NationalsozialismusBis zuletzt, mit allen Mitteln

Mit seinem dritten Band ist das neue Standardwerk zum Nationalsozialismus vollständig: Richard J. Evans über den »Krieg« von 

Jüdischer Gefangener im Warschauer Getto, 1943

Von den Nazis gefangen genommener, ein jüdischer Mann im Warschauer Getto, 1943  |  © AFP/ Getty Images

Literatur über die Zeit des Nationalsozialismus gibt es wie Sand am Meer. Doch die Zahl der fundierten Gesamtdarstellungen ist relativ klein. Das hat den britischen Historiker Richard J. Evans dazu bewogen, sich an das Wagnis einer großen Trilogie zur Geschichte des »Dritten Reiches« zu machen. Der erste, 2004 veröffentlichte Band schildert den Aufstieg Hitlers bis zur Machteroberung 1933, der zweite, 2006 folgende die Entwicklung seines Regimes vom Sommer 1933 bis zur Entfesselung des Zweiten Weltkrieges Anfang September 1939. In diesem Herbst ist nun der dritte und abschließende Band erschienen, der die Jahre des Weltkrieges bis zur Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 umfasst.

Was die Darstellungsweise betrifft, so ist Evans dem bewährten Muster treu geblieben. Auf über tausend Seiten schafft es der in Cambridge lehrende Regius Professor of Modern History, das Interesse des Lesers zu fesseln, indem er analytische und erzählerische Elemente in wohlabgewogener Balance hält, Tempo und Tonlage variiert, biografische Miniaturen einflicht, Zeitgenossen ausführlich in Tagebüchern, Briefen und Erinnerungen zu Wort kommen lässt und darüber hinaus mit manchen Anekdoten und Witzen aufwartet. Es ist die hohe Schule britischer historischer Erzählkunst, die hier zelebriert wird – und auf die deutsche Historiker mit Bewunderung, manchmal auch mit einem gewissen Neid blicken.

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Die militärische Geschichte kommt nicht zu kurz, doch hat Evans bewusst darauf verzichtet, auf jede Phase des Krieges die gleiche Aufmerksamkeit zu richten. Vielmehr konzentriert er sich auf die entscheidenden Wendepunkte: die verlorene Luftschlacht über England im Sommer und Herbst 1940, das Scheitern der deutschen Offensive vor Moskau im Dezember 1941, die Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad Anfang Februar 1943, die alliierte Landung in der Normandie und den Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront im Juni/Juli 1944. Dabei beschränkt sich der Autor keineswegs auf die operativen Details, sondern schildert anhand von Briefen, wie das Kriegsgeschehen von Soldaten und Zivilisten erlebt und erlitten wurde. Geboten wird also auch eine Gesellschafts- und Mentalitätsgeschichte des Zweiten Weltkrieges, die sich auf der Höhe der Forschung bewegt.

Evans macht deutlich: Der deutsche Rassen- und Vernichtungskrieg begann nicht erst, wie es die Wehrmachtausstellung des Reemtsma-Instituts nahelegte, mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941, sondern bereits mit der Invasion Polens im September 1939. Vom ersten Tage an mordeten Einsatzgruppen der SS, Polizeieinheiten und volksdeutsche Milizen polnische Zivilisten, und sie wurden darin unterstützt von Angehörigen der Wehrmacht. Anders als später beim »Unternehmen Barbarossa« gab es zwar vereinzelte Proteste der Militärbefehlshaber, doch sie bewirkten nichts. Generaloberst Johannes Blaskowitz, einer der entschiedensten Kritiker, wurde seines Kommandos enthoben.

Am schlimmsten erging es den polnischen Juden. Sie waren Freiwild für deutsche Soldaten, die sich einen Spaß daraus machten, ihnen die Bärte zu scheren, sie zu entwürdigenden Arbeiten heranzuziehen, häufig auch als Geiseln zu nehmen und zu erschießen. Evans zitiert, was der polnische Arzt Zygmunt Klukowski angesichts des von den Deutschen entfesselten Terrors in seinem Tagebuch festhielt: Er habe sich bislang nicht vorstellen können, »daß man menschliche Wesen schlimmer behandeln könne als Tiere«. Die deutsche Besatzungsherrschaft in Polen wurde so zu einem Modell für das, was zwischen 1941 und 1944 in den besetzten Gebieten Russlands in noch entsetzlicheren Dimensionen praktiziert werden sollte.

