Grimmsche MärchenWie Wilhelm Grimm das Märchen erfand

Aus glanzloser Prosa schuf er Geschichten voller Poesie. Die Vorlagen seiner »Kinder- und Hausmärchen« stammen aus Frankreich und aus der Antike, aus Persien und aus Indien von 

Goldesel

"Bricklebrit" Muss man nur sagen, dann spuckt dieser Esel schon Goldstücke  |  © Abb.: aus Tomi Ungerers Märchenbuch 2001, Diogenes Verlag AG, Zürich

Überall auf der Welt gibt es Märchen, aber keine Sammlung, abgesehen von den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht, ist so berühmt geworden wie die Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm . Schon bald nach ihrem ersten Erscheinen 1812 wurden sie in ganz Europa übersetzt. Ende des 19. Jahrhunderts gelangten sie nach Japan, in die USA, und heute sind sie der Inbegriff dessen, was man Märchen nennt. Das Bild, das die Welt von den Deutschen hat, ist von Grimms Märchen, wie sie kurzerhand heißen, entscheidend geprägt: vom Froschkönig, der ein Prinz ist; vom bösen Wolf, der die Geißlein frisst; von der Stiefmutter, die Schneewittchen vergiften will. Und die Hecke, die Dornröschens Schloss umwuchert, die langen Haare, die Rapunzel zu ihrem Geliebten hinabfallen lässt, der tiefe deutsche Wald, in dem Hänsel und Gretel sich verirren – das sind Szenen, die fast der ganze Erdkreis kennt.

Diese anheimelnd unheimliche Bilderwelt halten wir, vielleicht gar mit einem gewissen Stolz, für typisch deutsch, wir neigen zu der Annahme, es handele sich dabei um ganz ursprüngliche, aus der Tiefe der Volksseele stammende Geschichten, wir vermuten darin eine besonders authentische Literatur. Deshalb trennen wir ja auch die anonymen »Volksmärchen«, wie sie nicht allein die Grimms, sondern auch Johann Karl August Musäus, Ludwig Bechstein und viele andere gesammelt haben, von den literarischen »Kunstmärchen« eines E.T.A. Hoffmann oder Hans Christian Andersen .

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Man kann aber mit guten Gründen das Gegenteil behaupten: dass nämlich erstens die meisten der Grimmschen Märchen gar nicht deutsch sind und dass sie zweitens in ihrer so wirkungsmächtig gewordenen Form von den Grimms erfunden wurden – vor allem von Wilhelm, dem Jüngeren der beiden, der vor 150 Jahren, am 16. Dezember 1859, in Berlin gestorben ist. Meist stellt man sich vor, die Brüder seien übers Land gezogen, hätten sich von der Köchin des Wirtshauses im Spessart oder von der Dienstmagd des Amtmanns in Hanau Märchen erzählen lassen und sie getreulich aufgeschrieben. So war es keineswegs.

Jacob und Wilhelm waren keine fahrenden Feldforscher, sondern Bibliothekare, lange Zeit in Kassel , später in Göttingen, dann lehrten sie als Professoren in Berlin. Sie verließen ihre Studierstube nur, wenn es sein musste, und an die Märchen kamen sie über Mittelsleute, die sie aus ihrem Bekanntenkreis gewannen. Zumeist waren das Frauen mit gebildetem Hintergrund, etwa die Schwestern Hassenpflug in Kassel, deren Mutter hugenottischer Herkunft war. Zu Hause sprach man Französisch, und es ist offenkundig, dass die Märchen, die dort erzählt wurden, in ihrer Mehrzahl aus dem Umkreis der berühmten Sammlung von Charles Perrault stammten (1697). Jedenfalls haben scheinbar urdeutsche Märchen wie Dornröschen , Der gestiefelte Kater , Rotkäppchen , Aschenputtel oder Hänsel und Gretel allesamt französische Vorbilder. Was wiederum nicht heißt, sie wären »urfranzösisch«. Die Überlieferungswege liegen meist im Dunklen, manche führen zurück bis in die Antike, andere nach Persien, von da nach Indien .

