Auf die Frage, was ein Märchen ist, antwortet man am besten, indem man erklärt, was es nicht ist. Das Märchen ist nämlich keineswegs so harmlos und kindisch, wie uns viele Kinderbuchverlage mit ihren von Jahr zu Jahr süßlicher werdenden Illustrationen weismachen wollen. Das Märchen mag naiv sein, weil es an die Moral appelliert, aber es ist auch subversiv, weil es die Veränderbarkeit der Welt predigt. Hier geschieht das Unerhörte, dass der Schwache den Starken überwindet. Hier wird die Hexe verbrannt, der Wolf ersäuft, der Lindwurm zerstückelt. Immer wieder diese gewaltsamen Befreiungsakte. In drastischen Bildern malt das Märchen Modelle der einen Menschheitserfahrung: Das Böse ist überwindbar, aber nicht im Guten, sondern mit Gewalt.

Sind Märchen also revolutionär? Es gibt im Rumpelstilzchen gleich am Anfang eine Formulierung, die uns darauf aufmerksam macht, dass Untertanengeist die Ursache allen Übels ist. Über den armen Müller heißt es, er sei einmal dem König begegnet – »und um sich ein Ansehen zu geben«, behauptete er, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen. Diese kniefällige Lüge ist lebensgefährlich, sie muss durch Zauberei in Wahrheit verwandelt werden. Doch der Preis, den das Rumpelstilzchen für seine Goldspinnerdienste verlangt, ist viel zu hoch, und so gerät die Müllerstochter in eine neue ausweglose Lage. Damit man als Leser den Grund nicht vergisst, hat ein Schriftsteller in den 1970er Jahren das fatale »Sich-ein-Ansehen-geben-Wollen« satirisch ausgemalt. Franz Fühmann erzählt das Märchen als Posse, worin die Gesinnungswächter des Reiches den Müller auf den Besuch Seiner Majestät vorbereiten, indem sie ihm Antworten diktieren. Doch ach, der König geruht eine außerplanmäßige Frage zu stellen, das verwirrt den servilen Müller derart, dass er nach vielem Gestotter einfach drauflosflunkert. Indem Fühmann den Opportunismus lächerlich macht, empfiehlt er uns Unbotmäßigkeit. Das ist das erste wesentliche Märchenelement, das zweite ist Fantasie, hier verkörpert durch Rumpelstilzchen. Es steht für die Kreativität und die Verwandlungskraft als ursprüngliche Fähigkeiten, die der moderne Mensch verliert, wenn er sich dem Rationalismus unterwirft.

Unsere Zeit ist keine Zeit für Märchen. Die Erde scheint weiträumig erforscht, der Mensch in- und auswendig beschrieben, und manche Neurowissenschaftler behaupten sogar, bei der Vermessung der Seele erste Erfolge zu verzeichnen. Da bleibt kein Platz mehr für das Mysteriöse, das Dunkle, das Wunderbare. Da fehlt es zum Umsturz der Verhältnisse auch an Fantasie. Wenn heute ein Prinz an eine hohe Dornenhecke geritten käme und ein weiser Alter wollte ihm erklären, dass hinter dieser Hecke eine verzauberte Prinzessin in einem hundertjährigen Schlaf liege, dann würde er hohnlachend weiterreiten. Realistisch sein, bedacht handeln, nur das glauben, was man weiß, sich nicht sinnlos in Gefahr begeben, lieber alles lassen, wie es ist! Gegen diese Imperative einer zynischen Vernunft steht das Märchen mit seinen unvernünftigen Helden. Sie sind mutig, weil sie empfindsam sind. Das Geheimnisvolle zieht sie magisch an.

Und wir? Aus der alten irrationalen Angst vor Gespenstern entspringt die moderne rationalistische Furcht vor dem Unerklärlichen – sie zeigt sich nicht nur als geharnischter Wissenschaftsoptimismus, sondern auch als Geringschätzung der Poesie, die ja nichts anderes ist als die Fähigkeit, das Ungeheuerliche unserer Existenz auszudrücken: dass die Welt größer ist als der Kopf.

Woher kommen die Märchen? Aus dem Wunsch, die Welt poetisierend zu verbessern. Warum sind die Märchen unzerstörbar? Weil sie von unseren Träumen und unserer Verzweiflung handeln. Sie geben der irren Hoffnung Raum, dass die Not überwunden werden kann. So heiratet Aschenputtel den König, und so beendet der Drachentöter mit einem Schwertstreich die Schreckensherrschaft des Drachen. Dieser umstürzlerische Wesenszug des Märchens war zu allen Zeiten beunruhigend. Deshalb wurde E.T.A. Hoffmann im 19. Jahrhundert für seine Elixiere des Teufels als Gespensteronkel verspottet. Deshalb war Jewgenij Schwarz im 20. Jahrhundert wegen seines Drachen als Dissident gefürchtet.

