KlimaschutzÜber den Tellerrand hinaus

Im belgischen Gent verzichten die Bürger einmal pro Woche auf Fleisch. Denn sie wissen: Fast ein Fünftel der Treibhausgasemissionen geht aufs Konto der Viehzucht. von 

Teller Gemüse Vetegarier vegetarisch

Einmal pro Woche auf Fleisch zu verzichten soll dem Klima helfen und 170 Kilogramm Kohlenstoffdioxid einsparen  |  © Dot.ti/Photocase

Am Anfang war es nur die kurios anmutende Idee einiger belgischer Vegetarier. Dass schließlich die ganze Stadt mitziehen würde, ja dass diese weit über die Landesgrenzen hinaus Aufsehen erregen und Journalisten aus der ganzen Welt anziehen würde, ahnte kaum jemand. Und doch ist Gent nun plötzlich Vorbild für Klimaschützer rund um den Globus.

Selbst Tobias Leenaert ist von dem Erfolg etwas überrascht. Dabei hat der schmächtige junge Mann mit dem blassen Gesicht die ganze Sache überhaupt erst ins Rollen gebracht. Er war es schließlich, der auf die Idee kam, den Vorsitzenden des Weltklimarats (IPCC) und Friedensnobelpreisträger Rajendra Pachauri nach Gent einzuladen. »Ich habe ihn einfach gefragt, ob er kommt«, sagt Leenaert bescheiden.

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Als Pachauri zusagte, nutzte Leenaert seine Chance. Denn als radikaler Veganer und Vorsitzender des belgischen Vegetarierbundes verzichtet er schon seit Jahren auf Fleisch, auf Milch- und Eiprodukte. Dass »es viele gute Gründe gibt, sich vegetarisch zu ernähren«, kann Leenaert im Schlaf herunterbeten. Dass nun auch noch der Klimawandel dazukommt, macht aus seiner persönlichen Überzeugung eine politische Botschaft.

Und Pachauri verhalf dieser Botschaft in Gent zum Durchbruch. Im Audimax der örtlichen Universität redete der Klimaforscher rund 600 Zuhörern eindringlich ins Gewissen. »Die Viehzucht verursacht nicht weniger als 18 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen«, dozierte Pachauri und prangerte »die Fleischproduktion und die damit verbundene Landnutzung« als einen »der wichtigsten Faktoren für den Klimawandel und die globale Erwärmung« an. Den erschrockenen Genter Bürgern rechnete der Inder vor, dass schon ein einmaliger Fleischverzicht pro Woche zur Einsparung von 170 Kilogramm CO₂ im Jahr führe. Wenn also alle 240.000 Einwohner der Stadt Gent sich einmal in der Woche vegetarisch ernährten, könnte man damit die Emissionen von 18.000 Autos wettmachen.

Im Übermaß

Die Vegetarierquote in Deutschland liegt im einstelligen Prozentbereich. Fleisch und Wurst gehören zum Speiseplan der allermeisten. Rund hundert Gramm am Tag essen deutsche Männer, Frauen etwa die Hälfte. In der EU stagniert der Konsum tierischer Proteine auf hohem Niveau – zumindest in den alten 15 Mitgliedsstaaten. Bei den neuen Mitgliedern steigt er noch. Und global ist die Verteilung der Fleischrationen noch sehr ungleich, isst ein Europäer durchschnittlich 90 Kilo Fleisch im Jahr, ein Inder nur fünf.

Auch Tom Balthazar saß bei diesem Vortrag im Publikum. Balthazar, ein breitschultriger, kräftiger Zweimetermann, war beeindruckt. »Zunächst habe ich die Idee der Vegetarier belächelt«, gibt er zu, »doch diese Zahlen haben mich überzeugt.« Als Leiter des Umweltdezernats verhalf Balthazar anschließend Leenaerts Vorschlag zum Durchbruch.

Nach längeren Diskussionen im Stadtrat hat Gent inzwischen als erste Stadt der Welt einen fleischfreien Wochentag eingeführt. Seit diesem Sommer heißt, dem Klima zuliebe, die Parole » Donderdag Veggiedag « – jeden Donnerstag ist das Hauptgericht in allen öffentlichen Kantinen und Schulmensen vegetarisch, an allen anderen Tagen gibt es zusätzlich vegetarische Alternativen. Ein Fall von Ökodiktatur? Eher von sanftem Druck.

Die Stadtverwaltung unterstützt die Kampagne offiziell mit Personal und Finanzen, etwa hundert Gastwirte beteiligen sich freiwillig. Wer partout ein Steak auf dem Teller möchte, findet in Gent natürlich auch donnerstags noch einen passenden Mittagstisch. Aber alle Bürger werden in entsprechenden Flyern freundlich eingeladen, doch mitzumachen beim Klimaschutz mit Messer und Gabel. An den Genter Schulen läuft ein begleitendes pädagogisches Programm, denn die Kommunalpolitiker wissen: Am besten kommt man an die Eltern über die Kinder heran. Und im Tourismusbüro liegen Stadtpläne aus, die all jene Lokale ausweisen, die sich am Veggiedag beteiligen.

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