Im Zentrum des Buches steht der millionenfache Mord an den europäischen Juden, der im Schatten des Krieges gegen die Sowjetunion exekutiert wurde. Über die Frage, wann der endgültige Entschluss zur sogenannten »Endlösung der Judenfrage« getroffen wurde, ist viel gestritten worden. Evans bezieht hier klar Position. Es gab, so sagt er, nicht die eine wegweisende, genau zu datierende Entscheidung; vielmehr entwickelte sich das Vernichtungsprogramm seit Sommer 1941 in einem sich über mehrere Monate erstreckenden Prozess, wobei Hitler mit seinen sich überschlagenden antisemitischen Hasstiraden die entscheidenden Anstöße gab, die von Himmler und seinen Schergen aufgenommen und in die Tat umgesetzt wurden. Der Autor spricht von einer »umfassend koordinierten Politik unter zentraler Leitung« und wendet sich damit gegen die These Hans Mommsens, das mörderische Geschehen habe sich gleichsam selbstläufig, in unkoordinierten Schüben vollzogen.

Ebenso deutlich äußert sich Evans zu einer zweiten Schlüsselfrage: Was wussten die Deutschen vom Holocaust? Im Anschluss vor allem an die Forschungen Peter Longerichs und Bernward Dörners weist der Autor darauf hin, dass das Wissen um das Menschheitsverbrechen weiter verbreitet war, als lange angenommen wurde. Spätestens seit Ende 1942, als auch über die deutschsprachigen Sendungen der BBC ausführliche Informationen ausgestrahlt wurden, sei »der Massenmord an den Juden in Deutschland zu einer Art offenem Geheimnis« geworden. Wissen aber, das unterstreicht Evans, war nicht gleichbedeutend mit Billigung. Das verfügbare Quellenmaterial lasse vielmehr darauf schließen, »daß die einfachen Deutschen im großen und ganzen nicht einverstanden waren«. Da der Autor in der Regel sehr präzis formuliert, ist diese unscharfe Wendung ein Indiz dafür, dass es hier noch Klärungsbedarf gibt.

Neugierig ist man natürlich auch darauf, wie der britische Historiker zu der durch Jörg Friedrichs Buch Der Brand angestoßenen Kontroverse um Zweck und Legitimität des alliierten Bombenkriegs Stellung nimmt. Im Unterschied zu Friedrich hebt Evans hervor, dass die beiden Ziele, welche die Alliierten mit ihren strategischen Bombardements verfolgten, nicht verfehlt, sondern im Gegenteil weitgehend erreicht wurden: nämlich einerseits die deutsche Kriegswirtschaft nachhaltig zu schädigen und andererseits die Moral der Zivilbevölkerung zu schwächen. Am Beispiel der verheerenden Luftangriffe auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 wird dargelegt, dass sich der Zorn der Betroffenen nicht in erster Linie gegen die Briten, sondern gegen die Repräsentanten des NS-Regimes richtete. Allerdings räumt Evans ein, dass der Bombenkrieg besonders im letzten Kriegsjahr, als der militärische Sieg der Anti-Hitler-Koalition bereits feststand, über das notwendige Maß hinaus fortgeführt wurde.

Leserkommentare
  1. für das 3. Reich wird mir langsam unheimlich.

    • Puka
    • 12. Dezember 2009 21:45 Uhr

    Es darf überhaupt kein Standardwerk über das dritte Reichen geben, das von jemanden verfasst wurde der nicht Deutscher ist. Und zwar nicht, weil es keinen Briten geben könnte, der ein Geschichtsbuch schreibt, das anschaulicher und exakter ist, als alles was ein Deutscher hätte schreiben können. Sondern weil man ihn sehr viel leichter als deutschfeindlich bezeichnen kann.

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    Wer sollte ihn denn als "deutschfeindlich" bezeichnen? Im Gegenteil: Ich finde es erfreulich, dass nicht nur die Deutschen über das Thema schreiben, sondern auch unsere europäischen Freunde von heute, unsere einstigen Feinde. Ich weiß ja nicht, an welchen Schlag Mensch Sie jetzt denken, ich kenne aber niemanden, der einen Engländer per se als deutschfeindlich bezeichnen würde, weil er ein dreibändiges Werk über den NS schreibt. ^^

  2. Unsere Väter waren die, welche entweder in der Wehrmacht oder in den Einsatztruppen diese Verbrechen verübt haben. Sie sind durch die Umstände dahin gekommen und wir dürfen sie nicht verurteilen. Das ändert aber nichts daran, daß wir den Nachfahren der Opfer zumindest mit Demut entgegentreten sollten. Die ganze Wirklichkeit haben die heute Alten ab Mai ´45 verdrängt und die Jungen interessiert es nicht. Diese unangenehmen Wahrheiten müssen wohl noch viele Jahrzehnte wiederholt werden bis die Mehrheit begreift was da passiert ist.

  3. Wer sollte ihn denn als "deutschfeindlich" bezeichnen? Im Gegenteil: Ich finde es erfreulich, dass nicht nur die Deutschen über das Thema schreiben, sondern auch unsere europäischen Freunde von heute, unsere einstigen Feinde. Ich weiß ja nicht, an welchen Schlag Mensch Sie jetzt denken, ich kenne aber niemanden, der einen Engländer per se als deutschfeindlich bezeichnen würde, weil er ein dreibändiges Werk über den NS schreibt. ^^

    Antwort auf "darf es nicht geben"
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    • Puka
    • 13. Dezember 2009 8:09 Uhr

    Ich meine selbstredend den Schlag von Menschen, der zur Geschichtsklitterung neigt, und davon profitiert. Das mag Sie und mich nicht betreffen, ich halte es dennoch für gefährlich.

