Japanische Touristen Leiden am Paris-SyndromSeite 2/2

Ein Tourist, der für wenige Tage in Paris weilt, mag solche Demütigungen ohne bleibende Narben verkraften, zumal, da sich immer mehr Hotels Mühe geben, auf die besonderen Bedürfnisse ihrer japanischen Gäste Rücksicht zu nehmen. Das George V an den Champs-Elysées etwa empfängt Japaner nach ihren Ausflügen in die Stadt stets mit einer Tasse frisch gebrühten grünen Tees. Jeden Abend liegen ihre Pyjamas frisch gewaschen und gebügelt auf ihren Betten. Richtig schlimm aber treffe es diejenigen, die länger bleiben, weil sie hier studieren oder eine Zeit lang arbeiten wollen, sagt Matsushita. »Sie wagen sich oft gar nicht mehr aus ihrer Wohnung oder entwickeln Halluzinationen.«

Sie erinnert sich noch gut, wie es war, als sie selbst vor 30 Jahren nach Paris kam, mit einem französischen Ehemann, den sie in Japan kennengelernt hatte. Der Alltag habe sie damals vollkommen überfordert. »In Frankreich treffen Sie auf eine Kultur, in der das Individuum zählt.« Dass man in einem Wohnhaus seine Nachbarn nicht kennt, sei hier normal, in Japan aber undenkbar. »In der japanische Gesellschaft finden nahezu alle Aktivitäten in der Gruppe statt«, sagt sie. »Sie arbeiten gemeinsam, verbringen ihre Freizeit gemeinsam.«

Es war deshalb wohl nur klug, dass sich die blonde Junko diesmal einer Reisegruppe angeschlossen hat, um den Kulturschock etwas abzumildern. Außerdem hat sie daheim einen Französischkurs belegt. Für die Sängerin geht es auf dieser Reise um sehr viel. In Japan nennt sie sich »Euro«, eine, die in Europa war, man verehrt sie für ihre Interpretationen der Chansons von Edith Piaf. »Ich finde, dass ich die französische Kultur besser verstehen muss, um Ediths Chansons richtig zu interpretieren«, sagt sie und tritt an den Bordstein. Ihr Blick wandert nervös über die Straße.

Junko und ihre Gruppe – viele der Mitreisenden sind Fans von ihr – wollen ins ehemalige Künstlerviertel Montmartre. Fünf Minuten lang stecken sie die Köpfe zusammen und diskutieren: Metro oder Taxi? Sie entscheiden sich gegen die Metro. Da könnte sich schon wieder so eine peinliche Situation ergeben wie eben im Hotel, außerdem haben sie alle das Faltblatt des Konsulats gelesen und fürchten sich ein bisschen.

Nur Sugimoto Akira, ein schmaler Mann um die fünfzig, findet die Skepsis seiner Mitreisenden übertrieben. »Ich habe bisher nur freundliche Franzosen kennengelernt«, sagt er, während das Taxi über den breiten Boulevard Haussmann in Richtung Nordosten fährt. Die glänzenden Fassaden der großen Kaufhäuser verschwinden im Rückspiegel. Hinter den Galéries Lafayette werden die Straßen enger und schäbiger. Akira stimmt eine A-capella-Version von C’est si bon an, als wollte er gegen die Masse der Ramsch- und Souvenirläden da draußen ansingen. An der Place du Tertre, wo die Gruppe sich wieder treffen will, rundet er die Taxirechnung von 7,70 Euro großzügig auf zehn Euro auf. Der Chauffeur hat seinen Gesang gelobt.

Auch Junko steigt aus einem Taxi und eilt mit schnellen Schritten auf ein altes Haus zu. Sie legt ihre Hände theatralisch an die Mauer. Ob sich so der Geist jener Zeit aufsaugen lässt, nach der sie sich so sehnt? Das ehemalige Künstlerviertel ist ja längst ein Kunsthandwerkerviertel geworden. Die vielen Porträtmaler rund um den Platz hoffen alle aufs schnelle Geld. Ein Passant schnippt eine aufgerauchte Zigarette vom Finger. Die Kippe landet direkt vor den Japanern. Sie schauen betreten zur Seite. In Tokyo würde das niemand wagen. Paris sei schon ein bisschen schmutzig, kommt Kritik, Reklamezettel im Rinnstein, gebrauchte Servietten, Flaschenkorken.

