MärchenSchule des Herzens

Grausam und gerecht, tröstlich und aufwiegelnd: Märchen handeln von unseren Urerfahrungen von 

Rotkäppchen
Rotkäppchen

Erst geht Totkäppchen dem Wolf auf den Leim, dann aber kehren sich die Verhältnisse um  |  © Abb.: aus Tomi Ungerers Märchenbuch 2001, Diogenes Verlag AG, Zürich

Auf die Frage, was ein Märchen ist, antwortet man am besten, indem man erklärt, was es nicht ist. Das Märchen ist nämlich keineswegs so harmlos und kindisch, wie uns viele Kinderbuchverlage mit ihren von Jahr zu Jahr süßlicher werdenden Illustrationen weismachen wollen. Das Märchen mag naiv sein, weil es an die Moral appelliert, aber es ist auch subversiv, weil es die Veränderbarkeit der Welt predigt. Hier geschieht das Unerhörte, dass der Schwache den Starken überwindet. Hier wird die Hexe verbrannt, der Wolf ersäuft, der Lindwurm zerstückelt. Immer wieder diese gewaltsamen Befreiungsakte. In drastischen Bildern malt das Märchen Modelle der einen Menschheitserfahrung: Das Böse ist überwindbar, aber nicht im Guten, sondern mit Gewalt.

Sind Märchen also revolutionär? Es gibt im Rumpelstilzchen gleich am Anfang eine Formulierung, die uns darauf aufmerksam macht, dass Untertanengeist die Ursache allen Übels ist. Über den armen Müller heißt es, er sei einmal dem König begegnet – »und um sich ein Ansehen zu geben«, behauptete er, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen. Diese kniefällige Lüge ist lebensgefährlich, sie muss durch Zauberei in Wahrheit verwandelt werden. Doch der Preis, den das Rumpelstilzchen für seine Goldspinnerdienste verlangt, ist viel zu hoch, und so gerät die Müllerstochter in eine neue ausweglose Lage. Damit man als Leser den Grund nicht vergisst, hat ein Schriftsteller in den 1970er Jahren das fatale »Sich-ein-Ansehen-geben-Wollen« satirisch ausgemalt. Franz Fühmann erzählt das Märchen als Posse, worin die Gesinnungswächter des Reiches den Müller auf den Besuch Seiner Majestät vorbereiten, indem sie ihm Antworten diktieren. Doch ach, der König geruht eine außerplanmäßige Frage zu stellen, das verwirrt den servilen Müller derart, dass er nach vielem Gestotter einfach drauflosflunkert. Indem Fühmann den Opportunismus lächerlich macht, empfiehlt er uns Unbotmäßigkeit. Das ist das erste wesentliche Märchenelement, das zweite ist Fantasie, hier verkörpert durch Rumpelstilzchen. Es steht für die Kreativität und die Verwandlungskraft als ursprüngliche Fähigkeiten, die der moderne Mensch verliert, wenn er sich dem Rationalismus unterwirft.

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Unsere Zeit ist keine Zeit für Märchen. Die Erde scheint weiträumig erforscht, der Mensch in- und auswendig beschrieben, und manche Neurowissenschaftler behaupten sogar, bei der Vermessung der Seele erste Erfolge zu verzeichnen. Da bleibt kein Platz mehr für das Mysteriöse, das Dunkle, das Wunderbare. Da fehlt es zum Umsturz der Verhältnisse auch an Fantasie. Wenn heute ein Prinz an eine hohe Dornenhecke geritten käme und ein weiser Alter wollte ihm erklären, dass hinter dieser Hecke eine verzauberte Prinzessin in einem hundertjährigen Schlaf liege, dann würde er hohnlachend weiterreiten. Realistisch sein, bedacht handeln, nur das glauben, was man weiß, sich nicht sinnlos in Gefahr begeben, lieber alles lassen, wie es ist! Gegen diese Imperative einer zynischen Vernunft steht das Märchen mit seinen unvernünftigen Helden. Sie sind mutig, weil sie empfindsam sind. Das Geheimnisvolle zieht sie magisch an.

Und wir? Aus der alten irrationalen Angst vor Gespenstern entspringt die moderne rationalistische Furcht vor dem Unerklärlichen – sie zeigt sich nicht nur als geharnischter Wissenschaftsoptimismus, sondern auch als Geringschätzung der Poesie, die ja nichts anderes ist als die Fähigkeit, das Ungeheuerliche unserer Existenz auszudrücken: dass die Welt größer ist als der Kopf.

Woher kommen die Märchen? Aus dem Wunsch, die Welt poetisierend zu verbessern. Warum sind die Märchen unzerstörbar? Weil sie von unseren Träumen und unserer Verzweiflung handeln. Sie geben der irren Hoffnung Raum, dass die Not überwunden werden kann. So heiratet Aschenputtel den König, und so beendet der Drachentöter mit einem Schwertstreich die Schreckensherrschaft des Drachen. Dieser umstürzlerische Wesenszug des Märchens war zu allen Zeiten beunruhigend. Deshalb wurde E.T.A. Hoffmann im 19. Jahrhundert für seine Elixiere des Teufels als Gespensteronkel verspottet. Deshalb war Jewgenij Schwarz im 20. Jahrhundert wegen seines Drachen als Dissident gefürchtet.

Märchenlektüre heißt, an das Gute glauben lernen. Das Gute begegnet dem kindlichen Leser zuerst in märchenhafter Gestalt, zum Beispiel als schöner tapferer Prinz, der die unglückliche Prinzessin aus ihrem hundertjährigen Schlaf erlöst und das wie tot liegende Schloss zum Leben erweckt. Diesen einen Helden kann die Dornenhecke, in der schon viele jämmerlich verblutet sind, nicht aufhalten. Wider alle Vernunft stürzt er sich hinein und wider alle Wahrscheinlichkeit erblühen die Rosen, schlägt Dornröschen die Augen auf, beginnt die Erde sich zu drehen. Unvergesslich der Kuss, der den Stillstand beendet. Unvergesslich die Ohrfeige, die der Koch dem Küchenjungen im Moment des Aufwachens gibt. Das Leben geht exakt da weiter, wo es durch den Zauber unterbrochen wurde, und das Wutgeheul des Jungen ist der Geburtsschrei einer besseren, glücklicheren, vom Fluch erlösten Welt.

Leserkommentare
  1. Zitat:
    „Dornröschen öffnet die verbotene Tür, Rotkäppchen weicht vom Weg ab, die Königstochter betrügt den Frosch. All diese Fehltritte werden jedoch belohnt. Warum?“

    Sie werden nicht bestraft, weil Kinder sie begehen. Kinder müssen neugierig sein und Mahnungen und Verbote in den Wind schlagen – wie würden sonst neue Wege entdeckt?
    Schneewittchen ist ein gutes Beispiel dafür. Die Zwerge nehmen das schwer traumatisierte Kind auf unter der Bedingung, dass es sich für die Gemeinschaft nützlich macht, weiter fordern sie nichts von ihm. Das ist die Therapie. Als Schneewittchen wohlgemeinte Hinweise nicht beachtet, tadeln sie nicht, schon gar nicht drohen sie ihm mit Liebesentzug, sondern sie retten es ohne Vorwürfe. Und als nichts mehr zu retten ist, trauern sie.
    Erwachsene erfahren im Märchen diese Nachsicht nicht. Sie sollten die Regeln des Zusammenlebens kennen.
    Eine Idealvorstellung, die durchaus ihren Reiz hat.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Schule | Märchen | Franz Fühmann | Joanne K. Rowling
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