Italien Die letzte Schlacht des Patriarchen
Berlusconis Ende scheint näher zu rücken. Paradoxerweise könnte davon auch die Mafia profitieren
© Giuseppe Cacace/AFP/Getty Images

Sein politisches Ende naht: Silvio Berlusconi, skandalumwitterter Premier von Italien
Wie lange hält sich Berlusconi noch? Wie lange bleibt er noch an der Macht? Die Frage stellt sich nach jedem neuen Skandal. Sexaffären, Korruptionsanklagen, jetzt sogar der konkrete Vorwurf eines Mafia-Aussteigers, Berlusconi habe schon 1993 Kontakte zur sizilianischen Cosa Nostra gehabt. Die Anschuldigungen klingen immer dramatischer, Berlusconis Rundumschläge gegen eine »kommunistische Verschwörung« klingen immer abgedroschener. Immer öfter droht er mit Neuwahlen. Der Glaube der Italiener, es gebe zu ihm keine Alternative, ist seine letzte Hoffnung, an der Macht zu bleiben.
Dieser Glaube bröckelt. Zwar bietet die Mitte-links-Opposition der Demokratischen Partei nach wie vor ein trauriges Bild. Geschlagene acht Monate lang ist sie führerlos geblieben, hat also just in dem Moment versagt, als Berlusconis sexuelle Eskapaden Italien vor der Weltöffentlichkeit der Lächerlichkeit preisgaben.
Doch abseits parteilicher Strukturen ist eine außerparlamentarische Opposition entstanden. Da wäre zum einen die Kirche, die sich, ein Novum in der Nachkriegsgeschichte, immer wieder offen gegen den Premier stellt. Da wären die Intellektuellen, die allzu lange geschwiegen haben. Einen Appell des Schriftstellers Roberto Saviano an Berlusconi, sich seinen Gerichtsprozessen zu stellen, haben bereits 500.000 Bürger unterschrieben. Tausende von Schülern und Studenten protestierten auch in diesem Herbst wieder gegen die Regierung. Zu einem von Bloggern organisierten »No-Berlusconi-Day« trafen sich am Samstag Hunderttausende junge Leute in Rom. Der über das Internet organisierte fröhliche Protest ließ den weidwunden Patriarchen Berlusconi noch älter erscheinen: Selbst sein Medium, das Fernsehen, mit dem er Italien so lange betörend und betäubend in Schach hielt, ist von gestern.
Die Aktionen der Internetgeneration zeigen, dass die Protestkultur in Italien doch nicht ganz erstickt ist. Allerdings ist sie parteipolitisch nicht mehr so eindeutig zuzuordnen wie früher. Auf der Kundgebung in Rom wurden Rufe nach Gianfranco Fini laut. Ausgerechnet Fini, der Parlamentspräsident und Stellvertreter Berlusconis, ist zugleich dessen schärfster Kritiker. Aus dem Ausland erfährt er inzwischen viel Unterstützung. In der Partei wiederum wird er attackiert, kürzlich wurde ihm gar mit Ausschluss gedroht. Denn der Mann, der einst Mussolini als »größten Staatsmann des 20. Jahrhunderts« bezeichnet hat, präsentiert sich nun als Verteidiger demokratischer Institutionen gegen seinen Premierminister. Ein geläuterter Neofaschist als Bannerträger der Demokratie: Das ist Italien heute. Und es ist vielleicht die einzige Chance des Landes.
Noch ist Finis Rolle unklar: Ist seine Haltung echt, oder gibt er nur den Part des Kritikers, für den Berlusconi selbst ihn auserwählt hat? Vieles deutet darauf hin, dass Fini nicht weitere drei Jahre warten will, bis er die Macht in der Partei und im Land übernehmen kann. Er ahnt, dass es dann für ihn und sein Projekt zu spät sein könnte: denAbschied von dem ebenso antidemokratischen wie anachronistischen Führerkult und den Aufbau einer modernen, europäisch ausgerichteten, konservativen Partei.
Denn nicht nur um Berlusconi zieht sich die Schlinge zu, auch um Italien. Seit 15 Jahren geht es in diesem Land nur um Berlusconi, die Politik kennt kein anderes Thema, er selbst sowieso nicht. Und er kennt keine Grenzen, schon gar nicht die der Verfassung. Indem Berlusconi die demokratischen Institutionen aushöhlt und schwächt, spielt er der Mafia in die Hände. Das ist die große Gefahr für Italien, und sie ist real. Um seine eigene Haut zu retten, will der Premier jetzt die Laufzeit für Prozesse und damit auch für die Verfahren gegen die Mafia verkürzen lassen. Das hieße, das Land im Interesse des Regierungschefs den Bossen zu übergeben – wenn man ihn denn gewähren lässt.
