese Rede noch einmal eindrucksvoll bestätigt, ist ein nie geplantes, großartiges Ergebnis des Kalten Krieges. Es wird ihn noch lange überleben.

 
Leser-Kommentare
  1. Hätte auch der Diktator des einstigen Rumänien den zweiten Halbsatz des ersten Satzes der Vorbemerkung eines auf das Jahr 1900 datierten Klassikers der Medizin gelesen und die dort wohnende Hoffnung eines jeden auf Hippokrates Schwörenden sich einverleibt, nicht den "Umkreis ... überschritten zu haben", wäre bereits das Diktatordasein zu Ende gewesen, noch bevor es begann. Stattdessen aber über Jahre hinweg vollständig aliteral zu versuchen dem bewusst zuwider zu handeln, kann allein darauf zurückführen sein, dem unsäglichen Irrtum aus freien Stücken zu zollen, gegen alles Unbill, obwohl es nicht allein aus historischen Gründen zur Entlastung aller notwendig arbeitsteilige Gesellschaften gibt, aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln stets gefeit zu sein. Kohärentes Denken demgegenüber funktioniert somit anders als in den Haushalten der Diktatoren des Kalten Krieges. Dass heutzutage in den Vorzimmern insbesondere von Allgemeinärzten sowohl Broschüren von Anbietern kognitiver Trainings als auch Papiertaschentücher ausliegen, zeigt die ganze Monströsität vermeintlich erkrankt Wartender für jeden sichtbar an.

  2. von Nosferatu aus :-)))

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    Diese trübselige Aufmachung soll wohl den Ernst der Angelegenheit unterstreichen.
    Die Taschentuchstory finde ich ehrlich gesagt kitschig.

    Diese trübselige Aufmachung soll wohl den Ernst der Angelegenheit unterstreichen.
    Die Taschentuchstory finde ich ehrlich gesagt kitschig.

  3. Diese trübselige Aufmachung soll wohl den Ernst der Angelegenheit unterstreichen.
    Die Taschentuchstory finde ich ehrlich gesagt kitschig.

  4. Herta Müller ist eine außer - gewöhnliche, einzigartige Frau. Schön, daß jemand gewürdigt wird, der sich verbiegt und nicht Sklave der Mainstreams ist.

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    natürlich: "der sich NICHT verbiegt" !

    natürlich: "der sich NICHT verbiegt" !

  5. natürlich: "der sich NICHT verbiegt" !

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  • Quelle DIE ZEIT, 10.12.2009 Nr. 51
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  • Schlagworte Literatur | Schriftsteller | Nobelpreis
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