Jacob hielt Wilhelms Bearbeitungen für unwissenschaftlich

Die Grimms hatten ihre Texte aus zweiter oder dritter Hand. Einige entnahmen sie, wenig zimperlich, alten Anthologien, vergessenen Schriften des Barock oder dem Pentamerone des Giambattista Basile (1674). Ihre rühmenswerte Leistung besteht darin, diesen Vorlagen einen eigenen Ton, eine einheitliche Gestalt gegeben zu haben, sie haben die Märchensprache, die uns wie eine natürliche vorkommt, konstruiert. Wer ihre Redigaturen mit den Vorlagen vergleicht, erkennt das leicht: Ihre Sprache ist schlanker und poetischer, sie fingiert Volkstümlichkeit, sie ist angereichert mit den Alltagsweisheiten und Redewendungen ihrer Herkunft, etwa mit dem hessischen »Ei, freilich«. Es war Wilhelm, der solche Verschönerungen gegen Jacob, der sie für unwissenschaftlich hielt, durchgesetzt hat, er war es, der für die Texte den idealen Märchenton gefunden hat.

Das Märchen vom Froschkönig zum Beispiel beginnt in der ersten, handschriftlichen Fassung von 1810 so: »Die jüngste Tochter des Königs ging hinaus in den Wald und setzte sich an einen kühlen Brunnen . Darauf nahm sie eine goldene Kugel und spielte damit, als diese plötzlich in den Brunnen hineinfiel.« Das nun ist der Stil eines Berichts, wie er nüchterner kaum gedacht werden kann. Er rechnet damit, dass die folgende Szene mit dem Frosch ihre Wirkung erzielt. Wilhelm Grimm hat darauf nicht vertraut, sondern Schritt für Schritt eine entschlossene Literarisierung betrieben, die in der Auflage von 1857 ihre perfekte Gestalt gefunden hat:

»In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen: wenn nun der Tag recht heiß war, so ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens: und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk. Nun trug es sich einmal zu, dass die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hinein rollte.«

Leserkommentare
    • 6bb6
    • 14. Dezember 2009 7:40 Uhr

    ... ist doch wohl eher eine andere Baustelle. (Immerhin stimmt der Wilhelm.)

  1. hat vor 60 Jahren in seinem Buch "Das Europäische Volksmärchen" gezeigt, dass das Volksmärchen eine Hochform von Literatur ist. Im Gegensatz zur Sage ist es, wie der heutige Esoteriker sagen würde, "advaita", nicht-dual. Lüthi steht Änderungen von literarischen Herausgebern sehr kritisch gegenüber und wäre wohl mit Wilhem Grimm einig, wenn es darum ginge, einen intellektuellen Überbau wegzulassen.

  2. Hier soll einmal mehr mit frei erfunden Daten und Fakten sowie kreativen Umdeutungen und bewussten Fehlinterpretationen deutsche Geschichte bzw. Kultur dekonstruiert wurden. Genauso wie bereits in vielen andern Fällen davor. Mittlerweile schreckt man ja nicht einmal mehr davor zurück hist. Unterlagen zu fälschen, sowie es in vielen Fällen bei der Digitalisierung von alten Schriftstücken, auch Verträgen gemacht wurde.

    • hagego
    • 21. Dezember 2009 13:53 Uhr

    Tomi Ungerers Illustrationen sind es schon allein wert, dieses Kinder- und Hausmärchenbuch zu lesen bzw. anzuschauen! Der große Künstler aus dem Elsass kann so humorvoll zeichnen wie kaum ein anderer zeitgenössischer Zeichner.

    Dabei ist Ungerer alles andere als ein "Märchenonkel". Wer sein Buch "Das Kamasutra der Frösche" kennt, wird das bestätigen. Als junger Graphic Designer hatte Tomi Ungerer in den USA sehr viel kommerziellen Erfolg. Als er aber mit seinen satirischen Zeichnungen den Amerikanern einen Spiegel vorhielt, fand dieses Land diesen bedeutenden Künstler nicht mehr ganz so interessant.

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