Neue MärchenGroßmutter, erzähl!

Ein junger Dichter verwandelte einmal ein paar alte Märchen in ein unerhörtes neues Märchen: Georg Büchners »Woyzeck« von 

GROSSMUTTER: Es war einmal ein arm Kind und hat kei Vater und kein Mutter war Alles tot und war Niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingangen und hat gerrt Tag und Nacht. Und wie auf der Erd Niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an und wie’s endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie’s zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum und wie’s zu den Sterne kam, warn’s klei golde Mücke, die warn angesteckt wie der Neuntöter sie auf die Schlehe steckt und wie’s wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein und da hat sich’s hingesetzt und gerrt und da sitzt’ es noch und ist ganz allein.

Georg Büchner : »Woyzeck«, Fragment, 1836/37

Ein Mann isst Erbsen, er isst monatelang gar nichts anderes als Erbsen, er dient Forschungszwecken, denn dafür gibt’s vom Professor ein paar Groschen und dazu noch ein paar für die Laufburschendienste, die er für einen Hauptmann versieht. Der arme Kerl: Das ist der wahnsinnig werdende, der gedemütigte, der miserable Woyzeck, »Subjekt Woyzeck«, wie der sehr moderne Doktor ihn nennt oder auch, wegen der bemerkenswerten mentalen Verirrungen dieses Versuchstiers Mensch: ein »interessanter casus«.

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Das Dramenfragment Woyzeck hat der nur 23-jährige Georg Büchner vor seinem Tod 1836/37 verfasst, und das Märchen von der kindlichen Verlassenheit steht mitten darin. Kaum ist es erzählt, wird Woyzeck zum Mörder. Mit diesem Drama ist dem Dichter »der vollkommenste Umsturz in der Literatur gelungen: die Entdeckung des Geringen«, so wird im 20. Jahrhundert der Schriftsteller Elias Canetti den beispiellosen Text würdigen. Man kann zumindest dies als eine Art Beruhigung auffassen: dass Woyzeck, diesem Geringen, für den auf Erden nirgends Trost, nirgends Erlösung war, doch immerhin in der Kunst eine Art Gerechtigkeit widerfuhr, durch die Hauptrolle, die er spielt. Aber diese getriebene Kreatur kennt keine Ruhe.

Woyzeck tötet nicht seine Peiniger, sondern er ersticht seine untreue Geliebte Marie, die Mutter seines unehelichen Kindes. Die singt Volkslieder und liest im Evangelium die Geschichte, wie Jesus der Ehebrecherin vergab. Unmittelbar vor diesem Mord wird im Drama das Märchen erzählt. »Großmutter, erzähl«, sagt das Kind und ruft die vermeintlich natürlichste Erzählweise hervor: Die Alten erzählen den Kleinen, sie vermitteln ihnen die Welt, auf dass es weitergehen kann. Und also erzählt die Großmutter dem Kind, nur wirkt dieses Märchen, als nähme es den schwärzesten Nihilismus vorweg: Es erzählt von der Existenz des Menschenkinds auf einer heillos entzauberten Welt, von seiner Verlassenheit zwischen dem Nichts, dem Nie und dem Niemand. Und kein Erbarmen.

Das Volkslied, die Bibel, das Märchen: Diese Überlieferungen liegen in Büchners Kunstauffassung ganz nah an jedermanns Menschennatur, ihre Motive sind auch für die vermeintlich Geringsten wiedererkennbar und können jedem sagen, was wirklich ist. Georg Büchner hat das Märchen in Woyzeck eigens erfunden, wie es zu seiner Zeit die romantische Form des Kunstmärchens den Dichtern gebietet und wie sie seither bis in Peter Rühmkorfs aufgeklärte Märchen fortgewirkt hat. Der Erfinder Büchner wählt einen besonderen Kunstgriff: Er sucht sich bekannte Bausteine für sein Märchen zusammen, besonders aus den Volksmärchen der Grimms: Er nimmt aus den Sterntalern die armselige Waisengeschichte, aus den Sieben Raben die enttäuschende Suche nach Sonne und Mond, die sich als menschenfleischgierige Kinderfresser entpuppen, und die Verlassenheit der kleinen weit Gewanderten entstammt dem Singenden, springenden Löweneckerchen. Jeder, der dieses Märchen in Woyzeck hört, wird meinen, es zu kennen, wiederzuerkennen, und doch kennt es so keiner. Es ist nicht einfach vertraut. Es ist neu. Die Geschichte geht also, anders, doch weiter.

So hat Büchner dem Nichts ausgerechnet in der vermeintlich natürlichsten Kunstgattung seinen verstörendsten Ausdruck gegeben und zugleich einen Gegenentwurf: im Märchen. Dort, wo es der Erwartung des Lesers nach besonders heimatlich, besonders vertraut zugehen soll, haben alle heimatlichen Instanzen nichts Schützendes mehr: Vater und Mutter, Sonne und Mond, Sterne und Erde. Das bedeutet die Umkehrung aller Ordnung, damit ist die Welt aus den Angeln gekippt. Nichts ist mehr gut. Das Entsetzen nimmt seinen Lauf, wenn niemand diesem Woyzeck Gerechtigkeit widerfahren lässt. Wenn niemand das Märchen auf neue Weise ins Recht setzt. Wenn sich keiner erbarmt.

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    • Schlagworte Georg Büchner | Elias Canetti | Angeln | Drama | Mond | Märchen
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