Grimmsche Märchen Wie Wilhelm Grimm das Märchen erfandSeite 2/3

Man sieht, wie Wilhelm aus glanzloser Prosa jene Märchenpoesie hervorzaubert, die wir alle kennen. Er beschenkt uns mit dem berühmten Einleitungssatz »In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat…«; er reichert die Geschichte mit romantischen Motiven an, mit dem großen dunklen Wald, mit der alten Linde; er greift zur Verniedlichung (»Händchen«) und zur metaphorischen Steigerung: Das Königskind war so schön, »dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien«.

Ähnlich ist Wilhelm in vielen Fällen verfahren, und sein Vorbild war jener Typus des idealen Märchens, den er in den Zulieferungen von Philipp Otto Runge erblickte, vor allem im Märchen Von dem Fischer un syner Fru . Es ist aber, wie der Märchenforscher Heinz Rölleke gezeigt hat, ganz unwahrscheinlich, dass Runge die Geschichte genauso weitergegeben hat, wie er sie (vielleicht) erzählt bekam. Denn auffällig ist die kunstvolle Architektur der Erzählung, in der die Fischersfrau ihre Forderungen an den wundertätigen Butt in immer kürzeren Abständen steigert, bis hin zu dem Wunsch, Kaiser zu sein, Papst und schließlich Gott, woraufhin beide wieder in ihrem »Pisspott« landen; und ganz bestimmt hat der Maler Runge die eindrucksvolle Farbgebung erfunden, die das Meer weiß, gelb, grün, dann violett, schwarzgrau und endlich vollkommen schwarz erscheinen lässt.

Man suchte die »ewige Quelle« der deutschen Kultur

Wilhelm aber hielt an der Fiktion des Volksmärchens fest. In seiner Vorrede sagt er: »Wir haben keinen Umstand und Zug der Sage selbst verschönert, sondern ihren Inhalt so wiedergegeben, wie wir ihn empfangen hatten.« Doch nun folgt der entscheidende Nachsatz: »Dass der Ausdruck und die Ausführung des Einzelnen großenteils von uns herrührt, versteht sich von selbst.« Wilhelm ging es darum, den vermuteten Urzustand von fremden Zusätzen zu reinigen. Dabei leitete ihn die romantische Idee einer »Naturpoesie«, ein eigentlich seltsamer Begriff, der in eins setzt, was wir heute getrennt denken. Wilhelm schreibt: »Was so mannigfach und immer wieder von neuem erfreut, bewegt und belehrt hat, das trägt seine Notwendigkeit in sich und ist gewiss aus jener ewigen Quelle gekommen, die alles Leben betaut. Darum geht innerlich durch diese Dichtungen jene Reinheit, um derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen: sie haben gleichsam dieselben blaulichweißen, makellosen, glänzenden Augen.«

Manche Romantiker verspotteten diese Verehrung des Kindlich-Reinlichen. In dem, was da aus alten Überlieferungen hervorgekramt wurde, erblickte Friedrich Schlegel vor allem den »Trödel« und die »Rumpelkammer wohlmeinender Albernheit«. Aber es war der Zug der Zeit, die »ewige Quelle« der Poesie zu suchen und damit den Ursprung deutscher Kultur. Der Gedanke ging auf Herder zurück, der das Sammeln von Volksliedern und Märchen angeregt hatte. Clemens Brentano und Achim von Arnim folgten ihm mit ihrer Anthologie Des Knaben Wunderhorn (1806), die nur Gedichte enthielt, aber um Märchen erweitert werden sollte. Dafür wollten sie die Brüder Grimm gewinnen. Die Zusammenarbeit zerschlug sich jedoch, und die Grimms machten ihre eigene Ausgabe.

1807 schrieb Brentano an Arnim: »Ich habe hier zwei sehr liebe altteutsche vertraute Freunde, Grimm genannt.« Der Begriff »altteutsch« barg die Sehnsucht nach einer verbindenden Kraft, in der sich die politische Zerrissenheit auflösen sollte. Es entstand ein romantisch-idealistischer Rausch, der sich später ideologisch-nationalistisch aufladen sollte. Altdeutsch waren die Burschenschaften, über die Franz Mehring schrieb: In ihnen »kreuzten sich mittelalterliche Träume von Kaiser und Reich mit einem jakobinischen Ingrimm«. Altdeutsch war auch jene Tracht, die man auf Caspar David Friedrichs Bildern findet: Männer in langen Mänteln und mit umfänglichen Hüten oder Mützen aus Fell. Wer so etwas trug oder malte, gab seine oppositionelle Gesinnung zu erkennen.