Doch Junko hat sich offenbar vorgenommen, sich von solchen Kleinigkeiten diesmal nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Flink erklimmt sie die Stufen von Sacré Cœur und stimmt gleich ein Chanson an. Und was für eine Überraschung! Der Jongleur hört auf zu jonglieren, der Akkordeonspieler verstummt, die Schaulustigen drängen sich um die blonde Japanerin. Ein Geiger wagt sich heran, Junko diktiert ihm ein e-Moll, und dann schallt Piafs La vie en rose über den Platz. Als der letzte Takt verhallt, legt sie die rechte Hand ans Herz, verbeugt sich zuerst vor dem Geiger, dann vor dem Publikum und schließlich vor der Stadt, die sich unter ihr kilometerweit in der Ebene ausbreitet. Von Pari shôkôgun keine Spur.

 
Leser-Kommentare
  1. "Dass Paris auch nur eine ganz normale europäische Metropole ist"
    Nein, Paris ist zauberhaft. Selbst ein CA wirkt dort viel heimischer, puppiger und glamouröser als bei uns. Nein Paris ist keine Stadt wie jede und nein auch die Leute sind dort sehr nett und hilfsbereit.
    Über Japaner in Paris kann ich leider nichts berichten ;-)

  2. Das ist weder ein Phänomen, das nur Japaner betrifft, noch auf Paris beschränkt. Viele Menschen gehen mit falschen Vorstellungen in die Fremde. Ich wohne seit Jahren in London und erlebe immer wieder, mit welch blauäuigen Vorstellungen da manche Menschen hinziehen, nur, weil sie sich mal mit 14 auf nem Wochenendausflug in die Stadt "verliebt" haben. In ner Stadt zu leben ist was ganz anderes, als mal für ein paar Tage die Touri-Highlights bestaunen zu können.

  3. Immer wieder dieser Mythos Paris.
    Ja, Pariser sind unfreundlich, unverschämt, unaufmerksam gegenüber ihrer Umgebung. Zum Urlaub machen ist Paris schön, zum Leben weniger, was einem auch gefühlte 99% der Franzosen bestätigen, selbst die Pariser.
    Ich erinnere mich nur an eine Szene in diesem Frühjahr, auf einer Bautelle auf dem Weg zu meiner damaligen Wohnung lag Samstagabends ein Obdachloser, der sich nicht mehr bewegte. Sonntag abend lag er in derselben Position, offenbar ohne sich bewegt zu haben.
    Er war halt gestorben. Aber, tzetze, der feine Pariser schaut weder nach, noch ruft er die Polizei oder den Krankenwagen.

  4. Was hier wieder fuer Klischees ueber Japan verbreitet werden.
    Ich wohne in Tokyo.
    "Ein Passant schnippt eine aufgerauchte Zigarette vom Finger. In Tokyo würde das niemand wagen." Doch, das wagen viele hier in Japan. Maenner, die Abends gegen Hauswaende urinieren. Normal hier. Von rabiaten Radfahren regelmaessig fast ueber den Haufen gefahren zu werden, hier normal. In Paris wuerde das wohl kaum jemand wagen.

    Man wird in der Tat in Japan in Restaurants und Geschaeften sehr hoeflich bedient. Auch sonst sind die Umgangsformen im Allgemeinen hoeflicher als in Europa. Man kann das aber nicht so verallgemeinern.
    Radfahrer und Raucher sind in Japan im Vergleich zu Europa absolut ruecksichtslos. Niemand bietet seinen Sitzplatz in der U-Bahn/Zug einer gebrechlichen Person oder schwangeren Frau an. Auch wenn man auf einem Platz sitzt, der fuer solcher Personen reserviert ist.

    "und wenn wir die Leute auf der Straße auf Englisch fragten, zuckten die nur die Schultern"
    Ja, nur ist das in Tokyo genauso.

  5. Die armen Japaner kommen, wie es scheint, mit sehr verklärten Erwartungen nach Paris - die so wahrscheinlich keine Stadt erfüllen könnte.
    Aber Paris ist wirklich keine ganz normale europäische Metropole.
    Paris est trop bien :)

    • 42317
    • 10.08.2010 um 9:27 Uhr

    ... leider ein wenig klischeebeladen.
    Fakt ist allerdings, dass Japaner gern aus Mücken Elefanten machen, sonst wäre "Mondai" nicht ein so prominentes Wort in Japan.

    Lustig auch, dass die Autorin sich nicht einigen kann, ob sie nun die Familiennamen zuerst oder zuletzt nennt.

  6. Haben Sie denn den dem bewegungslos daliegenden Obdachlosen geholfen, oder sind Sie auch nur, wie die Pariser, daran vorbeigegangen?

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