Märchenlektüre heißt, an das Gute glauben lernen. Das Gute begegnet dem kindlichen Leser zuerst in märchenhafter Gestalt, zum Beispiel als schöner tapferer Prinz, der die unglückliche Prinzessin aus ihrem hundertjährigen Schlaf erlöst und das wie tot liegende Schloss zum Leben erweckt. Diesen einen Helden kann die Dornenhecke, in der schon viele jämmerlich verblutet sind, nicht aufhalten. Wider alle Vernunft stürzt er sich hinein und wider alle Wahrscheinlichkeit erblühen die Rosen, schlägt Dornröschen die Augen auf, beginnt die Erde sich zu drehen. Unvergesslich der Kuss, der den Stillstand beendet. Unvergesslich die Ohrfeige, die der Koch dem Küchenjungen im Moment des Aufwachens gibt. Das Leben geht exakt da weiter, wo es durch den Zauber unterbrochen wurde, und das Wutgeheul des Jungen ist der Geburtsschrei einer besseren, glücklicheren, vom Fluch erlösten Welt.

 

Denn im Märchen ist das Gute nicht einfach nur das Gegenteil des Bösen, sondern etwas Unwahrscheinliches: List der Einfältigen und Kraft der Schwachen, Lohn der Angst und Erziehung des Herzens. Mit den Brüdern Grimm beginnt für die meisten Deutschen ihre Lesebiografie, die auch eine romantische Form von Aufklärung ist. Die Kardinaltugenden Mut, Treue, Mitleid werden uns hier zur Nachahmung anempfohlen. Die Untugenden Stolz, Selbstsucht, Neid und Hartherzigkeit sollen unseren Abscheu hervorrufen. Dabei entwickeln wir einen Sinn für das Literarische, der sich zu einer lebenslangen Vernarrtheit in Bücher auswachsen kann. Nach den Grimms lesen wir Hauff, nach Hauff Tieck, nach Tieck Novalis, nach Novalis Goethe und den ganzen Rest.

Früher war die Bibel das Buch der Bücher. Seit Luthers sprachgewaltiger Übersetzung stand sie als Orientierung gebendes Volksbuch in immer mehr Haushalten. Das Volk las die Heilige Schrift auf Deutsch, um sich moralisch zu erbauen, aber auch, um sich an den wohlgesetzten Worten zu ergötzen. Lesen wurde für das aufkommende Bürgertum und für gebildete die Arbeiterschaft zur Selbstverständigung. Doch allmählich wuchs das Bedürfnis nach weltlicher Lektüre – und die Grimms erfüllten es wie niemand zuvor durch ihre schlichte, moralisierende, spannungsvolle, identifikatorische Prosa. Dass auch christliche Motive vorkamen, hat wohl geholfen.

In dem Märchen Der Arme und der Reiche wandert der liebe Gott auf der Erde umher, und es überfällt ihn die Nacht, ehe er eine Herberge findet. Zufällig stehen am Weg zwei Häuser, das eine prächtig, das andere ärmlich. Wir ahnen es schon: Gott kommt natürlich nicht bei dem Reichen, sondern bei dessen armem Nachbarn unter. Dafür wird der Hungerleider auf ganz märchentypische Weise belohnt, er hat drei Wünsche frei, die er bescheiden formuliert. Dem neidischen Reichen hingegen, der sich drei Wünsche erschleicht, bekommt seine Gier schlecht. Am Ende hat er nichts als Ärger, »die Armen aber lebten still und fromm bis an ihr seliges Ende«. Still sei der Mensch, hilfreich und fromm! Wie in der Bibel also auch im Märchen soll unsere Sympathie den Erniedrigten und Beleidigten gelten. Linke Interpreten haben richtig bemerkt, dass das Märchen sozialkritisch ist, ohne jedoch die systemstabilisierende Tendenz zu sehen. Märchen sind nicht revolutionär, denn sie predigen außer Mut auch Demut. Sie erziehen dazu, der Gefahr zu begegnen, aber ermuntern an keiner Stelle zum Königssturz. Dass gelegentlich ein Hüttenbewohner in den Palast einheiratet, ist pures Glück.

Und doch kann man mit Recht behaupten, dass die Märchen unsere Idee von Gerechtigkeit geprägt haben. Man denke nur an Wilhelm Hauffs Kaltes Herz, worin uns das Reichseinwollen und das Gewinnstreben gründlich verleidet werden. Der arme Kohlenmunkpeter kann ein reicher Peter nur um den Preis seines Herzens werden. Der Holländer Michel, der Dämon des Frühkapitalismus, reißt es ihm aus der Brust und ersetzt es durch einen Stein. Um sein fühlendes Herz zurückzuerlangen, muss Peter arm werden wollen – und Hauff beschreibt uns den inneren Kampf des bedauernswerten, verabscheuungswürdigen Helden mit großer Kunstfertigkeit.

