Bestseller Irre normal
Der Psychiater Manfred Lütz fordert jedermann zur Abweichung auf
Das Erfolgsgeheimnis (nach dem man unwillkürlich sucht) des Bestsellers von Manfred Lütz Irre – Wir behandeln die Falschen könnte in jenem Begriffspaar stecken, um das herum der Psychiater und erfahrene Populärautor Lütz sein amüsant zu lesendes Plädoyer aufbaut. Das Begriffspaar lautet: Wahnsinn/Normalität.
Wo auch immer man das Buch aufschlägt, wo auch immer man sich in seine Psychiatrieepisoden einliest, gelangt man ins Wortfeld des Normalen. Es ist von »den Normalen« die Rede, von der »Diktatur der Normalität«, von »der Diktatur der langweiligen Normopathen«. Damit ist die graue Masse der zwanghaft Angepassten gemeint, die schon den Bürokollegen, der am Arbeitsplatz mit zwei verschiedenen Socken erscheint, für irre halten.
In Wahrheit, sagt Lütz, seien die diagnostizierten Wahnsinnigen nicht unbedingt wahnsinniger als die offiziellen Normalen, als Leute beispielsweise, die sich fürs Fernsehen in ein Dschungelcamp begeben und dort lebende Würmer fressen. In Wahrheit, sagt Lütz, sei die Grenze zwischen Wahnsinn und Normalität ein weites Feld der kleinen, mittleren und großen Abweichungen. Und eine Gesellschaft, deren Toleranz gegenüber all diesen Abweichungen, gegenüber Exzentrikern und bunten Vögeln, gegenüber Macken und Manien sinkt, wird an ihrer Normalität ersticken.
Das kann ja sein. Nur hat in der Medizingeschichte nie jemand behauptet, Wahnsinn sei das Gegenteil von Normalität. Pathologisch verstanden, ist das Gegenteil von Wahnsinn, also geistiger Krankheit, geistige Gesundheit. So genau will Manfred Lütz es aber gar nicht wissen. Im Gegenteil, er treibt sein Begriffspaar an den äußersten Punkt umgangssprachlicher Unschärfe. Dorthin, wo jeder mitdenken und mitreden kann. Wo alles Mögliche ein bisschen wahnsinnig oder ziemlich normal ist. Verfasst von einem Experten, umgibt sich dieses Buch mit dem Jargon des Laienhaften.

Der Spezialist veranstaltet einen Tag der offenen Tür für die Allgemeinheit. Das erinnert ein bisschen an den unseriösen Demokratismus von Kochsendungen, in denen Spitzenköche den Zuschauern weismachen, sie könnten genauso gut auf Spitzenniveau kochen, wenn sie sich ein paar gute Pfannen zulegen und ihr Gemüse auf dem Markt statt im Supermarkt einkaufen.
Es lebe die Abweichung! Es lebe die unkonforme Ausnahme von den öden Regeln der Konformität!, ruft uns das Buch von Manfred Lütz als Botschaft zu. Prima, denkt man. Und wundert sich, dass die Machart von Buch und Botschaft so ausdrücklich auf dem Prinzip gemeindebildender Angleichung, also Anpassung beruhen. Niemand muss sich ausgeschlossen fühlen. Nicht einmal der Hauptkonkurrent auf der Bestsellerliste. Denn Eckart von Hirschhausen, dessen Erfolgswerk Glück kommt selten allein (Rowohlt Verlag, Reinbek 2009; 383 S., 18,90 €) sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Buches von Manfred Lütz befindet, hat für dieses das Vorwort geschrieben.
- Datum 14.12.2009 - 10:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.12.2009 Nr. 51
- Kommentare 13
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Die Rezensentin hat offensichtlich den Unterschied zwischen wissenschaftlicher und popularwissenschaftlicher Literatur erkannt! Wahrscheinlich wird Lütz in dem Vorwort seines nächsten Buches unter anderem diese Rezension als Beispiel dafür anführen, dass sein Buch gerade von der Fachwelt missverstanden wird.
Sie schrieben:"Die Rezensentin hat offensichtlich den Unterschied zwischen wissenschaftlicher und popularwissenschaftlicher Literatur erkannt!"
Wirklich? Wenn Sie nur einen etwas längeren Blick in die Geschichte der Psychatrie werfen, werden Sie sich des Grauens nicht erwehren können, wer da wen jeweils für "irre" erklärte. Allerdings scheint Lütz auf der Suche nach einem zu popularisierenden Thema nicht nur bei eigenen, sondern auch bei fremden Quellen fündig geworden zu sein. 1990 erschien bei dtv (15057) ein Titel "Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivität" von dem Psychotherapeuten Arno Gruen - übrigens lesenswert.