Die Grimms waren keine dezidiert politischen Köpfe, obwohl sie zwei von den »Göttinger Sieben« waren, jenen Professoren, die 1837 gegen den Verfassungsbruch Ernst Augusts I. von Hannover protestierten und entlassen wurden. Sie zählten zu jenen linkskonservativen Geistern, denen an der Konstruktion einer deutschen Kulturnation dringend gelegen war. Sie waren Mitbegründer der Germanistik, die mit der Wiederentdeckung der Literatur des Mittelalters eine nationale Literaturgeschichte schreiben wollte. Ihre Deutsche Grammatik (1819) und ihr Deutsches Wörterbuch (1839) wurden zu Grundsteinen des Fachs. Und sie sammelten Sagen und Märchen. Was gewissermaßen unschuldig begonnen hatte, geriet immer mehr in den moralisch-kulturellen Sog pränationaler Bestrebungen.

Zu Beginn war das Märchenbuch gar nicht ausschließlich für Kinder gedacht. »Ich hätte nicht mit Lust daran gearbeitet, wenn ich nicht des Glaubens wäre, dass es den ernstesten und ältesten Leuten so gut wie mir für Poesie, Mythologie und Geschichte wichtig werden und erscheinen könnte«, schrieb Jacob Grimm an Arnim. Aber je erfolgreicher es wurde (anfangs verkaufte es sich nur mit Mühe, aber die Grimms waren zähe Pioniere), je mehr es in die Familien und Kinderstuben Einzug hielt, desto mehr wurde kritisiert, dass die teilweise grausamen Geschichten für Kinder nicht geeignet seien. Wilhelm Grimm verteidigte sich zwar, schrieb aber in seinem Vorwort von 1819: »Wir haben jeden für das Kinderalter nicht passenden Ausdruck in dieser neuen Auflage sorgfältig gelöscht.«

Leser-Kommentare
    • 6bb6
    • 14.12.2009 um 7:40 Uhr

    ... ist doch wohl eher eine andere Baustelle. (Immerhin stimmt der Wilhelm.)

  1. hat vor 60 Jahren in seinem Buch "Das Europäische Volksmärchen" gezeigt, dass das Volksmärchen eine Hochform von Literatur ist. Im Gegensatz zur Sage ist es, wie der heutige Esoteriker sagen würde, "advaita", nicht-dual. Lüthi steht Änderungen von literarischen Herausgebern sehr kritisch gegenüber und wäre wohl mit Wilhem Grimm einig, wenn es darum ginge, einen intellektuellen Überbau wegzulassen.

  2. Hier soll einmal mehr mit frei erfunden Daten und Fakten sowie kreativen Umdeutungen und bewussten Fehlinterpretationen deutsche Geschichte bzw. Kultur dekonstruiert wurden. Genauso wie bereits in vielen andern Fällen davor. Mittlerweile schreckt man ja nicht einmal mehr davor zurück hist. Unterlagen zu fälschen, sowie es in vielen Fällen bei der Digitalisierung von alten Schriftstücken, auch Verträgen gemacht wurde.

    • hagego
    • 21.12.2009 um 13:53 Uhr

    Tomi Ungerers Illustrationen sind es schon allein wert, dieses Kinder- und Hausmärchenbuch zu lesen bzw. anzuschauen! Der große Künstler aus dem Elsass kann so humorvoll zeichnen wie kaum ein anderer zeitgenössischer Zeichner.

    Dabei ist Ungerer alles andere als ein "Märchenonkel". Wer sein Buch "Das Kamasutra der Frösche" kennt, wird das bestätigen. Als junger Graphic Designer hatte Tomi Ungerer in den USA sehr viel kommerziellen Erfolg. Als er aber mit seinen satirischen Zeichnungen den Amerikanern einen Spiegel vorhielt, fand dieses Land diesen bedeutenden Künstler nicht mehr ganz so interessant.

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