    • opina
    • 12. Dezember 2009 23:01 Uhr

    und wie es dazu kam, ist ja nun eigentlich sattsam bekannt.
    Und wer die eine oder andere Brutalität nicht glauben mag, weil sie sein abendländisches Fassungsvermögen übersteigt oder weil er schlicht andere Informationen hat, der wird es auch weiterhin nicht glauben bzw. das Buch gar nicht lesen.
    Aber ein wenig Faszination für die Macht des Bösen mag da schon mitschwingen, wenn man als Unbeteiligter eine solche Trilogie schreibt ...

    Was mich allerdings interessiert, ist die Frage, wie die Alliierten vor und während des Krieges mit ihrem Wissen um die Judenverfolgung umgegangen sind. Was wurde zur Rettung der europäischen Juden getan?
    Was das Wissen der deutschen Bevölkerung anbelangt, kann der Autor nur Vermutungen äußern, alles Andere wäre eine Anmaßung, denn meine eigene, begrenzte Befragung von Zeitzeugen hat immer wieder ergeben, dass das Wissen um die Judenverfolgung mit der Beobachtung der Verhaftung von jüdischen Nachbarn endete. Sie werden umgesiedelt,
    hieß es. Soldaten konnten zwar von Konzentrationslagern in Polen berichten, die sie auf ihrem Feldzug streiften
    und für Gefangenenlager hielten, mehr Einblick hatten auch sie in der Regel nicht, und wenn, dann mit dem strikten Befehl, darüber zu schweigen.
    (Fortsetzung)

    • opina
    • 12. Dezember 2009 23:05 Uhr

    Erwähnt der Autor, aus welchem Grunde man diese Todeslager nicht in Deutschland errichtete? Eben weil man den Ein- und Durchblick auf deutscher Seite mit allen Mitteln verhindern wollte. Denn die deutsche Bevölkerung war trotz aller Propaganda nicht so judenfeindlich eingestimmt, dass sie ihren Nachbarn den Tod gewünscht hätte! Man hatte jüdische Schulfreunde, einen jüdischen Arzt und jüdische Geschäfte, in denen man fraglos einkaufte. Man fragte sich allerdings, warum die Juden nicht das Land verließen, nachdem die Nazis ihre diffamierenden Rassengesetze erlassen hatten. Hätte die breite Bevölkerung von den Todeslagern gewusst, hätte die Hitler-Begeisterung mit Sicherheit einen Einbruch erlitten.

    Auch was die Bombardierungen anbelangt, irrt der Autor. Für die Zivilbevölkerung blieben die 'Tommies' feindliche Todesschwadronen, die die Hoffnung auf einen Endsieg über diesen Feind nur bestärkten... Hamburg und Dresden konnten absolut nicht als Befreiungsschlag empfunden werden...

    • mexi42
    • 13. Dezember 2009 6:48 Uhr

    und Rechtfertigung der Bombardierung der
    Zivilbevölkerung durch die Alliierten
    ist unerträglich.

  4. Nach meiner Einschätzung - um es vorischtig auszudrücken - hatten sehr viele meiner Landsleute in der
    NS-Zeit von der Vernichtung von Juden und behinderten Menschen ein sehr gutes "Vorbewußtsein". Warum sie dennoch nichts wußten, liegt sicher
    an der empirisch nachweisbaren Kompentenz des Verdrängens, auf die sie in eindrucksvoller Weise auch noch nach Beendigung des zweiten Welkrieges zurückgegriffen haben. Nehmen wir eine kleine Stadt auf der Schwäbischen Alb. Sie heißt Münsingen. Man hat in Münsingen vom Bahnhof her, in denen Waggons zur Deportation teilweise stundenlang standen, die Juden vor Schmerzen, Hunger und Durst rufen und schreien gehört. Glaubte da wirklich einer noch, die Juden wären samt und sonders in ein Erholungsheim geschickt worden?
    Unweit von Münsingen liegt Grafeneck. Dort wurden behinderte Menschen nach ihrer Tötung im Krematorium verbrannt. Die Münsinger rochen es und wußten es auch. Keiner hat die offizille Version geglaubt, es handele sich dabei um Tierkadaver.

    In dieser Gemengelage jemals mit hinreichender Qualität Forschungsergebnnisse zur Frage zu erhalten -"Was wußten die Deutschen?" - erscheint mir, erst recht nach all den Jahren, fast unmöglich. Mir wird immer deutlicher, dass man eigentlich eher fragen müßte: "Was hätten die Deutschen objektiv wissen können bzw. wissen müssen, wenn sie subjektiv gewollt hätten es zu wissen?"

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