Sie schrieben:"Die Rezensentin hat offensichtlich den Unterschied zwischen wissenschaftlicher und popularwissenschaftlicher Literatur erkannt!"
Wirklich? Wenn Sie nur einen etwas längeren Blick in die Geschichte der Psychatrie werfen, werden Sie sich des Grauens nicht erwehren können, wer da wen jeweils für "irre" erklärte. Allerdings scheint Lütz auf der Suche nach einem zu popularisierenden Thema nicht nur bei eigenen, sondern auch bei fremden Quellen fündig geworden zu sein. 1990 erschien bei dtv (15057) ein Titel "Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivität" von dem Psychotherapeuten Arno Gruen - übrigens lesenswert.
Sie schrieben:"Die Rezensentin hat offensichtlich den Unterschied zwischen wissenschaftlicher und popularwissenschaftlicher Literatur erkannt!"
Wirklich? Wenn Sie nur einen etwas längeren Blick in die Geschichte der Psychatrie werfen, werden Sie sich des Grauens nicht erwehren können, wer da wen jeweils für "irre" erklärte. Allerdings scheint Lütz auf der Suche nach einem zu popularisierenden Thema nicht nur bei eigenen, sondern auch bei fremden Quellen fündig geworden zu sein. 1990 erschien bei dtv (15057) ein Titel "Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivität" von dem Psychotherapeuten Arno Gruen - übrigens lesenswert.
Jeder Agrarökonom weiß, dass die einst aus Übersee importierte tolle Knolle sich stets auf Äckern anzupflanzen beliebt und nie insbesondere auf dem Sofa in der Ecke. Dennoch erzielen seltsamerweise so genannte Couch Potatoes vergleichsweise weit höhere Preise als wirkliche Kartoffeln. Kein Bauer käme indes auf die Idee, diesen Preis zu zahlen und letztlich seinen Hof aufzugeben. Der Psychiater Lütz leugnet demgegenüber ganz offenbar aber insbrünstig alle fatalen Irrtümer, nicht von dieser Welt und daher gegen jeden Wucher gefeit zu sein.
Welches Problem hat Frau März mit dem Buch ?
Natürlich sind die "Grenzen" zwischen geistig gesunden und geistig kranken Menschen fliessend und werden in der Regel von Menschen ( geistig gesunden ?) willkürlich gezogen.
Da lohnt ein Blick in die jüngere Geschichte und mit ein wenig Phantasie kann man sich als "geistig gesunder" ja seine Grenzen selber ziehen.
Und noch eins :
Normal ist mässiger Schwachsinn
(Verfasser unbekannt)
;-))
Diese Frage drängt sich mir zumindest nach Lektüre des Artikels auf.
Letztlich fusst dieser Artikel auf Annahmen über die Zielsetzung des Authors. Das kann richtig sein, muss es aber nicht.
Ich schätze, dass eine grosse Zahl Menschen in diesem Land durchaus etwas mit dem Begriff "Diktatur der Normalität" anfangen kann.
Angefangen bei den gleichmacherischen und kleinkarierten Gerechtigkeitsdebatten bis hin zur detaillierten Bevormundung, was öffentlich sag- und tragbar ist.
Auch ernstere Themen, wie der Schutz von Minderjährigen und die Rolle der Jugendämter scheitern immer wieder an falschen Begriffen der Normalität, sowohl im Eingriffs- wie im Nichteingriffsfall.
Normalität wird heute auch gerne mit Rationalität gleichgesetzt. Obwohl Rationalität nicht normal ist, sondern eher die Ausnahme.
Und wenn man die aktuellen politischen Debatten so verfolgt, könnte man den Eindruck gewinnen, sie nimmt mit steigender Position ab (die Rationalität). Vielleicht ist es deshalb so schwer diese Irren als zwar fehl am Platze aber völlig normal zu akzeptieren.
H.
unterschreib ich .
unterschreib ich .
hat erich fromm schon vor 50 Jahren geschildert, die antipsychatrie vor knapp 30 Jahren, Joesph Zehentbauer heute.
was ist das ?
" Lütz leugnet demgegenüber ganz offenbar aber insbrünstig "
steht "offenbar" , "insbrünstig" gegenüber ? oder warum steht da ein "aber" dazwischen?
gut klingen wollen ist nicht einfach , vorallem wenn die Grammatik gegen Ästhetik verliert.
unterschreib ich .
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