Grimmsche Märchen Wie Wilhelm Grimm das Märchen erfandSeite 3/3
Die schwangere Rapunzel und der nackte Prinz wurden gestrichen
In der Tat reinigte Wilhelm die Geschichten von allzu erkennbarer Erotik. In einer frühen Fassung von Rapunzel wird die Schwangerschaft des Mädchens im Turm deutlich angesprochen, was Wilhelm später wegließ; und im Froschkönig fällt der Frosch, nachdem ihn die Prinzessin an die Wand geworfen hat, als nackter Mann in ihr Bett: »Und lag darin als ein junger schöner Prinz, da legte sich die Königstochter zu ihm.« Auch das hat er gestrichen. Ebenso jene Art von Grausamkeit, die sich in der Erzählung Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben noch findet. Anders als das fantastisch-irreale Abschneiden von Zehen (Aschenputtel) oder das Herausholen der Großmutter aus dem Wolfsbauch (Rotkäppchen) muss ihm diese wahrhaft monströse Geschichte allzu realitätsnah vorgekommen sein. Sie stammt fast wörtlich aus einer Anthologie von 1661 und handelt davon, dass zwei Kinder miteinander spielen und eines dabei das andere ersticht. Die Mutter, die ihr jüngstes Kind in einem Zuber badet, hört das Schreien, läuft herbei, sieht, was passiert ist, und ersticht das andere Kind. Unterdessen ist das jüngste im Bad ertrunken. Die Frau ist so verzweifelt, dass sie sich aufhängt. Als der Mann nach Hause kommt, ergreift ihn ein solcher Kummer, dass er kurz darauf stirbt.
Von solchen Familienkatastrophen liest man ja manchmal in den vermischten Nachrichten, aber dass sie Teil von Grimms Märchen sein könnten, hätte man nicht gedacht; mit Recht, denn Wilhelm hat am Ende all das Krude daraus entfernt, das es im Volksmund durchaus gibt. Peter Rühmkorf hat später vom »Volksvermögen« gesprochen, worin sich ja auch das Obszöne, Brutale und Groteske findet, als Spiegelbild und Zerrbild gesellschaftlicher Verhältnisse. Die änderten sich damals, als die Grimms ihren Blick in die Vergangenheit richteten, rapide. Die Industrialisierung kam über die bürgerliche Gesellschaft wie ein Orkan, der das Unterste zuoberst kehrte, und man errichtete windgeschützte Zonen der Innerlichkeit, wo das Wünschen noch half, wo es noch keine Dampfmaschinen gab, sondern nur vergleichsweise harmlose Hexen und Feen. Mit ihren Märchen lieferten die Grimms das Hausbuch alternativer Wirklichkeiten. Und wenn es nicht gestorben ist, so lebt es noch heute.
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- Datum 11.12.2009 - 16:58 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.12.2009 Nr. 51
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... ist doch wohl eher eine andere Baustelle. (Immerhin stimmt der Wilhelm.)
hat vor 60 Jahren in seinem Buch "Das Europäische Volksmärchen" gezeigt, dass das Volksmärchen eine Hochform von Literatur ist. Im Gegensatz zur Sage ist es, wie der heutige Esoteriker sagen würde, "advaita", nicht-dual. Lüthi steht Änderungen von literarischen Herausgebern sehr kritisch gegenüber und wäre wohl mit Wilhem Grimm einig, wenn es darum ginge, einen intellektuellen Überbau wegzulassen.
Hier soll einmal mehr mit frei erfunden Daten und Fakten sowie kreativen Umdeutungen und bewussten Fehlinterpretationen deutsche Geschichte bzw. Kultur dekonstruiert wurden. Genauso wie bereits in vielen andern Fällen davor. Mittlerweile schreckt man ja nicht einmal mehr davor zurück hist. Unterlagen zu fälschen, sowie es in vielen Fällen bei der Digitalisierung von alten Schriftstücken, auch Verträgen gemacht wurde.
Tomi Ungerers Illustrationen sind es schon allein wert, dieses Kinder- und Hausmärchenbuch zu lesen bzw. anzuschauen! Der große Künstler aus dem Elsass kann so humorvoll zeichnen wie kaum ein anderer zeitgenössischer Zeichner.
Dabei ist Ungerer alles andere als ein "Märchenonkel". Wer sein Buch "Das Kamasutra der Frösche" kennt, wird das bestätigen. Als junger Graphic Designer hatte Tomi Ungerer in den USA sehr viel kommerziellen Erfolg. Als er aber mit seinen satirischen Zeichnungen den Amerikanern einen Spiegel vorhielt, fand dieses Land diesen bedeutenden Künstler nicht mehr ganz so interessant.
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