Fließend ist der Übergang vom Volksmärchen zum Kunstmärchen. Durchlässig ist die Grenze zwischen den deutschen Märchen und den russischen, amerikanischen, arabischen Märchen der Welt. Weil die grundlegenden Probleme des Menschseins überall gleich sind, weil also die morgenländischen Kalifen ganz ähnliche Sorgen haben wie die abendländischen Könige, leuchtet der Goethesche Gedanke einer Weltliteratur dem Märchenleser sofort ein. Weil aber die Dschinnen sich von den Hexen doch unterscheiden, überzeugt uns auch Herders Begriff der nationalen Volkskulturen. Was Herder begann, setzten die Romantiker fort, indem sie das Nationale und das Universale versöhnten. In der Volkspoesie sahen sie weltumspannende Themen heimatlich gestaltet. Die Heimat der überlieferten Texte aber war am Beginn des 19. Jahrhunderts gefährdet: Verstädterung drohte den dörflichen Erzählraum zu zerstören, Alphabetisierung schnitt das kulturelle Gedächtnis von den mündlichen Traditionen ab. So trafen Grimms Märchen auf eine elementare Sehnsucht nach Zugehörigkeit in einer Epoche transzendentaler Heimatlosigkeit.

Diese Sehnsucht scheint bis heute nicht gestillt. Zuletzt hat Joanne K. Rowling ihr Tribut gezollt, als sie für die Pottersche Zauberwelt eigene Volksmärchen erfand: Die Märchen von Beedle dem Barden . Hier können die Helden selber zaubern, doch Zauberer müssen wie normale Menschen die Lebenstatsache meistern, dass Magie ebenso viele Schwierigkeiten verursacht, wie sie beseitigt. Rowling entwirft eine Welt, wo das Fantastische ganz real und das Reale fantastisch ist. Auch bei ihr gibt es die wohlbekannte Didaktik der Grausamkeit: Töten und Schmerzzufügen, Erlösung durch Aus-der-Haut-Peitschen und Erlösung durch An-die-Wand-Werfen.

 

Geht es nicht friedlicher? Über die Grausamkeit der Märchen streiten die Wissenschaftler schon ewig, am populärsten wurde die psychoanalytische Deutung der Vernichtungsfantasien – obwohl gewisse schlüpfrige Interpretationen, dass etwa die Hexe Hänsels Penis befühlt, schon immer etwas Lächerliches hatten. Franz Fühmann erfindet in seinem Rumpelstilzchen denn auch die komische Figur des Psychoanalraths, der analysiert: Der Müller sei auf der anal-sadistischen Stufe des Kindheitsalters stecken geblieben und setze, »filzig, egozentriert, alle Gedanken aufs Gold gerichtet«, im Unbewussten Kot und Gold gleich. Denken Sie an den dukatenscheißenden Esel!

Vielleicht müssen im echten Märchen das Böse und das Gute drastisch dargestellt werden, damit wir unterscheiden lernen, was im Leben selten getrennt vorliegt. Es gibt ja die strikte Trennung auch im Märchen nur manchmal. Wieso wird die böse Stiefmutter in einem Fass voller Nägel den Hang hinabgerollt? Wie passen mörderische Strafen zur versöhnlichen Formel vom Glück ohne Ende? Der moralische Rigorismus des Märchens ist eine Fiktion und wird schon dadurch widerlegt, dass verhängtes und selbst verschuldetes Unglück ineinandergreifen. Dornröschen öffnet die verbotene Tür, Rotkäppchen weicht vom Weg ab, die Königstochter betrügt den Frosch. All diese Fehltritte werden jedoch belohnt. Warum?

Nicht jede Frage, die das Märchen aufwirft, lässt sich klar beantworten. Dass wir das Gefürchtete erschaudernd begehren und das Begehrte fürchten, dieser Widerspruch ist hier eben nicht getilgt, sondern gestaltet. Der Mensch erscheint als das widerspruchsvolle Natur- und Gesellschaftswesen, das er ist. Stur beharrt er in hoffnungsloser Lage auf Hoffnung.

Die Grimmschen Märchen sind eine besondere Schule des Herzens, denn sie lehren uns Erschütterbarkeit. Sie bereiten uns vor auf den Ritt in die Dornenhecken des Lebens und stiften uns an zur Ruhestörung. Märchen zu lesen heißt, sich immer aufs Neue zu fragen, was von den berichteten Schrecknissen in der eigenen Seele Wirklichkeit sei.