Gesundheitsversorgung Medizin am Limit
Welche Behandlung sollen wir uns noch leisten? Wir weigern uns, über diese zentrale Frage zu diskutieren.
© Oliver Berg/dpa

Der entscheidende Kniff: Während in Deutschland die Quoten entscheiden, wird in Schweden erst darüber diskutiert, welche Behandlung nötig und sinnvoll ist
Wenn Jörg Carlsson seine Exkollegen aus Deutschland trifft, stößt er auf Vorurteile. »Schwedische Patienten, so denken die, müssten alle lange auf eine Behandlung warten. Und die Alten würden keine neue Hüfte mehr kriegen«, sagt der Kardiologe. »Alles falsch!« Im Gegenteil.
An seinem neuen Arbeitsplatz sei vieles besser, sagt der Deutschschwede. 2003 siedelte Carlsson in die ostschwedische Küstenstadt Kalmar über, er ist dort Abteilungsleiter im örtlichen Kreiskrankenhaus. »Hier achten wir darauf, was gut für den Patienten ist«, sagt er, »in Deutschland dagegen geht es vor allem darum, was gut für die Klinik ist.«
Er hat es selbst erlebt: Gebe es an einer deutschen Klinik die Kapazität für 3000 Herzkatheter-Untersuchungen im Jahr, dann sei man angehalten, diese auszuschöpfen – manchmal auch unnötigerweise. Darum finde man hierzulande in jedem zweiten Fall gesunde Herzkranzgefäße vor. In Schweden wird die teure Untersuchung gezielter eingesetzt – und nur jeder vierte Untersuchte entpuppt sich als gesund.
Offenbar funktioniert dort das, woran das angeblich hervorragende deutsche Gesundheitssystem scheitert. Der entscheidende Kniff: Anders als in Deutschland mit seinen Quoten wird in Schweden erst darüber nachgedacht, was nötig und sinnvoll ist. Behandlungsoptionen werden ethisch und nach Kosteneffizienz abgewogen. Priorisierung heißt dieses Prinzip, und es sorgt nicht nur für eine bessere Versorgung, sondern ist auch die Grundlage für eine gerechtere Verteilung der Ressource Medizin – sogar dann, wenn es später finanziell einmal eng werden sollte.
In Deutschland hingegen tun Ärzte und Politiker so, als sei noch immer jede notwendige Therapie oder Diagnostik jederzeit für alle Patienten verfügbar. Angesichts leerer Kassen überlegt die neue schwarz-gelbe Regierung vor allem, wie sie mehr einnehmen kann. Daher debattiert sie über »Kopfpauschalen«. Oder allenfalls darüber, wie sich aus den alten Strukturen noch etwas mehr Leistung herauspressen lässt – »Effizienzreserven mobilisieren« heißt das in vornehmem Jargon.
Die wesentliche Frage jedoch, wie sich die vorhandenen Mittel zielgerichteter an die Patienten bringen lassen, bleibt unbeachtet. Auch weil Priorisierung wie Rationierung klingt und mancher darunter fälschlicherweise versteht: viel zahlen, wenig rausbekommen. Deshalb gilt die Idee der Priorisierung bei uns als vermintes Gelände. Weil sie bedeuten kann, dass Behandlungen verwehrt werden – wenn sie sich offenkundig »nicht lohnen«. Wer sich über diese Sichtweise empört, verkennt, dass in Deutschland schon längst nicht mehr alle bekommen, was sie gern möchten. Und manche nicht einmal, was sie brauchten.
Noch fällt die Misere kaum auf, weil die Mittel nicht so knapp sind, dass Überlebenswichtiges vorenthalten wird. Wann aber die alternde Gesellschaft eine offene Rationierung unumgänglich macht, ist nur eine Frage der Zeit. Dann ist besser gewappnet, wer es wie die Schweden macht: schon heute sortieren, was wichtig ist – und was entbehrlich.