Lange haben Berlusconis Gefolgsleute in jeder Beziehung von ihm profitiert, er bot ihnen Geld, Einfluss und Macht. Jetzt ahnen sie, dass sie sich in eine Sackgasse manövriert haben. Und suchen nach Auswegen. Aber wahrscheinlich wird die letzte Schlacht des Patriarchen auch bei ihnen einen Trümmerhaufen hinterlassen. Der Berlusconismus endet vermutlich nicht mit einer dringend notwendigen Selbstreinigung, sondern in purer Erschöpfung. Zurück bleibt ein politisch zermürbtes Land, das viele bereits aufgegeben haben. Denn trotz Blogger-Aktionen und Schüler-Demonstrationen: In den vergangenen Jahren haben so viele junge Akademiker Italien den Rücken gekehrt wie noch nie zuvor. Die Besten verlassen ein marodes Land.
- Datum 10.12.2009 - 08:05 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.12.2009 Nr. 51
- Kommentare 15
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WAR mal mein Lieblingsurlaubsland. Aber der beschriebene Verfall ist an jeder Ecke zu sehen/spüren. Schade Schade
wieso jeder seiner gesetzesanpassungen hilft der mafia. berlusconi ist teil der mafia. warum fragt eigentlich niemand woher sein geld kam mit dem er sein presseimperium aufbaute !
"In den vergangenen Jahren haben so viele junge Akademiker Italien den Rücken gekehrt wie noch nie zuvor."
Nur eine Anekdote, aber ich bin kürzlich bei einer wissenschaftlichen Konferenz in Dortmund auch einem italienischen Doktoranden begegnet, der fest sagte, daß er nie wieder in Italien leben wollte...
in italien haben wir zur zeit eine wahre diktatur. dieser mann denkt nur an sich und wie er sich vor der justiz retten kann. mit seinen medien erzaehlt er den menschen was er will und die mehrheit glaubt das sogar. kein wunder , denn nur wenige hoeren und lesen was die auslaendischen medien ueber ihn und italien berichten. sie sind wie verzaubert von diesem mann und sehen nicht wie die wirkliche lage ist. unglaublich . ich diskutiere jeden tag mit "ueberzeugten berlusconianern" und muss sagen , dass es einfacher waere einen esel zu ueberzeugen.
auf den süßen italienischen nachbarn. elegant, mafiös, unfähig, chaotisch, caesaristisch.
Jetzt bekommen die Berlusconikritiker (besonders die aus dem Ausland, die immer so tun als hätten sie alles verstanden)Ihr Fett weg: Sie helfen Fini an die Macht: die größte "Mediation Force" Europas (hat z. B. den Front National ideologisch mitgegründet). Da könnt Ihr Euch dann wundern, welche Inhalte in die (europäische)Politik implementiert werden.
Fini wird sich bei solchen Redakteuren bedanken, die durch Berlusconi-Spaghetti-Stacheleien zu seinem Aufstieg beigetragen haben.
Herzlichen Glückwunsch!
Eine sehr deutsche Meinung. Geprägt von dem festen Glauben, dass es in einem Land etwas ändert, welcher Politiker an der Macht ist.
Die Politiker hingegen sind vielmehr ein Symptom dessen, wie die Leute im Land denken. Berlusconi ist extrem narzistisch und hat es gerade deswegen an die Regierung geschafft. Seine Gegner bügelt er mit zum Teil unverschämten Seitenhieben nieder.
In der Opposition gibt es keinen, der ihm an Schlagfertigkeit gewachsen ist. Der einzige, der es war, ist Romano Prodi, der aber, nach zwei Niederlagen, die ihm seine eigenen Koalitionspartner (die letzte vom UDEUR, weil die Frau des Vorsitzenden wegen Mafiöser (!) Tätigkeiten in Kampanien verhaftet wurde) zugefügt haben, die Schnauze ordentlich voll hat.
Der einzige, der derzeit noch dagegenhält ist der Staatspräsident, der bei den Leuten noch genug Achtung geniesst, so dass er Berlusconi noch bremsen kann.
Dass Berlusconi "von der Mafia eingesetzt" wäre, wage ich schwer zu bezweifeln. In seine Regierungszeit fallen Festnahmen, die der Mafia empfindliche Schwächen in ihrer Struktur zugefügt haben.
Die neuesten Anschuldigungen gegen ihn werden von jemandem vorgebracht, der 40 Morde auf dem Kerbholz hat und dies nach einem Jahr des Schweigens.
Das eigentlich bedrückende ist, dass es keine Opposition mehr gibt in Italien, und dann kommen immer Probleme auf. Auch in Deutschland sah's schlecht aus nach 16 Kohl, in denen die SPD keinen Plan hatte.
in europa ist nicht alles besser geworden. merkmale sind zu feste strukturen..das ist in griechenland so, in italien und etwas auch in großbritannien.
