Bolivien Ich bin ein IndianerSeite 2/2

Während die Elite den Pyramidenbauern huldigte, versuchte sie, deren Nachfahren in die mestizische Gesellschaft einzubinden – eine Politik, die sich in verschiedener Ausprägung bald in ganz Lateinamerika wiederfinden sollte. Indianer galten nunmehr in erster Linie als Bauern, die man zu entwickeln hatte. Kritiker monierten, dadurch werde der tote Indio geehrt, während sein lebendiger Nachfahre, das ewige Fortschrittshemmnis, sich im Schmelztiegel der mestizischen Gesellschaft aufzulösen habe.

Auch die Revolution sah in Indianern nicht so sehr die Kultur, sondern die Klasse. Als Che Guevara etwa nach Bolivien reiste, um den Umsturz einzuleiten, sah er sich oft außerstande, mit den Indianern zu kommunizieren, und war doch überzeugt, dass sie ihn als Unterdrückte auch so verstünden.

Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte sich die indianische Linke vom Klassenkampf lösen und sich auch auf den Wunsch nach größerer Autonomie konzentrieren. Die Demokratisierung lateinamerikanischer Länder verschaffte Indianern politischen Spielraum. Gleichzeitig fühlten sie sich von der neoliberalen Politik, die in vielen Ländern mit der Demokratisierung einherging, bedroht, standen sie doch nun etwa in Konkurrenz mit großen Agrarkonzernen. Beides führte in den Achtzigern und Neunzigern erstmals zur Entstehung einer breiten demokratischen Bewegung, die von Indianern organisiert wurde.

Einer von ihnen war der Kokabauer und Gewerkschaftsführer Evo Morales, ein Aymara und typischer Vertreter moderner Indianer Boliviens. Früher lief er am liebsten in Jeans und Lederjacke herum, er ist sich seiner Tradition bewusst und spricht Aymara doch nur brüchig. Die meisten bolivianischen Indianer leben heute in Städten, auch wenn sie eine Scholle auf dem Land besitzen, sie sind moderne globalisierte Bürger und gleichzeitig stolz auf ihr indianisches Erbe. Und sind damit so anders als das Rousseausche Ideal des »bäuerlichen Ureinwohners«, das Morales in der neuen Verfassung festschreiben ließ, die er nicht besonders demokratisch durchboxte. Die Passage lässt sich am ehesten mit dem Einfluss der mächtigen indianischen Bauerngewerkschaft erklären. Denn keine Politik der Welt, so sehr sie sich auch für indianische Belange einsetzen möge, kann die Jahrhunderte der mestizaje rückgängig machen.

Das zeigt schon die Tracht der indianischen Frauen, der cholitas, das Nationalsymbol schlechthin: schwarzer Hut zu langen Zöpfen, Bluse, Rock, dazu ein breites, bunt gewebtes Tuch. Im 18. Jahrhundert wurde sie den Indianerinnen von einem spanischen König oktroyiert, heute tragen sie die Tracht mit Stolz. Hergestellt werden die berühmten Röcke übrigens meist in Südkorea.

 
Leser-Kommentare
  1. Evo Morales missbraucht "indianische" Identität. Unterm Strich ist er ein durchschnittlicher Machtmensch, der es mit der Demokratie nicht so ernst nimmt, sobald sie seinen Interessen nicht entgegen kommt. Ausserdem benimmt er sich international wie ein Elefant im Porzellanladen, was am wenigsten der armen Landbevölkerung zugute kommt.
    Damit steht er in der Tradition bolivianischer Politiker, die sich hauptsächlich durch Unfähigkeit hervor getan haben. Um die Misserfolge zu vertuschen greift er dann stets zum Nationalismus und schiebt die Schuld internationalen Verschwörungen in die Schuhe.

  2. "Und sind damit so anders als das Rousseausche Ideal des »bäuerlichen Ureinwohners«, das Morales in der neuen Verfassung festschreiben ließ, die er nicht besonders demokratisch durchboxte."

    Die neue Verfassung ist durch eine Volksabstimmung angenommen worden, also demokratisch legitimiert.

    Die Aussage der Artikelverfasserin könnte diesbezüglich ein bisschen konsistenter sein, was ist mit der Aussage "nicht besonders demokratisch durchgeboxt" zu verstehen ist.

    Hat das [entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ew] bolivianische Volk nicht verstanden, was es eigentlich zu bestimmen hatte?

    Manche Leute unterstellen dem Souverän wirklich nur Dummheit und Unfähigkeit.

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