- Datum 14.12.2009 - 09:52 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 10.12.2009 Nr. 51
- Kommentare 15
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Zitat:>>Der Medizinethiker Georg Marckmann berichtet, ihm habe ein Bundestagsabgeordneter – selbst Arzt – unter vier Augen zugestanden: »Sie haben ja in allem recht.« Dann habe er hinzugefügt: »Aber wie soll ich das als Gesundheitspolitiker den Bürgern vermitteln, wenn ich wiedergewählt werden will?«
Vielleicht liegt es nur daran, dass die Bürger ihren Abgeordneten nicht mehr vertrauen, weil sie nicht die Interessen derjenigen vertreten, die sie gewählt haben, sondern die von Interessengruppen
- und kann man dem Arzt vertrauen, der Geld für eine Überweisung in ein bestimmtes Krankenhaus erhält oder von der Pharmaindustrie?
- oder der Krankenkasse, die nach Gewinnen schielt und ihre Topmanager nach politischen Pöstchen?
- oder einem Qualitätsinstitut, das einem politischen Auftrag nachkommt?
- oder Wissenschaftler, die ihre vielfältgen Verflechtungen zu Industrie und Interessengruppen nicht offenlegen?
-oder, oder, oder?
Ich bin dafür, auch noch die Feuerwehren und die Polizei und die Bundeswehr zu privatisieren. Wenn es dann mal zuwenig Aufträge gibt, macht man sich eben selbst welche. So ist es in unserem "Gesundheitssystem" tägliche Praxis.
Mal im Ernst:
-man muß als ansonsten Gesunder nicht wegen jedem Zipperlein zum Arzt gehen, z.B. Erkältungen oder leichter Grippe. Jeder kann sich informieren, was an Behandlungen überhaupt sinnvoll ist oder nicht. Bei vielen Symptomen wird nur gebastelt, nicht geheilt.
-man benötigt keine gesetzlichen Krankenkassen, höchstens private zur Zusatzversicherung, wenn man ansonsten ein funktionierendes System hat. Eine einzige Datenbank genügt, um das System zu verwalten. Eine Krankenkasse produziert ja nichts, außer unnötige Kosten.
- man muß als Beispiel keinen ganz sicher totranken Patienten mit 2 Wochen Intensivmedizin "verwöhnen", die niemand außer dem Krankenhaus will (Kosten: 14.000 Euro, authentischer Fall 2008 in Preetz/Holstein in meinem Bekanntenkreis)
Es gibt eine große Angst bei unaufklärten Patienten, und es gibt eine große Selbstbedienungsmentalität bei den "Anbietern" (ganz schlimm bei privat Versicherten!)und eine Vielzahl zweifelhafter Therapien.
Hier gilt es den Hobel anzusetzen. Die Späne müssen endlich fallen.
... einmal darüber nachdenken, dem Arzt es überlassen, wie er seine Patienten behandelt.
Ein Gespräch von 5-10 min reicht nicht immer für eine optimale Diagnose. Aber bei dem, durch Geld hervorgerufenen Druck, muss der Arzt sehen wie er kommt.
Ich kenne es noch , dass der Arzt bei einem grippalen Infekt schon bei der Anmeldung ein Rezept für ein, falls es eintritt, Fiebermittel verabreichte und den Patienten eine Woche zum Auskurieren nach Hause schickte.
Heute z.B. sitzt z.B. ein Kollege von mir mit Verdacht auf Noroviren ca. vier Stunden im Wartezimmer.
Aber entscheidend ist doch, es wird Krankheit bezahlt und nicht Gesundheit. Wir haben nur "eine" Krankenkasse, die als "Gesundheitskasse" wirbt.
In meinem nun über fünf Jahrzehnten währendem Leben habe ich die Segnungen der Medizin genießen dürfen, aber genauso bin ich den traditionellen Verfahren zugetan (kenne sie aus meiner Kind- und Jugendzeit).