Ich habe in meinem Freundeskreis auch Italiener und kenne auch
Griechen.
Diese Menschen haben ein anderes Verhältnis zu Staat, wie wir
Deutsche. Die Mentalität ist so, erst kommt die Familie, dann
der Freundeskreis oder Nachbarschaft und als NOTWENDIGES ÜBEL
zuletzt der Staat. Hat Jemand in der Gesellschaft Einfluss, wird er versuchen Menschen seiner Familie in staatliche Institutionen unterzubringen, und erwartet als Gegenleistung
dass man ihm dann gut gesonnen ist.
Für die kleinen Leute ist ein Mann wie Berlusconi ein Vorbild.
Dieser führt die Justiz an der Nase rum, verschafft sich durch sein Amt Vorteile für sich und seine Leute, alles das, was der kleine Mann auch gern möchte, und deswegen wird erauch gerade von den kleinen Leuten verehrt.
Ich habe in meinem Freundeskreis auch Italiener und kenne auch
Griechen.
Diese Menschen haben ein anderes Verhältnis zu Staat, wie wir
Deutsche. Die Mentalität ist so, erst kommt die Familie, dann
der Freundeskreis oder Nachbarschaft und als NOTWENDIGES ÜBEL
zuletzt der Staat. Hat Jemand in der Gesellschaft Einfluss, wird er versuchen Menschen seiner Familie in staatliche Institutionen unterzubringen, und erwartet als Gegenleistung
dass man ihm dann gut gesonnen ist.
Für die kleinen Leute ist ein Mann wie Berlusconi ein Vorbild.
Dieser führt die Justiz an der Nase rum, verschafft sich durch sein Amt Vorteile für sich und seine Leute, alles das, was der kleine Mann auch gern möchte, und deswegen wird erauch gerade von den kleinen Leuten verehrt.
Ich habe in meinem Freundeskreis auch Italiener und kenne auch
Griechen.
Diese Menschen haben ein anderes Verhältnis zu Staat, wie wir
Deutsche. Die Mentalität ist so, erst kommt die Familie, dann
der Freundeskreis oder Nachbarschaft und als NOTWENDIGES ÜBEL
zuletzt der Staat. Hat Jemand in der Gesellschaft Einfluss, wird er versuchen Menschen seiner Familie in staatliche Institutionen unterzubringen, und erwartet als Gegenleistung
dass man ihm dann gut gesonnen ist.
Für die kleinen Leute ist ein Mann wie Berlusconi ein Vorbild.
Dieser führt die Justiz an der Nase rum, verschafft sich durch sein Amt Vorteile für sich und seine Leute, alles das, was der kleine Mann auch gern möchte, und deswegen wird erauch gerade von den kleinen Leuten verehrt.
Dank Berlusconi steht dieses Land am Rande des Ruins.
Berlusconi benutzt, wie durch den letzten Sexskandal zu sehen und hören war, nicht nur Frauen und bietet sie grosszügig seinen potenten Gästen an - nein, er erzählt auch noch stolz und offen für die Liebesdienste nie bezahlt zu haben, genau so wie er das Land benutzt - besser gesagt ausnutzt - zu seiner persönlichen Bereicherung (und der seiner "organisierten Freunde", Opportunisten und Mitläufer) ohne dass er jemals dafür wird bezahlen müssen.
Er hat das Land und einen grossen Teil der vernünftigen, rechtschaffenen Menschen jahrelang vergewaltigt und für seine eigene Straffreiheit bestens vorgesorgt... es sei denn es geschehen Wunder. Aber die können das jetzt schon abgewirtschaftete Land kaum mehr retten. UNGLAUBLICH TRAURIG.
Dank Berlusconi steht dieses Land am Rande des Ruins.
Berlusconi benutzt, wie durch den letzten Sexskandal zu sehen und hören war, nicht nur Frauen und bietet sie grosszügig seinen potenten Gästen an - nein, er erzählt auch noch stolz und offen für die Liebesdienste nie bezahlt zu haben, genau so wie er das Land benutzt - besser gesagt ausnutzt - zu seiner persönlichen Bereicherung (und der seiner "organisierten Freunde", Opportunisten und Mitläufer) ohne dass er jemals dafür wird bezahlen müssen.
Er hat das Land und einen grossen Teil der vernünftigen, rechtschaffenen Menschen jahrelang vergewaltigt und für seine eigene Straffreiheit bestens vorgesorgt... es sei denn es geschehen Wunder. Aber die können das jetzt schon abgewirtschaftete Land kaum mehr retten. UNGLAUBLICH TRAURIG.
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