Bei Erkältung: Zwiebelsaft
Bei Fieber: Lindenblütentee/Wadenwickel
Bei Bindehautentzündung: Kompresse Aufguss Petersilie/Rosenblüten
Mal gesoffen: nächsten Tag einen Löffel Olivenöl
Leistungsteigerung: Tee aus Schwarztee/Bohnenkraut/Rosmarin etc.
Aber immer regionales, saisonales und geschmackvolles Essen selber zubereiten, schließt das gelegentliche Fastfood nicht aus.
Über Allem steht aber Stress, ausgelöst durch zum Teil unsinnigen Streben nach Wachstum und die damit einhergehenden körperlichen Leiden, die sehr schwer von normalen Leiden zu unterscheiden sind.
Wenn ich mir hier die Kommentare ansehe, finde ich vieles, was ich so sofort unterschreiben würde.
Schade, dass davon nichts nach oben gelangt. ( Was natürlich auch keiner will, denn gutes Geöld lässt sich bei den Summen immer verdienen )
Wenn ich mir hier die Kommentare ansehe, finde ich vieles, was ich so sofort unterschreiben würde.
Schade, dass davon nichts nach oben gelangt. ( Was natürlich auch keiner will, denn gutes Geöld lässt sich bei den Summen immer verdienen )
...in Deutschland über die Welt ist mir seit Jahrzehnten klar. In meinem Fach sehe ich es ständig und immer wieder überprüfte ich Dinge, die von Medien und Politik hier behauptet wurden um dann festzustellen, dass man einfach Falsches behauptete. Der Deutsche glaubte und hatte damit Vorurteile.
Die medizinische Versorgung, die Rente, die Ausbildung, die Unis. In diesen und mehr Themen waren wir "Spitze" im Weltvergleich; nur eben nicht im Vergleich zu anderen OECD Staaten. Dort rangieren wir oft unter ferner lief oder Letzter. Die Gründe dafür sind klar. Sie sind seit Jahrzehnten klar. Nur, es gibt keine sichtbare Lösung, da man dazu das GG entscheidend ändern müsste und das liegt nicht im Interesse der sozio-politischen Gruppe, die die dazu notwendigen Schritte tun müsste.
Wenn ich mir hier die Kommentare ansehe, finde ich vieles, was ich so sofort unterschreiben würde.
Schade, dass davon nichts nach oben gelangt. ( Was natürlich auch keiner will, denn gutes Geöld lässt sich bei den Summen immer verdienen )
"Schon heute kosten Therapien für spezielle Lungenkrebsformen 50.000 Euro – und die Behandelten leben im Schnitt gerade 1,2 Monate länger."
Mag sein. "Im Schnitt". Und manch einer lebt dank einer solchen Therapie eben deutlich länger. Nur wer nicht selbst im engen Kreis betroffen ist, kann das einfach mal so abstrakt dahin schreiben...
ist alles besser.
10-27 Euro Praxisgebühr pro Arztbesuch, gedeckelt bei 90 Euro im Jahr.
180 Euro Selbstbeteiligung für Medikamente pro Jahr.
Entgegen der Behauptung des Artikels monatelange Wartezeiten für Facharztbesuche und verschiebbare Operationen (7-21 Monate für die im Artikel erwähnte Hüftprothese).
siehe auch hier:
http://www.aerztezeitung....
Peter Sawicki hat es in zwei Sätzen zusammen gefasst:
"Gut ist nicht die Versorgung, in der alles Vorhandene an einem Patienten praktiziert wird. Gut ist eine Versorgung, in der das Richtige richtig getan wird und den Patienten alles Unnötige erspart."
Mit dieser Meinung ist er kein Freund der Pharmaindustrie.
Momentan laufen Bestrebungen, ihm vom Stuhl des Institutsleiters zu holen.
Mehr dazu in diesem Artikel:
http://zwischenzeit.de/bl...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren